Und schon wieder auf der Flucht. »Diese Kommandos werden feststellen, dass meine Soldaten nicht so leicht zu überwinden sind«, erklärte Rogero und man hörte die Härte aus seinen Worten deutlich heraus. »Sie werden einen Sieg teuer bezahlen müssen.«
»Daran zweifle ich nicht, aber Sie würden trotzdem verlieren! Sie sind zahlenmäßig einfach nicht stark genug. Und wie viele von den Menschen, die Sie eben erst an Bord geholt haben, würden im Kreuzfeuer sterben? Ich weiß, wie schwer es einem fällt, dem Feind den Rücken zuzuwenden und wegzugehen. Ich weiß es. Und genau deshalb haben Sie das Kommando, weil General Drakon wusste, Sie würden in einer Situation wie dieser die richtige Entscheidung treffen.«
Lag es daran, dass es Bradamont war, die ihm diese Dinge sagte? Oder hätte er auch bei jedem anderen erkannt, wie viel Wahrheit in diesen Worte lag? So oder so — Rogero nickte abrupt. »Also gut. Machen wir’s so.«
Ito betätigte verschiedene Tasten. »Ich habe den Flugplan an die anderen Frachter geschickt. Sie da, Sie befehligen doch dieses Schiff, richtig? Setzen Sie den Plan um. Bringen Sie uns weg von hier!«
Executive Barchi begann seine Kontrollen zu bedienen.
Gleich darauf spürte Rogero, wie sich der Frachter mit einem allzu sanften Ruck in Bewegung setzte. »Lieutenant«, befahl er. »Sagen Sie den Allianz-Shuttles, dass wir sofort aufbrechen müssen. Wenn jemand nach dem Grund fragt, erwidern Sie, ihr Admiral habe das befohlen. Und sagen Sie den Shuttles, sie sollen uns weiter folgen, bis sie den letzten Passagier abgeliefert haben. Weisen Sie die anderen Frachter an, die sollen die Ladefrequenz verdoppeln und unsere Leute so schnell wie möglich an Bord holen, und wenn sie die letzte Runde in der Luftschleuse stapeln müssen.«
Garadun stand neben ihm und betrachtete das Display. »Gut, dass alle Frachter schon zum Sprungpunkt hin ausgerichtet waren. Eine halbe Drehung hätte fast noch einmal eine halbe Stunde gedauert. War das auch ihre Idee?«
»Ja«, bestätigte Rogero, dem erst jetzt bewusst wurde, als wie wichtig sich diese so beiläufig wirkende Empfehlung letztlich erwies.
»Sie kennt sich mit Schiffen aus, das muss ich ihr lassen«, räumte Garadun ein. »Schon witzig. Da erzählen Sie uns, dass der Krieg vorbei ist, und jetzt werden wir von Kommandosoldaten der Allianz gejagt.«
»Vermutlich haben die nicht auf dem Verteiler gestanden, als die Nachricht verbreitet wurde.« Das war in den Syndikatwelten ein alter, häufig gebrauchter Witz. Wie konnte er in einer solchen Situation nur an einen Witz denken?
»Was macht er da?«, wollte Ito von Bradamont wissen und zeigte auf das Display. »Dieser Allianz-Zerstörer!«
»Er war eben schon hierher unterwegs«, antwortete Rogero. »Er soll uns zum Sprungpunkt nach Atalia eskortieren.«
»Er beschleunigt!«, konterte Ito energisch.
Die Anspannung steigerte sich weiter, und argwöhnische Blicke wanderten zu Bradamont, während die sich mit dem Flugmanöver des Allianz-Kriegsschiffs befasste. Plötzlich begann sie zu lachen, was alle Umstehenden mit Schrecken reagieren ließ. »Die Bandolier will den Anflug der Shuttles stören. Sehen Sie hier. Der Zerstörer beschleunigt nicht nur, sondern hat auch den Kurs leicht geändert. Der Vektor bringt ihn näher an uns heran, kreuzt aber die Route, der jeder folgen muss, der von Ambaru kommend hinter uns herfliegt. Und der Leichte Kreuzer da macht genau das Gleiche, nur dass er sich noch weiter draußen befindet. Die Shuttles müssen den beiden ausweichen, und diese zusätzlichen Manöver kosten natürlich Zeit.«
»Woher wollen die wissen, wo sich die getarnten Shuttles befinden?«, fragte Garadun skeptisch.
Bradamont schüttelte den Kopf. »Ich werde Ihnen keine Details nennen, wie die Allianz ihre eigenen getarnten Objekte aufspüren kann. Ich würde auch nicht erwarten, dass Sie mir erzählen, wie die Syndikatwelten das handhaben. Aber Sie sind imstande Ihre getarnten Objekte wiederzufinden, und wir können das mit unseren genauso.«
»Diese Kriegsschiffe wollen uns mehr Zeit verschaffen?«, wollte Rogero wissen.
»Ja, ein wenig. Nicht viel, aber hoffentlich genug.«
Er betrachtete die angezeigten Daten, während die Shuttles ihre Fracht längst hektisch abluden. Die Vektoranzeigen der behäbigen Frachter ließen erkennen, dass sie ganz allmählich beschleunigten und sich von der Ambaru-Station fort und in Richtung Sprungpunkt nach Atalia bewegten. Aber Rogero gingen dabei noch andere Dinge durch den Kopf. »Woher wussten Sie, dass die Kommandosoldaten gestartet waren?«, fragte er Bradamont.
»Admiral Timbale hat uns eine Warnung zukommen lassen.«
»Ich verstehe das nicht. Soll das heißen, die Allianz-Streitmächte arbeiten hier gegeneinander? Dass einige von ihnen nicht die Befehle befolgen, die man ihnen gibt.«
Bradamont nickte nachdrücklich. »Das habe ich Ihnen doch gesagt. Sie nehmen keine Befehle von Admiral Timbale entgegen. Das Allianz-Militär ist stark gespalten. Personal wird entlassen, Etats werden gekürzt, und jeder einzelne Bereich versucht, sich so wenig wie möglich wegnehmen zu lassen. Die Flotte und die Marines haben den Vorteil, enge Verbündete zu sein, während die Bodenstreitkräfte und deren Luftwaffe sich gegenseitig genauso misstrauen wie der Flotte und den Marines. Hier in diesem Sternensystem arbeiten der Befehlshaber der Bodenstreitkräfte und der Befehlshaber der Luftwaffe nicht länger mit dem Flottenkommandanten Admiral Timbale zusammen, auch wenn der eigentlich das Oberkommando haben sollte. Ich weiß nicht, was nach deren Meinung hier geschieht, aber auf jeden Fall hat jemand sie davon überzeugen können, dass sie versuchen sollen uns aufzuhalten.« Betrübt sah sie Rogero in die Augen. »Sie wissen, was der Krieg aus den Syndikatwelten gemacht hat. Glauben Sie, die Allianz ist ungeschoren davongekommen? Wir haben gewonnen, aber das hat niemanden von den Toten zurückgeholt, die Verwüstungen haben sich nicht von selbst beseitigt, und es hat sich auch niemand gefunden, der für die Kosten aufkommt. Die Last des Krieges hat die Syndikatwelten zerrissen, und ich habe keine Ahnung, was diese Last noch für die Allianz mit sich bringen wird. Ich weiß nur, dass das Militär schon jetzt gespalten ist.«
Rogero musste an die Revolte bei Midway denken. Syndikatseinheit hatte dort gegen Syndikatseinheit gekämpft. »Reden Sie von Gefechten? Kämpfe zwischen den Allianz-Streitkräften?«
»Nein!« Allein ein solcher Gedanke schien sie zu schockieren. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Abteilung das Feuer auf die andere eröffnet. Nicht wegen einer solchen Sache, auch nicht wegen irgendeiner anderen Meinungsverschiedenheit. Aber das bedeutet auch, dass niemand einen Schuss abgeben wird, um diese Frachter zu beschützen. Die Flotteneinheiten versuchen die Kommandosoldaten aufzuhalten, ohne deswegen mit ihnen aneinanderzugeraten. Und das machen sie auf eine Weise, die es ihnen erlaubt, anschließend zu behaupten, dass es keine Absicht war. Auf mehr können wir nicht hoffen.«
»Und die festen Verteidigungsanlagen?«, warf Garadun schroff ein. »Die Allianz muss in diesem Sternensystem etliche installiert haben. Auf wessen Befehl reagieren sie?«
»Bodenstreitkräfte oder Luftwaffe«, sagte Bradamont. »Aber selbst diese Frachter sind in der Lage, einem Beschuss auszuweichen, der eine Strecke von mehreren Lichtminuten zurücklegen muss. Wir würden Probleme bekommen, wenn wir Kurs auf einen so verteidigten Standort nehmen müssten, aber um die machen wir einen Bogen.«
»Und bei einem Sperrfeuer?«
Bradamont zuckte gereizt mit den Schultern. »Das könnte schwierig werden. Dann müssten wir Ausweichmanöver versuchen.«