Der befehlshabende Marine machte wortlos eine Geste in Rogeros Richtung, dann führte er ihn in einen weitläufigeren Bereich, wo zu beiden Seiten Zivilisten zu sehen waren, deren Zahl beständig wuchs, während sie von weiteren Marines zurückgehalten wurden. Offenbar hatte sich die Nachricht von seiner Ankunft schnell herumgesprochen, jedoch konnte das noch nicht lange her sein, da sich die Zuschauer sputeten, um das Spektakel nicht zu verpassen.
Admiral Timbale wartete inmitten der freien Fläche und stand reglos da wie ein Wachposten.
Als Rogero sich den Marines näherte, setzte in der Menschenmenge Gemurmel ein, da fast jeder zu reden begann, dabei aber so leise war, dass Rogero keine einzelne Stimme heraushören konnte. Aber auch wenn er nicht verstand, was gesprochen wurde, konnte er wahrnehmen, was diese Schaulustigen verspürten: Neugier. Er trug keine Uniform der Syndikatwelten, er war kein Gefangener. So lange Zeit hatte jeder Mensch das Universum zweigeteilt erlebt. Entweder man gehörte zur Allianz (oder zu den eher zweitrangigen Verbündeten wie der Callas-Republik oder der Rift-Föderation), oder man war Angehöriger des Syndikats. Rogero dagegen stellte etwas Anderes, etwas Neues dar. Nur … was?
Er wünschte, er hätte die Antwort darauf gewusst.
Rogero blieb vor dem Allianz-Admiral stehen und salutierte, wobei er mit der rechten Faust seine linke Brust berührte. Würden die Menschen hier diese Geste als einen Salut im Stil des Syndikats wahrnehmen? Mindestens fünfzig Jahre war es her, da war dem Syndikatpersonal untersagt worden, vor einem Offizier der Allianz zu salutieren. Es war einer der kleinlichen Tiefpunkte im gegenseitigen Miteinander gewesen, die den Krieg geprägt hatten, der kein Ende hatte nehmen wollen. Sehr wahrscheinlich hatte niemand außer Kriegsgefangenen je gesehen, wie Syndikatsarbeiter voreinander salutierten.
Admiral Timbale, der Rogero aufmerksam musterte, reagierte mit dem Allianz-Gruß, indem er mit der rechten Hand seine rechte Schläfe berührte. »Willkommen auf der Ambaru-Station, Colonel Rogero vom unabhängigen und freien Midway-Sternensystem.« Timbale sprach die Worte bedächtig und deutlich, damit die Zuschauer alles mitbekamen und auch der genaue Wortlaut Eingang in die offiziellen Aufzeichnungen fand.
Bradamont hatte ihm vorgegeben, was er sagen sollte, deshalb hielt Rogero einen Moment lang inne, um sich zu vergewissern, dass er sich seinen Text richtig eingeprägt hatte. »Als offizieller Vertreter des unabhängigen und freien Midway-Sternensystems spreche ich hiermit meinen Dank für Ihren Beistand bei dieser humanitären Mission aus, die man mir aufgetragen hat.« Es war anfangs nicht einfach für ihn gewesen, das Wort humanitär ohne jenen sarkastischen Unterton auszusprechen, der beim Syndikat immer mitgeschwungen hatte. Aber Bradamont hatte ihn so lange darauf gedrillt, bis es ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. »Admiral Geary hat unser Sternensystem und alle von Menschen besiedelten Regionen gleich zweimal gegen Angriffe der Enigma-Rasse verteidigt. Für unsere Streitkräfte war es eine Ehre, beim letzten Gefecht an seiner Seite kämpfen zu dürfen.« Du musst unbedingt Admiral Geary erwähnen, hatte Bradamont ihn gedrängt. Lass sie wissen, dass er euch als Verbündete akzeptiert hat. Und nenne ihn nicht Black Jack. Die Leute in der Allianz mögen ihn selbst so bezeichnen, aber du musst respektvoller erscheinen. »Wir hoffen, wir stehen erst am Anfang eines neuen Kapitels unserer Beziehungen zu den Menschen der Allianz.«
Wieder war aus der Menge gedämpftes Stimmengewirr zu hören. Bedrohlich klang es nach wie vor nicht, allerdings auch nicht einladend, sondern eher … skeptisch. Na ja, er konnte diesen Leuten keinen Vorwurf machen, immerhin sah er eine Zusammenarbeit mit der Allianz auch mit einer gewissen Skepsis. Die unzähligen Toten in diesem sehr langen und erst vor Kurzem beendeten Krieg würden noch lange Zeit zwischen beiden Völkern stehen.
Ein Offizier, der dicht hinter Timbale postiert war, kam um ihn herum und reichte ihm ein Daten-Pad. Timbale nahm das Pad an sich, blickte auf den Monitor und hielt es dann Rogero hin.
Der las den Text auf dem Monitor sorgfältig, auch wenn er mit der Vereinbarung identisch zu sein schien, die man ihm zuletzt zugeschickt hatte. Schließlich berührte er die Aufnahmetaste und aktivierte das Pad. »Ich, Colonel Donal Hideki Rogero, akzeptiere als autorisierter und bestellter Repräsentant von Gwen Iceni, Präsidentin des Midway-Sternensystem, die Übernahme der ehemaligen Gefangenen aus den Streitkräften der Syndikatwelten, die sich derzeit im Gewahrsam der Allianz im Varandal-Sternensystem befinden, und bestätige, mich an die Bestimmungen dieser Vereinbarung zu halten.«
Timbale nahm das Datenpad an sich, gab es an seinen Adjutanten weiter, der gleich darauf zwei Schritte nach hinten machte, und sah dann wieder Rogero an. »Hundert Jahre Hass«, sagte der Admiral leise, »lassen sich nicht so leicht überwinden.«
»Und dennoch müssen wir ihn überwinden«, erwiderte Rogero, »damit die nächste Generation die Chance bekommt, ohne diesen Hass zu leben.«
»Wohl wahr, aber würden Sie immer noch die Uniform eines Syndiks tragen, dann hätte ich große Mühe, Ihren Worten zu glauben.« Timbale deutete mit einer Kopfbewegung auf die Menschenmenge. »Diesen Leuten wurde gesagt, dass Admiral Geary Ihre Regierung unterstützt. Daher sind sie bereit zuzuhören. Sagen Sie Ihren Führern, sie sollen diese Chance nicht vertun. Das Volk der Allianz wird vielleicht kein zweites Mal zuhören wollen, wenn es wieder verraten wird.«
»Ich verstehe.« Erneut salutierte Rogero und fügte hinzu: »Für das Volk.« Bradamonts Bemerkungen waren ihm im Gedächtnis geblieben, daher ließ er seine Worte so klingen, als ob sie tatsächlich etwas bedeuteten, was ihm einen skeptischen Blick von Timbale einbrachte.
»Auf die Ehre unserer Vorfahren«, erwiderte Timbale und salutierte ebenfalls. »Vielleicht …«, begann er.
Lärm und plötzliche Hektik lenkten beide ab. Rogero entdeckte eine größere Anzahl Allianz-Soldaten in Uniform, die ihm bekannt vorkamen. Elite-Kommandosoldaten. Sie waren auf dem Weg zu ihm und beeilten sich, sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen.
Timbale drehte sich abrupt zu dem Marine-Offizier um. »Bringen Sie ihn zurück auf sein Shuttle. Sofort! Sorgen Sie dafür, dass er an Bord kommt und die Luke verschlossen wird. Versperren Sie jedem den Weg, der zu ihm will.«
Der Marine salutierte hastig, dann trieben er und seine Kameraden Rogero in aller Eile zurück zum Hangarzugang. Rogero verspürte einen sonderbaren Widerwillen, auf diese Weise den Rückzug anzutreten. Am liebsten wäre er stehengeblieben und hätte diesen Kommandosoldaten die Stirn geboten, so wie er es während des Krieges mehr als einmal gemacht hatte.
Aber das wäre nicht nur dumm, sondern sinnlos gewesen. Er konnte nicht gewinnen, und er würde seine Mission aufs Spiel setzen.
Und wenn er jetzt und hier von den Kommandosoldaten festgenommen wurde, würde Honore zweifellos ihr Versprechen wahrmachen und herkommen, um ihn zu befreien — ganz ohne Rücksicht darauf, welche Folgen das für sie bedeuten würde. Diese Erkenntnis gab für ihn den Ausschlag.
Die Marines bildeten eine massive Mauer im Durchgang hinter Rogero, während er den Hangar erreichte. Allein schon ihre Rüstungen bildeten eine beeindruckende Barriere, zumal die meisten Marines den Verfolgern zugewandt standen und dabei ihre Waffen zwar nicht unbedingt in drohender, aber jeden falls eindeutiger Pose hielten. Er hörte, wie Admiral Timbale den Kommandosoldaten wiederholt befahl stehenzubleiben, was nur bedeuten konnte, dass sie ihn ignorierten. Er hatte keine Ahnung, wie viel Zeit ihm blieb und was die Marines tun würden, wenn die Kommandos sie erreichten. Dennoch hielt er lange genug inne, um dem Marine-Offizier der Allianz in die Augen zu sehen, von Soldat zu Soldat, von Veteran zu Veteran. »Danke.«