Выбрать главу

In der folgenden Stunde kam ein Shuttle nach dem anderen an, entließ seine Passagiere an Bord, und legte gleich wieder ab, um dem nächsten Transport Platz zu machen. Das Gefühl der Eile war deutlich zu spüren, doch je mehr Leute an Bord eintrafen, umso mehr zog sich der Prozess in die Länge, da die Gänge verstopft waren.

Obwohl sie alle darauf gedrillt worden waren, unbedingten Gehorsam zu leisten, waren die Gefangenen desorientiert und verwirrt, und etliche von ihnen standen nur da und schauten sich um, als erwarteten sie, jeden Moment aus einem Traum aufzuwachen.

»Bewegung!«, fuhr Rogero eine Gruppe an, die aus einem unerfindlichen Grund angehalten hatte und dadurch eine Kreuzung zweier Korridore komplett blockierte. Gerade als die Arbeiter daraufhin wie aufgescheuchte Rehe davoneilten, hörte Rogero, wie jemand seinen Namen rief.

»Donal!«

Colonel Rogero drehte sich um und erkannte das sich ihm nähernde Paar, auch wenn er einen Moment lang seine Erinnerung durchforsten musste, um die beiden zuzuordnen. Er war Sub-CEO Garadun, sie hieß Executive Ito. Vom … von einem Schlachtkreuzer. Der Name wollte ihm nicht einfallen.

Sie waren sich bei offiziellen Treffen und damit verbundenen gesellschaftlichen Anlässen begegnet, die aber nie in zwangloser Atmosphäre stattgefunden hatten. Auch hatte er bei diesen Anlässen kaum etwas über die anderen Gäste erfahren, und das galt auch für diese zwei. Grund dafür war, dass jeder davon ausging, dass sich unter den Anwesenden auch heimliche Schlangen befanden, die — so wie die zweifellos überall versteckten Kameras und Mikrofone — nur darauf aus waren, irgendwen bei einer Äußerung zu ertappen, die gegen seine Loyalität gegenüber dem Syndikat sprach. Zwar wurden bei diesen Anlässen alkoholische Getränke kostenlos und in beliebigen Mengen angeboten, aber weil das nur dem Zweck diente, die Gäste geschwätzig werden zu lassen, achteten die sehr genau darauf, wovon sie wie viel tranken. Das machte jedes »zwanglose« Zusammentreffen zu einem extrem förmlichen Ereignis, da jeder sehr darauf bedacht war, nichts Falsches zu tun oder zu sagen, und man gleichzeitig sehr genau darauf hörte, was andere von sich gaben.

Garadun blieb vor Rogero stehen und grinste ihn breit an. »Dann stimmt es tatsächlich! Sie sind hergekommen, um uns hier rauszuholen! Zur Abwechslung befreien die Bodenstreitkräfte mal die mobilen Streitkräfte aus einer Klemme!«

»Wir sind vom BC-77D«, sagte Ito, die sich neben Garadun stellte. »Nur für den Fall, dass Sie sich nicht mehr daran erinnern. Viele von unserer Crew konnten sich retten, als unsere Einheit zerstört wurde, und sie sind jetzt alle bei uns.« Sie grinste fast so breit wie Garadun. »Dann stimmt es also? Die Syndikatsregierung existiert nicht mehr?«

»Sie existiert immer noch«, stellte Rogero richtig. »Aber im Wesentlichen nur noch auf Prime. Wir beispielsweise haben sie aus Midway vertrieben.«

»Die Schlangen?«

»Tot. Wir haben alle erwischt.« Rogero hörte, wie stolz er klang. Aber warum auch nicht? Es stimmte schließlich.

Garadun und Ito sahen sich kurz an. »Es ist nicht zu übersehen, dass Sie über Bodenstreitkräfte verfügen. Aber wie sieht es mit den mobilen Streitkräften aus?«, wollte er wissen.

»Was glauben Sie, wieso wir hier sind? Wir brauchen erfahrene Besatzungen.«

»Woher wussten Sie, dass Sie hierherkommen mussten?«, fragte Ito. »Woher wussten Sie, dass irgendeiner von uns überhaupt noch lebt?«

Rogero räusperte sich, um ein paar Sekunden für sich herauszuholen, ehe er fragte: »Wie viel wissen Sie? Über das, was passiert ist, nachdem …«

»… nachdem wir in Gefangenschaft geraten waren?«, führte Garadun seinen Satz zu Ende. »Nicht viel. Die Allianz-Wachen behaupteten immer, der Krieg sei zu Ende und sie hätten gewonnen. Mag sein, dass das stimmt. Geglaubt haben wir es ihnen nicht, aber wir wussten nicht, was wirklich los ist. Da Sie jetzt hier sind, haben wir ja vielleicht doch gewonnen.«

»Nein, die anderen haben gewonnen«, erwiderte Rogero. »Black Jack.«

Ito schüttelte den Kopf und schaute finster drein. »Er ist kein Mensch, sondern ein Dämon. Das kann gar nicht anders sein.«

»Er hat uns gerettet«, platzte Rogero raus und sah den Schock in den Gesichtern der anderen. »Nachdem er die Syndikatsregierung in die Knie gezwungen und dem Krieg ein Ende gesetzt hatte, kam er mit seiner Flotte nach Midway und vereitelte einen Versuch der Enigmas, das Sternensystem zu übernehmen.«

»Er hat die Enigmas geschlagen?« Garadun sah Rogero ungläubig an.

»Ein Dämon«, wiederholte Ito.

Das hier war nicht der geeignete Augenblick, um die komplizierten Ereignisse zu schildern, die dazu geführt hatten, dass der berüchtigte Black Jack zum Retter des Midway-Sternensystems wurde. »Letztlich hat also die Regierung des Syndikats aufgeben müssen«, sagte Rogero, um ein wenig von Black Jack abzulenken. »Das gesamte System ist gescheitert. Bei Midway haben jetzt Präsidentin Iceni und General Drakon das Sagen. Wir sind frei.« Er musste lächeln, als er die Reaktion der beiden auf das Wort »frei«, bemerkte. »Bei Atalia wartet eine Eskorte auf uns. Kreuzer und Zerstörer, die loyal zu uns stehen und die befehligt werden von Kommodor Marphissa …«

»Kommodor?«, warf Garadun ein. »Der Name Marphissa sagt mir gar nichts.«

»Sie war eine Executive auf einem Schweren Kreuzer. Nachdem alle Syndikat-Loyalisten ausgeschaltet waren, klafften in der Befehlskette große Lücken, was die Chancen auf schnelle Beförderung verbesserte. Hören Sie, wir haben hier kaum die Möglichkeiten, Sie alle zu untersuchen. Können Sie mir mehr über den Gesundheitszustand der Leute sagen? Die meisten von denen, die ich bislang gesehen habe, machten einen ganz guten Eindruck. Ich habe auch bei niemandem unbehandelte Verletzungen entdecken können.« Er musste nicht erst erklären, warum er überhaupt erst Ausschau danach gehalten hatte. In einem Arbeitslager des Syndikats wäre so etwas an der Tagesordnung gewesen.

Garadun sah wütend zur Seite.

Ito sah ihn mitfühlend an, dann wandte sie sich Rogero zu. »Der Allianz-Abschaum hat uns gut behandelt, auch wenn wir das nicht gern zugeben. Nichts Besonderes, fades Essen, aber in ausreichenden Mengen. Wir mussten putzen und sauber machen, aber wir wurden nicht gezwungen etwas körperlich Anstrengendes zu tun. Wir wurden medizinisch versorgt, wenn es notwendig war. Sie haben uns wie Gefangene behandelt, aber man hat uns nicht misshandelt.«

»Es war Black Jack«, knurrte Garadun. »Die Wachen redeten über ihn. Er hat unsere Flotte aufgerieben. Er hat so viele von unseren Freunden getötet, und trotzdem hatten wir ihm zu verdanken, dass wir anständig behandelt wurden. Es geht uns gut, Donal. Sie dürften niemanden finden, der ernste gesundheitliche Probleme hat.« Dann betrachtete er Rogero skeptisch. »Es gibt keine CEOs mehr? Aber Sie haben doch gesagt, dass Iceni und Drakon immer noch das Sagen haben.«

»Nicht mehr als CEOs.« Rogero deutete mit einer Kopfbewegung auf die anderen Gefangenen, die gerade an ihnen vorbeigingen. »Die beiden haben uns hergeschickt, damit wir Sie hier rausholen. Eine sehr riskante und sehr kostspielige Aktion, aber trotzdem wollten sie, dass wir Sie nach Hause bringen.«

Diese Äußerung saß. Die Kaltblütigkeit der Syndikatsführer gegenüber ihren Arbeitern und Junior-Executives wurde schlicht als Normalzustand angenommen. »Na, wenn sie das gemacht haben, dann sind sie wohl nicht bloß CEOs mit einem neuen Titel«, sagte Garadun.

»Was können wir für Sie tun?«, wollte Ito wissen.

»Helfen Sie mir, hier alles unter Kontrolle zu halten. Sorgen Sie dafür, dass die Leute sich von der Stelle bewegen. Wir müssen irgendwie zehn Kilo Arbeiter in einen Behälter pressen, der nur fünf Kilo fasst. Finden Sie raus, wer weiterhin den Syndikatwelten treu bleiben will. Die Leute setzen wir dann in einem vom Syndikat kontrollierten Sternensystem ab. Befinden sich in Ihren Reihen irgendwelche Schlangen?«