»Seltsamerweise«, antwortete Ito und lächelte auf eine sanfte Weise, die sich nicht in ihrem Tonfall widerspiegelte, »hat in unserer Flotte keine Schlange überlebt.«
»Gut.« Rogero verstummte, da um ihn herum alles ruhig geworden war. Ihm fiel auf, dass Garadun und Ito an ihm vorbeisahen. Er drehte sich um und entdeckte Bradamont. Sie hatte sich bislang im Komm-Abteil aufgehalten, wo niemand sie sehen konnte. Es musste irgendetwas Dringendes vorgefallen sein, dass sie jetzt nach draußen gekommen war.
»Admiral Timbale teilt mit, dass wir so bald wie möglich aufbrechen müssen«, meldete sie. »Ein Kurierschiff hat das Sternensystem verlassen, und er vermutet, wenn es zurückkehrt, wird man ihm das Kommando entziehen.«
»Wir schaffen die Leute schon so schnell wie möglich an Bord«, entgegnete Rogero. »Sub-CEO Garadun, Executive Ito, darf ich vorstellen? Captain Bradamont von der Allianz-Flotte. Sie ist die offizielle Verbindungsoffizierin der Allianz für Präsidentin Iceni und General Drakon.«
Garadun und Ito starrten Bradamont weiter mit versteinerter Miene an.
Bradamont wandte sich Rogero zu. »Benötigen Sie sonst noch etwas, Colonel Rogero? Falls nicht, werde ich weiter die Situation beobachten und Sie informieren, wenn es auffällige Entwicklungen gibt.«
Er hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen. Bradamont hatte es so klingen lassen, als sei sie eine Untergebene, die ihrem Vorgesetzten Bericht erstattete. Das war pure Absicht gewesen, um vor den beiden zu unterstreichen, dass er derjenige war, der hier das Kommando hatte. »Nein, Captain Bradamont, ich benötige sonst nichts. Halten Sie mich auf dem Laufenden.«
Kaum war Bradamont gegangen, drehte Rogero sich zu Garadun und Ito um. »Sie ist die einzige Allianz-Bürgerin auf diesem Schiff.«
»Sie untersteht Ihnen?«, fragte Garadun fassungslos.
»Ja, das ist richtig.« Rogero unterbrach sich und betätigte die nächstgelegene Komm-Einheit. »Executive Barchi«, rief er den Befehlshaber dieses Frachters auf der Brücke, »sagen Sie den anderen Schiffen, sie sollen die Leute so schnell wie möglich an Bord holen. Sobald wir den letzten Gefangenen haben, nehmen wir mit der maximalen Beschleunigung, die Sie aus den Frachtern herausholen können, Kurs auf den Sprungpunkt.«
Als er geendet hatte, kam Ito zu ihm, fasste ihn am Kinn und blickte ihm in die Augen. »Donal, ist das hier alles echt? Man hat Sie nicht umgepolt, oder? Das hier ist nicht nur ein kranker Trick der Allianz, um unsere Moral zu brechen? Nicht, dass wir kurz vor dem Sprungpunkt zurückgeholt werden, damit man uns erzählen kann, dass alles nur ein Spiel war. Ist das hier wirklich wahr, Donal? Tut diese Allianz-Offizierin tatsächlich, was Sie ihr sagen? Und sieht es in Midway wirklich so aus, wie Sie es uns schildern?«
Rogero sah ihr genauso tief in die Augen. »Es ist alles echt. Sie kehren heim. Wir werden nach Atalia springen, sobald wir den Sprungpunkt erreicht haben. Dort wartet dann die Flotte von Kommodor Marphissa auf uns.«
Ito nickte und ließ den Arm sinken. »Nicht mal ein CEO könnte so überzeugend lügen. Aber halten Sie dieses Allianz-Miststück von unseren Leuten fern. Niemand weiß, wozu die in der Lage sind.«
Unwillkürlich verkrampfte sich Rogero. Er hätte diese Worte auf sich beruhen lassen können, immerhin war es etwas, das auch jeder beliebige Bürger der Syndikatwelten gesagt hätte. Aber hier ging es um Bradamont. »Executive Ito, diese Offizierin, diese Allianz-Captain, ist der einzige Grund, wieso wir überhaupt hier sind. Sie war es, die uns von Ihnen erzählt hat. Sie hat unsere Führung davon überzeugen können, diese Mission überhaupt erst in Angriff zu nehmen. Ohne ihre Hilfe wären wir nicht hierher gekommen, und sie war es, die ihre eigenen Vorgesetzten überredet hat, Sie alle freizulassen. Ihre Flotte und ihre Leute haben Verluste erlitten bei der Verteidigung unserer Welt gegen die Enigmas. Während des Krieges ist sie in unsere Gefangenschaft geraten und saß in einem Arbeitslager des Syndikats. Und trotzdem hat sie für uns gekämpft.«
Keiner der beiden wollte etwas davon hören, aber schließlich antwortete Garadun schroff: »Im Arbeitslager? Okay. Solange sie jetzt Ihre Befehle ausführt.«
Ito beobachtete Rogero eindringlich. »Ja. Es scheint Ihnen wichtig zu sein.«
»Colonel Rogero?« Lieutenant Foster klang besorgt, als er sich durch die Menge hindurch seinen Weg zu ihm bahnte. »Sie müssen unbedingt mit den Piloten der Allianz-Shuttles reden. Es gibt Probleme bei der zeitlichen Abstimmung zwischen den Lieferungen. Außerdem, Sir, hat ein weiterer Allianz-Zerstörer Kurs auf uns genommen.«
Rogero nickte Garadun und Ito flüchtig zu, dann stürmte er mit Foster los, dankbar für diese Störung. Ito hatte auf Anhieb durchschaut, dass seine Meinung über Bradamont nicht ausschließlich etwas mit dem Dienst zu tun hatte, den sie verrichtete.
Er erreichte die beengte Brücke des Frachters, auf der er und Foster neben Executive Barchi nur mit Mühe Platz fanden. »Wo ist dieser Zerstörer?«
Barchi zeigte auf das Display. »Da, und das ist seine Flugbahn. Wenn ich die Daten richtig lese, wird er in ungefähr einer halben Stunde hier eintreffen.«
»Was ist mit den beiden anderen? Sai und … ähm …«
»Assagai. Die sind vor ein paar Stunden zum Sprungpunkt zurückgekehrt.«
»Geschwindigkeit?«, murmelte Rogero, während er die Anzeigen durchsuchte. Er kannte sich mit Displays für Bodenfahrzeuge aus, nicht mit denen für Raumfahrzeuge. »Da ist es. 0,03 Licht. Ist das schnell?«
Barchi reagierte mit einer wegwerfenden Geste. »Auf einem Planeten wäre das rasend schnell. Aber hier oben? Bei einer Einheit der mobilen Streitkräfte? Der trödelt vor sich hin.«
»Dann ist er nicht in Eile?«, hakte Rogero nach.
»Bei einem solchen Schiff ist alles unter 0,05 Licht oder sogar 0,1 Licht nicht weiter der Rede wert«, erklärte der Executive. »Er lässt sich Zeit. Allerdings weiß er ja auch, dass wir ihm nicht entkommen können. Warum soll er sich beeilen, wenn er uns auf dem Präsentierteller hat? Selbst wenn wir auf maximale Beschleunigung gehen, holt er uns innerhalb einer Stunde ein.«
Rogero schaute weiter auf das Display, da er nicht den Frachter-Executive ansehen wollte, der seine Hilflosigkeit einfach hinnahm. Rogero war immer ein Mann der Bodenstreitkräfte gewesen, er hatte stets gewusst, wann man kämpfte oder sich zurückzog oder beides gleichzeitig machte. Dabei konnte man leicht vergessen, wie es für die anderen war, die sich nicht auf Waffen oder Schnelligkeit verlassen konnten. Leute wie dieser Frachter-Executive hatten während des gesamten Kriegs gewusst, wenn der Feind auftaucht, dann hatten sie keine Chance zu entkommen, solange sie nicht weit genug vom Geschehen entfernt oder ihr Frachter zu klein war, sodass er für den Feind keine lohnenswerte Beute darstellte. Ohne sie und die Fracht, die sie zwischen den Sternen und den Planeten hin und her transportierten, hätte der Krieg gar nicht fortgeführt werden können, und dennoch waren sie diesem Krieg immer wieder zum Opfer gefallen. Es war eine seltsame und hässliche Ironie des Schicksals.
Rogero rief das winzige Komm-Abteil, in das sich Bradamont zurückgezogen hatte. »Captain, ein Allianz-Zerstörer ist auf Abfangkurs zu uns gegangen.«
»Ich werde sehen, was ich herausfinden kann«, antwortete sie. »Wie schnell ist er?«
»0,03 Licht.«
»Mehr nicht? Was machen denn die Allianz-Shuttles?«
»Die laden weiter ihre Fracht ab.«
»Das hätten sie längst unterbrochen, wenn mit einem Angriff zu rechnen wäre. Geben Sie mir Bescheid, falls Transporter anfangen sich zu entfernen, ohne die Gefangenen abgesetzt zu haben.«
Lieutenant Foster wirkte etwas entspannter, jetzt da sich Rogero um alles kümmerte. Ein Vorgesetzter war hier, der die Entscheidungen traf, und Rogero wusste, dass seine Soldaten vollstes Vertrauen in ihn hatten. Das Vertrauen habe ich mir auch hart erkämpft. Aber jetzt spiele ich dem Lieutenant und allen anderen etwas vor. Ruhe. Gelassenheit. Alles mag in Hektik ausgebrochen sein, aber davon abgesehen ist alles in bester Ordnung. Ausgenommen natürlich die Tatsache, dass da ein Allianz-Kriegsschiff auf uns zukommt. Wenn es das Feuer eröffnet, sind wir alle tot.