»Wir?«, wiederholte Ito.
»Ich befinde mich auch an Bord dieses Schiffs.«
Garadun bedachte Bradamont mit einem taxierenden Blick. »An Bord eines jeden Frachters befindet sich talentiertes Personal, Leute, die sich mit den mobilen Streitkräften auskennen. Wenn es sein muss, werden wir der Allianz selbst mit diesen lahmen Frachtern zeigen, wie man das richtig macht.«
»Wann werden wir wissen, dass wir die Kommandosoldaten abgehängt haben?«, warf Rogero ein.
»Wenn sie es nicht bis zu den Frachtern schaffen«, gab Bradamont zurück. »Falls wir unsere Beschleunigung früh genug begonnen haben und es uns gelingt, ihre Annäherung lange genug hinauszuzögern, werden sie umkehren müssen, da ihnen ansonsten der Treibstoff ausgeht. Eine langwierige Verfolgungsjagd können sie sich nicht leisten. Ich würde vermuten, wenn sie uns nicht innerhalb der nächsten Stunde eingeholt haben, werden wir aufatmen dürfen.«
Rogero wandte sich zu Foster um. »Lieutenant, alle Soldaten sollen in Gefechtsbereitschaft gehen. Komplette Panzerung und Waffen hochgefahren. Die Bedrohung geht von Kommandosoldaten der Allianz aus, die von getarnten Shuttles an Bord gelangen könnten. Sobald das letzte Passagiershuttle abgelegt hat, werden alle Luken an den Frachtern geschlossen.«
»Die Kommandosoldaten werden wahrscheinlich auch Tarnrüstung tragen«, warf Bradamont ein. »Und sie können an Bord gelangen, ohne die Luken benutzen zu müssen.«
Rogero sah sie an und erschrak über den besorgten Tonfall ebenso wie über die Tatsache, dass Bradamont dastand, als sei ihr speiübel.
Ihre Blicke trafen sich. »Die Kommandosoldaten gehören zur Allianz«, erinnerte sie ihn leise.
Aber natürlich! Es waren ihre eigenen Leute! Bradamont gab ihm Tipps, wie er sich gegen die Soldaten zur Wehr setzen konnte, mit denen sie seinerzeit Seite an Seite gekämpft hatte. Wenn die Kommandosoldaten an Bord kamen, würden Rogeros Leute ein paar von ihnen töten, ehe sie alle den Eindringlingen zum Opfer fielen.
Und er selbst würde vermutlich auch unter den Opfern sein.
»Sie sollten sich in Ihr Quartier begeben«, sagte er zu Bradamont. »Da sind Sie sicherer aufgehoben.«
»Ich werde mich nicht da unten verstecken«, widersprach sie ihm. »Ich werde hier stehen, wenn sie auf diese Brücke vordringen.«
Er musste es akzeptieren, da er wusste, sie würde sich ohnehin nicht umstimmen lassen.
Ito sah ihn forschend an, dann wanderte ihr Blick weiter zu Bradamont.
»Die letzten fünf Allianz-Shuttles docken jetzt an«, meldete Lieutenant Foster. »Die Piloten beklagen sich über unsere Beschleunigung.«
»Sagen Sie ihnen, sie sollen einfach nur unsere Leute abliefern«, sagte Rogero. »Und sobald alle an Bord sind, können sie sofort heimkehren.«
»Die Shuttles laden sehr zügig ab«, ließ Foster ihn wissen.
»Todesangst als Motivation. Die gute alte Syndikatsmethode.«
Bis auf Bradamont lachte jeder auf der Brücke, als Rogero diesen uralten Witz über die Syndikatwelten zum Besten gab, auch wenn es sich dabei eher um ein nervöses Lachen handelte. Alle Blicke waren auf das Display gerichtet, als könnten die getarnten Shuttles dort wie durch ein Wunder mit einem Mal sichtbar werden.
»Eine Stunde?«, fragte Garadun an Bradamont gerichtet, während er missmutig den Wert beobachtete, der die Beschleunigung des Frachters angab.
»Das ist nur eine Schätzung. Mit Sicherheit kann ich es nicht sagen.«
»Ich hasse es, von unsichtbaren Feinden verfolgt zu werden.« Düstere Erinnerungen legten einen Schatten über seine Augen. »So wie die Enigmas. Wie hat Black Jack sie schlagen können?«
»Wir kamen dahinter, dass sie Ihre Sensoren manipuliert hatten«, sagte Bradamont. »Unsere übrigens auch. Würmer in den Systemen bestimmten, was wir zu sehen bekamen, wenn die Enigmas unsichtbar sein wollten.«
»Welche Art von Würmern sollte denn von unseren Sicherheitsscans nicht entdeckt werden?«, wollte Ito wissen.
»Quantencodierte Würmer«, antwortete Bradamont. »Fragen Sie mich nicht, wie die das gemacht haben. Ich glaube, dahinter ist bislang noch kein Mensch gekommen, aber zumindest fanden wir einen Weg, wie man die Systeme von diesen Würmern säubern kann.«
»Ich nehme an, das war auch Black Jacks Verdienst«, gab Garadun mit einem bitteren Unterton zurück.
»Nein, das war Captain Cresida. Befehlshaberin eines Schlachtkreuzers.« Einen Moment lang kniff Bradamont die Augen zu. »Sie fiel im Kampf gegen Ihre Flotte, als ihr Schiff zerstört wurde.«
Niemand sagte etwas, weil es einfach nichts gab, was man in diesem Augenblick hätte sagen können. Stattdessen beobachteten alle weiter das Display, auf dem sich die Vektoren der Frachter quälend langsam in die Länge zogen, da die schwerfälligen Schiffe nicht mehr als Schneckentempo zu leisten in der Lage waren.
Nach einigen Minuten setzte Ito dem Schweigen ein Ende. »Warum verfolgen uns diese Kommandosoldaten überhaupt? Die Allianz-Wachen haben doch keinen Hehl daraus gemacht, dass sie uns so schnell wie möglich loswerden wollten.«
»Ein paar von ihnen wollen Sie aufhalten, weil sie mit den Voraussetzungen nicht einverstanden sind, unter denen Sie das System verlassen«, gab Rogero zu bedenken. »Es ist außerdem anzunehmen, dass die da es ganz speziell auf mich abgesehen haben.«
»Wieso?«
»Weil ich zur Ambaru-Station geflogen bin«, antwortete Rogero mit der Gelassenheit eines Mannes, der wegen der Anforderungen des Syndikatssystems früh gelernt hatte, überzeugend zu lügen, »und weil man dadurch weiß, dass ich hier das Kommando habe. Dank Admiral Timbale bin ich ihnen auf der Station noch mal entwischt, aber es ändert nichts daran, dass sie mich nach wie vor in ihre Gewalt bringen wollen. Es könnte auch sein, dass sie Unterlagen über mich besitzen, die meine wenigen Monate betreffen, in denen ich zum Personal eines Arbeitslagers gehört habe. In ihren Augen könnte mich das zu einem Kriminellen machen.«
Garadun verzog frustriert den Mund. »Keine Waffen, um uns zu verteidigen, auf einem Frachter mit miserabler Beschleunigung und Manövrierbarkeit. Und die Besten der Allianz sitzen uns im Nacken. Ich muss sagen, ich habe schon unter besseren Bedingungen gekämpft.«
»Sir?«, fragte Lieutenant Foster. »Sollten wir nicht für uns alle Schutzkleidung herholen?«
Rogero schüttelte den Kopf. »Erst wenn die letzten Shuttles entladen sind. Dann gehen Sie und schließen sich Ihrer Einheit an. Ich bleibe hier.«
»Aber …«
»Die wollen mich, Lieutenant. Es müssen nicht alle sterben, wenn es doch nur darum geht, dass ich mi …«
»Colonel Rogero«, unterbrach Bradamont ihn. »Die wollen Sie haben, aber sie werden das gesamte Schiff festhalten — das Schiff und jeden, der sich an Bord befindet. Die werden sich nicht damit begnügen, Sie vom Schiff zu holen und den Rest von uns weiterfliegen zu lassen.«
»Ich kann mit einer Rettungskap …«
»Wenn Sie das machen, werden die glauben, Sie wollten aus einem ganz bestimmten Grund von diesem Frachter ablenken. Man wird Sie erst mal im All treiben lassen, um Sie irgendwann später aufzulesen. In der Zwischenzeit werden sie diesen und alle anderen Frachter weiter verfolgen.« Bradamont atmete einmal tief durch. »Ich versuche nicht nur Ihren Hintern zu retten, Colonel. Wenn die Kommandosoldaten uns einholen, werden sie uns alle auf unbestimmte Zeit festhalten wollen. Die gesamte Mission wird zum Fehlschlag werden, und das ist noch die optimistischste Variante. Meiner Einschätzung nach ist es allerdings wahrscheinlicher, dass sie um sich schießend hier reinstürmen werden, weil irgendwer in der Befehlskette auf den Gedanken gekommen ist, dass die Geschichte vom unabhängigen Sternensystem nur ein Täuschungsmanöver ist und dass wir alle hier an Bord dieser Frachter in Wahrheit Syndiks in geheimer Mission sind. Damit könnte man uns bequem eine Verletzung der Friedensvereinbarungen unterschieben und bräuchte sich um die Rechtfertigung des Vorgehens keine weiteren Gedanken zu machen. Hören Sie auf, immer weiter nach Wegen zu suchen, wie Sie sich opfern können. Nichts davon wird jemandem an Bord dieses oder der anderen Frachter in irgendeiner Weisen von Nutzen sein.«