Bradamont hatte zudem dafür gesorgt, dass sie in der Gegenwart einiger Soldaten »zufällig« die Stelle an ihrem Arm entblößte, an der jene Markierung noch deutlich zu sehen war, die erkennen ließ, dass sie eine gewisse Zeit in einem Arbeitslager des Syndikats verbracht hatte. Jeder, der ein Arbeitslager überlebt hatte, konnte sich eines gewissen Mitgefühls und Respekts von Leuten wie Rogeros Soldaten gewiss sein, die selbst das Syndikat über sich hatten ergehen lassen.
Jetzt aber war die Zeit des Wartens bald vorüber. Rogero hatte Bradamont zur beengten Frachterbrücke begleitet, wo der Frachter-Executive seine Nervosität angesichts der Rückkehr in den Normalraum kaum überspielen konnte.
»Und die werden nicht auf uns schießen?«, fragte der Executive bereits zum dritten Mal, obwohl Bradamont diese Frage schon zweimal mit einem klaren ›Nein‹ beantwortet hatte.
»Vermutlich nicht«, antwortete sie diesmal und gab sich dabei völlig unbekümmert. »Falls doch, werden wir wohl in der Lage sein, die Rettungskapsel zu erreichen, bevor das Schiff explodiert. Allerdings passen wir da nicht alle rein, daher hoffe ich für Sie, dass Sie schnell genug rennen können.«
Rogero, der hinter dem Frachter-Executive stand, grinste Bradamont an, während sie ihre todernste Miene wahrte.
Das Verlassen des Sprungraums hinderte den Executive daran, das auszusprechen, was immer er darauf hatte erwidern wollen.
Zwei Allianz-Zerstörer hielten sich in einer Entfernung von fünf Lichtsekunden zum Sprungpunkt auf.
Sofort stockte Rogero der Atem, da sich ein Instinkt meldete, der von einem Krieg geschärft worden war, den er ein Leben lang mitgemacht hatte.
Aber Bradamont machte eine aufmunternde Geste und zeigte auf den Transmitter des Frachters. Also gut. Dann wollen wir mal sehen, wie gut ich mich mit der Allianz unterhalten kann. »Hier spricht Colonel Rogero vom unabhängigen Midway-Sternensystem. Wir sind auf Einladung von Admiral Geary hergekommen und befinden uns auf einer friedlichen Mission, um Kriegsgefangene der Reserveflotte des Syndikats abzuholen. Verständigen Sie bitte Admiral Timbale, dass wir Informationen über Admiral Geary und den Verlauf seiner Mission haben, und richten Sie ihm bitte aus, dass wir mit ihm reden möchten.«
Plötzlich hob Bradamont warnend eine Hand, und Rogero konnte gerade noch runterschlucken, was er als Nächstes hatte sagen wollen. Stattdessen schloss er nur mit: »Rogero, Ende.«
»Ich hätte Sie vorher warnen sollen«, sagte sie. »Ein Für das Volk hätte Sie sofort zum Syndik gestempelt.«
»Wahrscheinlich werden sie uns sowieso dem Syndikat zuordnen. Aber mit ein wenig Glück«, fuhr Rogero fort, »haben wir sie mit der Ankündigung, Neues über Black Jack berichten zu können, so neugierig gemacht, dass sie uns nicht sofort in Stücke schießen.«
»Sie wissen, dass Admiral Timbale neugierig sein wird«, bestätigte Bradamont. »Und sie werden sich nicht seinen Zorn zuziehen wollen.«
Rogero beobachtete das eingeschränkte Display des Frachters, das schubweise eine unendliche Anzahl an Kriegs- und Versorgungsschiffen, zivilen Raumfahrzeugen, Reparatureinrichtungen und Verteidigungsanlagen im gesamten System zur Darstellung brachte. »Dabei ist Black Jack noch nicht mal zurück«, murmelte Rogero, »und trotzdem wimmelt es hier von Schiffen.«
»So viele Kriegsschiffe sind nicht im System«, wandte Bradamont ein. »Außerdem sind das nur Schiffe der Klassen Kreuzer und darunter.«
»Und die sind alle groß genug, um uns Sorgen zu bereiten«, gab der Frachter-Executive mürrisch zu bedenken.
Keine dreißig Sekunden vergingen, da traf eine Antwort von einem der Zerstörer ein. »Hier spricht Lieutenant Commander Baader vom Allianz-Zerstörer Sai. Ihr Status und Ihre politische Zugehörigkeit sind uns nicht bekannt, Colonel Rogero. Sie und Ihr Schiff sehen nach Syndik-Herkunft aus.«
Wieder machte Bradamont eine aufmunternde Geste, und Rogero betätigte erneut die Komm-Kontrolle. »Ich bin ein Colonel der Bodenstreitkräfte des freien und unabhängigen Midway-Sternensystems. Meine Loyalität gilt unserer Präsidentin Iceni und meinem Befehlshaber General Drakon. Wir gehören nicht länger zum Syndikat. Das Syndikat ist unser Feind. Wir befinden uns im Frieden mit der Allianz und haben in Midway an der Seite Ihres Admiral Geary gekämpft.«
Diesmal dauerte es eine Minute, ehe Lieutenant Commander Baaders Bild erneut auftauchte. »Wir haben Ihre Nachricht an Admiral Timbale weitergeleitet, Colonel Rogero. Ihre Frachter bleiben in diesem Orbit, bis wir die Freigabe erhalten, Sie passieren zu lassen.«
»Wir müssen weiter warten?«, fragte Rogero.
»Ganz richtig«, bestätigte Bradamont. »Sie haben die Angelegenheit an ihre Vorgesetzten weitergegeben, was das Klügste ist, das sie tun konnten.«
Die Nachricht bewegte sich mit Lichtgeschwindigkeit zur Ambaru-Station, wo sich Admiral Timbales Hauptquartier befand, und kehrte von dort zur Frachterflotte zurück, was wegen der immensen Entfernungen im Sternensystem viele Stunden in Anspruch nahm. So viele Stunden, dass Rogero viel später vom Zweiten Offizier des Frachters geweckt und aus seiner Kabine geholt werden musste. Auf dem Weg zur Brücke nahm er dann gleich noch Bradamont mit.
»Hier spricht Admiral Timbale.« Der Admiral wirkte nachdenklich und argwöhnisch, was Rogero als gutes Zeichen wertete. »Wir würden uns natürlich freuen, die derzeit hier festgehaltenen Syndik-Gefangenen nach Hause zu entlassen, erst recht, wenn sie von einem Repräsentanten eines Sternensystems abgeholt werden sollten, das sich vom Joch der Syndiks befreit hat. Aber das Ganze ist mit Blick auf die Geschichte unserer beiden Völker eine heikle Angelegenheit, bei der ich mit höheren Dienststellen Rücksprache nehmen muss. Ihre Schiffe werden hier warten müssen, bis ich eine Antwort erhalten habe. Das wird mindestens zwei Wochen in Anspruch nehmen.«
Rogero schaute Captain Bradamont an, die den Mund verzog. »Das ist der schlimmste Fall, den ich in Erwägung gezogen hatte«, sagte sie. »Aber jetzt haben wir zumindest eine Übertragungs-ID, die ich für eine Rückmeldung bei Admiral Timbale benutzen kann. Ist dieses Schiff in der Lage, einen eng gebündelten Strahl zu senden, der so sicher ist, dass nur der Empfänger die Nachricht lesen kann?«
»Das ist möglich, seit wir für die Mission nach Taroa die Technik an Bord aufgerüstet haben«, antwortete Rogero. »So was ist sicher keine Standardausrüstung für Frachter wie diesen. Aber um diese besseren Geräte nutzen zu können, müssen wir in ein Abteil wechseln, das speziell dafür eingerichtet worden ist.«
Er führte sie durch die zu dieser Zeit nahezu verwaisten Gänge des Frachters, bis sie eine Luke erreichten, hinter der ein kleines Abteil lag. Nach dem Geruch zu urteilen, der sich dort hielt, mussten in dem Raum früher Kartoffeln und Zwiebeln gelagert worden sein. Einer von Rogeros Soldaten wachte einsam über die Anlage, obwohl es äußerst unwahrscheinlich war, dass auf der momentanen Frequenz irgendwelche Nachrichten eingingen. »Wollen Sie unverschlüsselt senden?«, fragte Rogero Bradamont.
Sie hielt eine Datenscheibe hoch. »Hier drauf befinden sich die erforderlichen Allianz-Codes. Admiral Geary hat sie mir für den Fall mitgegeben, dass ich über Ihre Kanäle eine verschlüsselte Nachricht senden muss.«
»Alles klar.« Rogero nickte dem Komm-Controller zu. »Auf und davon.«
Der Mann stand auf, salutierte und verließ wortlos das Abteil.
»Deine Leute stellen nicht gerade viele Fragen«, meinte Bradamont, während sie an der Komm-Station Platz nahm.
»In der Syndikatshierarchie sind Arbeiter, die Fragen stellen, nicht gern gesehen«, antwortete er und schloss die Luke. »Für meine Soldaten ist das etwas, was sie ihr Leben lang gelernt haben. Das können sie nicht so schnell ablegen.«
Sie sah ihn kurz an und lächelte flüchtig. »Du scheinst das aber nicht in gleichem Maße verinnerlicht zu haben.«