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Der Marine schaute ihn mit ausdrucksloser Miene an, aber in seinen Augen funkelte Feindseligkeit und Verwirrung. Als die Feindseligkeit ein klein wenig nachließ, nickte der Marine, um die Bemerkung zu bestätigen.

Mehr kam nicht von ihm, aber diese Reaktion war immerhin schon etwas.

Rogero lief die Rampe hinauf und betrat das Shuttle, gleich darauf hörte er, wie sich die Luken hinter ihm schlossen.

»Sofort anschnallen!«, rief der Pilot über Interkom. »Der Admiral hat mir den unmittelbaren Befehl erteilt, auf der Stelle von hier zu verschwinden!«

Rogero hatte gerade erst Platz genommen, da wurde er schon durch die Beschleunigung so in seinen Sitz gedrückt, dass ihm die Luft aus den Lungen gepresst wurde. Irgendwie gelang es ihm, den Gurt anzulegen, während das Shuttle in wildem Wechsel nach rechts und links und nach oben und unten flog, als wären sie auf einer Achterbahn im All unterwegs. Piloten! Diese Typen sind alle verrückt! Wahrscheinlich macht es ihm hier riesigen Spaß, wie ein Wahnsinniger zwischen all den anderen Schiffen hin und her zu rasen, auch wenn es mehr als lebensgefährlich ist.

Bradamont hatte recht gehabt. Die Bodenstreitkräfte hatten tatsächlich versucht sich einzumischen, zweifellos mit dem Ziel, ihn zu verhaften. Vielleicht war das ja auf Veranlassung des Geheimdienstes der Allianz geschehen, der Rogero spätestens in dem Moment wiedererkannt hatte, als er bei der Übergabezeremonie seinen vollen Namen genannt hatte. Aber Bradamonts Einschätzung der Situation war auch in der Hinsicht zutreffend gewesen, dass Timbale vertrauenswürdig war.

Ich wurde von Allianz-Marines beschützt, überlegte Rogero. Ich wurde von ihnen verteidigt. Das wird mir niemand glauben. Ich bin mir ja nicht mal sicher, ob ich selbst das glaube. Dabei war ich dabei!

Er sah auf das Display neben seinem Platz und fragte sich, ob es ihm wohl erlaubt war, es zu berühren. Es zeigte momentan nur eine Außenansicht — Sterne und andere helle Objekte, die sich funkelnd von der Schwärze des Alls abhoben. Die Lichtpunkte verwandelten sich in helle Streifen, da der Pilot sein Fahrzeug immer wieder auf neue Vektoren lenkte. Das Shuttle drehte sich einmal um seine Längsachse, sodass das Bild eines nicht allzu weit entfernten Planeten von unten nach oben über die Anzeige huschte und gleich darauf wieder verschwand.

»Da sind jede Menge Shuttles unterwegs«, sagte der Pilot so plötzlich, dass er Rogero aus seinen Gedanken riss. »Nach den Kennzeichnungen zu urteilen sind sie randvoll mit Passagieren. Das müssen Ihre Leute sein.«

Und wieder hält Admiral Timbale Wort. Er hat den Transport der Gefangenen schon angeordnet, als ich noch auf dem Weg zu meinem Treffen mit ihm war.

Was genau ist auf der Station vorgefallen? Warum weigert sich Allianz-Militär, auf die Befehle eines Senioroffiziers zu hören, selbst wenn er zur Flotte gehört und sie Bodenstreitkräfte sind? Kein Arbeiter des Syndikats hätte den Befehl eines CEO ignoriert, nur weil es sich bei ihm nicht um den ihnen zugeteilten Supervisor handelte.

Aber wenn die Anweisung für eine Aktion von einer CEO-Schlange gegeben worden war, dann hatten gewöhnliche CEOs allerdings Mühe gehabt, dieser Aktion ein Ende zu setzen.

Das Ganze stinkt nach politischem Taktieren. So was hätte ich bei der Allianz nicht erwartet. Trotz allem, was Honore mir erzählt hat, dachte ich, sie wären in ihrer Hingabe für rein militärische Angelegenheiten von fanatischer Reinheit. Nicht so wie bei uns früher, wo die Politik immer an erster Stelle kam. Die meisten offiziellen Vertreter des Syndikats — oder besser gesagt: des damaligen Syndikats —, die ich kenne, haben so gedacht wie ich. Wie seltsam, dass wir davon überzeugt waren, unsere Gegner seien uns ausgerechnet in diesem Punkt überlegen. Und was für eine eigenartige Enttäuschung, dass dem nicht so ist. Wenn wir schon verlieren mussten, warum konnte der siegreiche Feind dann nicht wenigstens übermenschlich sein?

»Vielen Dank«, sagte er zu dem Piloten. »Wie lange noch, bis wir mein Schiff erreichen?«

Er erhielt keine Antwort. Womöglich bereute der Pilot bereits, dass er von sich aus etwas gesagt hatte, da ihm mittlerweile eingefallen war, um wen es sich bei seinem Passagier handelte.

Jeglicher Nervenkitzel des wilden Flugs hatte sich in Luft aufgelöst, als das Shuttle auf ruppige Weise zum Bremsmanöver ansetzte. Zum Glück war die Achterbahnfahrt sanfter geworden, je weiter sie sich von Ambaru entfernten. Rogero hielt die Armlehnen umklammert, während der Bremsvorgang anhielt. Dann nahm der Flug ein genauso abruptes Ende, und einen Augenblick später spürte Rogero einen sanften Stoß, der vom Andocken an der Luftschleuse des Frachters kündete. Ein schneller Anflug, ein durchgehendes Bremsmanöver, gefolgt von einem Kontakt mit dem Ziel, ohne dass noch einmal in letzter Minute die Steuerdüsen Korrekturen durchführen mussten. Dieser Pilot wollte einfach nur angeben, sogar unter diesen ungewöhnlichen Umständen. Rogero grinste und war vor Erleichterung ein wenig berauscht. »Gut gemacht!«, rief er dem Piloten zu. »Sie sind ein Könner.«

Als er zur Luftschleuse ging, kam vom Piloten die knappe Erwiderung: »Danke.«

Kaum war Rogero von der Luftschleuse auf den Frachter übergewechselt, merkte er, wie das Shuttle schon wieder ablegte.

Lieutenant Foster, Kommandant von Rogeros Zug, stand mit etlichen seiner Leute bereit. »Uns wurde gesagt, dass die erste Ladung Gefangener innerhalb der nächsten Minuten eintreffen soll, Sir«, erklärte Foster.

»Wenn Sie sie an Bord holen, dann bringen Sie die Leute sofort möglichst weit von der Luftschleuse weg«, wies Rogero ihn an, der sich immer noch an den abrupten Wechsel zu gewöhnen versuchte, dass er jetzt wieder zwischen seinen eigenen Soldaten stand, nachdem er erst vor ein paar Minuten von Allianz-Marines umgeben gewesen war. »Schnell, zügig, ohne Aufenthalt. Noch Fragen?«

»Nein, Sir.«

Über fünftausend Passagiere, die auf sechs Frachter verteilt werden sollten. Sie würden sie in den spartanischen Quartieren und den Gängen stapeln müssen, aber ihnen blieb keine Zeit, um sie auch nur halbwegs ordentlich zu stapeln.

Die Luftschleuse öffnete sich erneut, Männer und Frauen kamen an Bord des Frachters. Sie alle trugen verschossene Syndikatsuniformen, die amateurhaft geflickt waren, die Risse, Löcher und Brandflecken aufwiesen. Sie machten einen durchweg gesunden Eindruck, einzig ihre Augen ließen jene Skepsis und Resignation von Menschen erkennen, die ein Leben lang nichts als Sorge und Ungewissheit gekannt hatten. Für Rogero war dieser Blick nichts Neues. Die meisten Arbeiter der Syndikatwelten trugen ihn zur Schau, auch wenn sich alle Mühe gaben, ihn zu überspielen.

»Willkommen«, sagte Rogero in autoritärem Tonfall. »Wir sind hergekommen, um Sie nach Midway zu bringen. Sie sind nicht länger Gefangene der Allianz.«

Eine Frau in der verschlissenen Uniform einer Senior-Managerin straffte die Schultern und wandte sich so an ihn, wie es das Syndikat ihr eingetrichtert hatte: »Geehrter CEO …«

»Ich bin kein CEO. Ich war ein Sub-CEO. Jetzt bin ich ein Colonel der Bodenstreitkräfte des unabhängigen Midway-Sternensystems. Sie kennen uns. Und jetzt befolgen Sie die Anweisungen. Wir müssen alle so schnell wie möglich an Bord holen.«

Die befreiten Gefangenen wirkten benommen und unterhielten sich leise, während sie einem der Soldaten durch den Korridor folgten.

Lieutenant Foster sah erstaunt zur Luftschleuse, durch die immer mehr Gefangene an Bord kamen. »Wie viele sind das?«

»So viele wie die Allianz im Rahmen der Sicherheitsvorschriften unterbringen konnte«, antwortete Rogero. »Außer der Kleidung, die sie am Leib tragen, besitzen sie kaum etwas. Kein Gepäck, keine auftragenden Kleidungsstücke, keine Schutzanzüge. Das heißt, keiner von ihnen beansprucht sonderlich viel Platz.«