»Vermutlich gewöhnen sie sich so langsam an mich«, erwiderte die Allianz-Offizierin. »Außerdem verehren die Sie und …«
»Das ist ja absurd.«
»Nein, das tun sie wirklich. Und wenn sie sehen, dass Sie mir vertrauen, dann färbt das ein wenig auf die anderen ab.« Sie hatten die Luke erreicht, Bradamont hielt kurz inne. »Wenn Admiral Geary bereits zurück in Varandal ist, wird das ein Spaziergang.«
»Und wenn nicht, sagten Sie doch, könnten Sie sich dann immer noch mit diesem Admiral Timbale einigen«, erwiderte Marphissa. »Seien Sie vorsichtig. Ich will Sie nicht verlieren. Und dass Sie und Colonel Rogero mir ja keinen Kummer machen. Benehmen Sie sich, wenn Sie auf dem gleichen Schiff sind wie er. Nicht, dass Sie beide sich heimlich in ein stilles Eckchen zurückziehen.«
»Das ist sehr unwahrscheinlich«, antwortete Bradamont lachend. »Sie sind die Einzige in dieser Flotte, die das von Donal Rogero und mir weiß. Er glaubt zwar, dass seine Soldaten damit kein Problem hätten, aber wir wollen keine Schwierigkeiten mit den Überlebenden der Reserveflotte herausfordern, wenn sie sich auf dem gleichen Schiff aufhalten wie wir.«
»Sehr gut.« Dann zögerte Marphissa, da sie sich auf untypische Weise unsicher fühlte. »Wie sagen Sie noch mal? Mögen die Sterne Sie beschützen? So was in dieser Art?«
»Ja, so was in dieser Art. Mögen die lebenden Sterne über Sie wachen.«
Erst als sich die Luke hinter Bradamont geschlossen hatte, wurde Marphissa bewusst, dass die Allianz-Offizierin ihr nicht nur die korrekte Formulierung gesagt, sondern dass sie damit auch noch gemeint gewesen war. Viel Glück, Allianz-Abschaum. Kommen Sie heil zu uns zurück.
Einige Stunden später meldete sich Bradamont bei Marphissa von dem Frachter, zu dem das Shuttle sie gebracht hatte. Die Frachter und ihre Eskortschiffe hatten die beiden Schweren Kreuzer zurückgelassen und flogen so zügig auf den Sprungpunkt nach Varandal zu, wie es ihre Bauart zuließ.
Bradamont schaute betrübt drein. »Das Kurierschiff hat bestätigt, dass Admiral Geary mit der Flotte noch nicht über Atalia nach Varandal zurückgekehrt ist. Das war allerdings auch zu erwarten, da er nach Sobek fliegen musste und von dort eine Reihe von Sprüngen von System zu System zurücklegen muss, ehe er hier eintreffen kann. So oder so heißt das, wir werden vor ihm in Varandal ankommen. Wir können hier nicht auf ihn warten, denn es kann Tage oder Wochen dauern, ehe Admiral Geary mit dem Kik-Superschlachtschiff hier ankommt. Gegen dieses Schiff sind die Frachter so schnell wie Rennboote. Wir setzen unseren Weg nach Varandal fort.«
Black Jack braucht für seine Heimreise länger?, überlegte Marphissa. Damit haben wir gerechnet. Trotzdem bereitet mir das Sorgen. Das Syndikat wollte ihn nach Sobek lotsen, und das Syndikat spielt immer unfair. Ha! Du musst dich mal selbst hören! Du machst dir Gedanken um die Sicherheit der Allianz-Flotte!
Ja, das ist wahr. Die Dinge haben sich geändert.
Colonel Rogero hatte große Sorgfalt walten lassen, damit er sich Bradamont gegenüber so professionell und distanziert wie nur möglich verhielt. Aber nachdem er sie nach der Übermittlung der Nachricht an Kommodor Marphissa in ihre winzige Kabine an Bord des Frachters begleitet hatte, wo sie beide allein und ungestört waren, sah er sie besorgt an. »Du bist beunruhigt.«
»Ich bin eine Allianz-Offizierin, die Sie noch nie zuvor gesehen haben, schon vergessen? Sie dürften mich gar nicht kennen, Colonel«, erwiderte Bradamont und lächelte dabei flüchtig.
»Aber ich kenne dich, Honore. Rechnest du bei Varandal mit Schwierigkeiten?«
»Ich weiß nicht«, gestand sie ihm. »Es sollte keine Schwierigkeiten geben. Dennoch … Diese Frachter wurden von den Syndikatwelten gebaut, du und deine Soldaten, ihr seid ehemaliges Militär der Syndikatwelten. Jemand könnte auf die Idee kommen, uns Steine in den Weg zu legen.«
»Und was verschweigst du mir?«, fragte Rogero geradeheraus.
»Ach, verdammt. Warum versuche ich überhaupt erst, dir was vorzumachen?« Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl in der beengten Kabine. »Du bist der Senioroffizier. Es könnte sein, dass du die Übergabe der Gefangenen gegenzeichnen musst. Aber du …«
»… aber ich bin ein Mann, an dem deine Geheimdienstleute interessiert sein könnten?«
Bradamont nickte betrübt. »Wenn sie über Akten verfügen, die eine Verbindung zwischen Colonel Donal Rogero und der Informationsquelle mit Namen Roter Zauberer auf der Seite der Syndikatwelten herstellt, dann könnten sie darauf bestehen, dich zu verhaften. Sie würden es zwar nicht so nennen, aber im Prinzip würde es darauf hinauslaufen.«
»Und was ist mit dir? Welchen Decknamen hatte der Allianz-Geheimdienst für dich?«
»Weiße Hexe«, antwortete sie und verdrehte die Augen.
»Ehrlich?«
»Mach jetzt ja keinen Witz darüber.«
»Das würde mir gar nicht in den Sinn kommen«, protestierte er. »Aber das dürfte bedeuten, dass euer Geheimdienst auch an dir interessiert sein könnte.«
»Ja.« Sie verzog den Mund. »Ich muss mit Admiral Timbale Kontakt aufnehmen. Admiral Geary hat mir einige spezielle Codes mitgegeben, die ich eigens zu dem Zweck einsetzen kann. Aber es wäre am besten, wenn niemand sonst etwas davon erfährt, dass ich mit nach Varandal gekommen bin. Eine falsche Bemerkung am falschen Ort könnte zur Folge haben, dass wir beide verhaftet und alle sechs Frachter beschlagnahmt werden. Das wird sehr interessant werden, Donal. Und obwohl wir uns auf dem gleichen Schiff befinden, kann ich dich nicht mal berühren.«
»Unsere Träume haben uns lange Zeit durchhalten lassen. Da werden wir es auch noch ein wenig länger schaffen, nicht wahr? Glaubst du, der Geheimdienst der Allianz und die Schlangen gemeinsam können uns besiegen?«
Bradamont lächelte und deutete einen lässigen Salut im Stil der Allianz an. »Nein, Sir, wir werden das schon schaffen.«
Es fiel schwer, die Leichten Kreuzer und die Jäger zurückzulassen, während die Frachter den Sprung nach Varandal unternahmen. Immerhin waren sie nicht bloß auf dem Weg in ein von der Allianz kontrolliertes Sternensystem, dieses System war auch noch ein bestens verteidigter militärischer Stützpunkt. Auch wenn die Supervisoren und die Crewmitglieder der Frachter nicht zum Militär gehörten und sie die mobilen Streitkräfte des Syndikats für nur wenig besser hielten als die Kriegsschiffe der Allianz, machte sogar ihnen die Aussicht Angst, ganz ohne Eskorte in Varandal eintreffen zu müssen.
Colonel Rogero achtete genau auf die Gespräche, die während des viertägigen Aufenthalts im Sprungraum um ihn herum geführt wurden. Er versuchte mit den Frachtersupervisoren über den Sprungraum zu reden, doch die wussten so gut wie nichts über die theoretische Seite des Sprungraums und des Sprungantriebs. Sie waren praxisorientierte Männer und Frauen, die wussten, wie sie ihre Ausrüstung am Laufen hielten und was diese Ausrüstung zu leisten imstande war. Aber sie hatten keine Ahnung, ob der Sprungraum tatsächlich ein anderes Universum war, in dem niemals ein Stern oder ein Planet entstanden war und in dem alle Strecken erheblich kürzer waren als in dem Universum, in dem die Menschen existierten. Der Sprungraum war etwas, das sie durchquerten, um innerhalb einer vertretbaren Zeit an den Ort zu gelangen, wo sie hin mussten. Mehr gab es für sie nicht zu wissen.
Er hatte nur wenige Bodenstreitkräfte auf die Frachter verteilt, je Schiff war es maximal ein Zug. Immerhin sollte so viel Platz wie möglich zur Verfügung stehen, um die befreiten Gefangenen unterzubringen. Rogeros Leute begegneten Bradamont mit Skepsis, aber die Tatsache, dass sie auf Befehl von General Drakon an Bord war (zumindest hielten sie es für eine Tatsache, in Wahrheit war es nur das, was Rogero ihnen gesagt hatte), genügte den Soldaten, die ungewohnte Gegenwart einer frei umherlaufenden Allianz-Offizierin zu akzeptieren.