Wie sollte er ihr es am besten erklären? »Sehr strenge Kontrolle kann bewirken, dass sich vieles hinter einer Maske abspielt und dadurch nicht gesehen wird«, begann er. »Es gibt die Oberfläche, und es gibt das, was sich darunter befindet. Ich schlafe immer mit einer Schusswaffe in Griffweite, weil Attentate passieren können. Ein privater Streit, das Streben nach einer Gelegenheit zur Beförderung, die Möglichkeit, einem Rivalen die Schuld an einer Tat unterzuschieben — es gibt sehr viele Gründe. Streitigkeiten werden oft auf eine Art gelöst, die nie ans Licht kommt. Regeln sind da, um so verdreht zu werden, dass sie den gewünschten Zweck erfüllen. Oder man findet einen Weg, die Regeln völlig zu umgehen, und niemals gibt jemand, der einen Führungsposten innehat, auch nur irgendetwas davon zu. Man verdient immer das, womit man davongekommen ist, und wenn man erwischt oder einfach nur beschuldigt wird, dann braucht man nicht auf Gnade zu hoffen, es sei denn, man hat einen Gönner, der genügend Einfluss besitzt, um einen zu beschützen. So ist das in allen Bereichen der Syndikatgesellschaft gewesen, und dagegen haben sich Präsidentin Iceni und General Drakon aufgelehnt.«
Sie musterte ihn ernst. »General Drakon hat mir das Gleiche erzählt. Die Schlangen … der ISD. Das war ein Symptom, aber kein Element, das von außen kam.«
»Leider ist das wahr. Und deshalb begannen auch so viele Menschen, sich gegen das Syndikat zu erheben, als das erst genügend geschwächt war, dass die Gefahr des Widerstands kalkulierbar wurde. Warten Sie lieber, bis die Eskorte eingetroffen ist, bevor Sie das Abteil verlassen.« Er nahm seine Handfeuerwaffe aus dem Halfter und hielt sie ihr hin. »Und halten Sie die immer griffbereit. Keine Sorge, ich habe Ersatz.«
Bradamonts Einschätzung erwies sich als zutreffend. Der Zerstörer und der Leichte Kreuzer der Allianz bekamen schließlich noch Verstärkung durch einen weiteren Zerstörer, woraufhin die drei Kriegsschiffe ständig ihre Positionen rings um die Frachter änderten. Das musste für die fest installierten Verteidigungsanlagen in diesem System äußerst frustrierend sein. Von keinem Punkt im Sternensystem aus wurden Steine auf die Frachter abgefeuert, allerdings blieb unklar, ob das nur nicht geschah, weil die Schiffe der Allianz mit ihren ständigen Manövern eine Zielerfassung unmöglich machten, oder ob die Einrichtungen angehalten worden waren, nicht das Feuer auf sie zu eröffnen.
Admiral Timbale hatte Bradamont eine letzte Nachricht geschickt, in der er sie dazu drängte, das Sternensystem schnellstens zu verlassen. Danach stellte er zu seinem eigenen Schutz jede weitere Kommunikation ein.
Aber auch niemand sonst nahm auf dem Weg zum Sprungpunkt mit ihnen Kontakt auf. Die sechs Frachter hätten sich ebenso gut in einer Blase befinden können, die jegliche Kommunikation mit ihrer Umwelt unmöglich machte — wäre da nicht die Tatsache gewesen, dass sie die Nachrichtensendungen der Allianz empfangen konnten, die sich durch den Raum zwischen den Planeten bewegten.
Wo ist Black Jack? schien das am häufigsten behandelte Thema zu sein.
»Das sind keine glücklichen Menschen«, stellte Sub-CEO Garadun fest, als er und Rogero in der winzigen Frachterkantine saßen, aus der mittlerweile eine Art Executive-Messe geworden war. Der Raumschiffoffizier hatte gegenüber von Rogero an dem kleinen Tisch Platz genommen und sah den Mann beim Reden an. »Ich dachte, sie würden die ganze Zeit über nur mit ihrem Sieg prahlen, vorausgesetzt sie hatten tatsächlich gewonnen. Der Sieg scheint ihnen aber nicht sehr viel Freude zu bereiten.«
»Ich frage mich, ob es überhaupt Sieger gibt«, erwiderte Rogero. »Die Syndikatwelten haben verloren, aber hat die Allianz tatsächlich gesiegt? Oder haben sie nur nicht so hoch verloren wie wir?«
»Wäre da nicht Black Jack …«
»O ja. Er hat den Ausschlag gegeben, gerade als sie ihn am dringendsten nötig hatten. Ganz so wie es die Legende der Allianz behauptet hat.« Rogero warf Garadun einen fragenden Blick zu. »Laut den Menschen in der Allianz war sein Eingreifen das Werk der lebenden Sterne.«
»Wohl eher ein Zufall.«
»Wenn es denn einer war«, meinte Rogero.
Der andere Mann zog skeptisch eine Braue hoch. »Haben Sie zu viel Zeit unter Arbeitern verbracht, Donal? Haben Sie ihnen zugehört, wenn sie ihre Mythen von den Vorfahren und den Sternen und irgendwelchen mystischen Mächten zum Besten geben, die sich darum sorgen, was aus uns wird? Wie steht man zu so was in Midway? Wird von solchen Ansichten immer noch offiziell abgeraten?«
Rogero schüttelte den Kopf und starrte auf die abgenutzte und ramponierte Tischplatte. »Nein, aber es wird auch niemand dazu aufgefordert, dran zu glauben. Es ist einfach erlaubt. Wenn ein Bürger an etwas glauben will, dann ist das ganz allein seine Sache.« Er hob den Kopf und sah Garadun an. »Das Syndikat hatte uns beigebracht, an nichts zu glauben, und das hat man so erfolgreich gemacht, dass wir am Ende nicht mal mehr an das Syndikat selbst geglaubt haben.«
»Gutes Argument.« Garadun stellte seinen Getränkebeutel auf den Tisch — eine Portion Flüssignahrung und Vitaminergänzung für Bodenstreitkräfte, Zitronengeschmack (enthält keine Zitronen) — dann erfasste sein Blick erneut Rogero. »Ich habe nachgedacht. Ich kann es Ihnen nicht verübeln, gegen die Schlangen zu rebellieren und sie alle auszulöschen. Verdammt, ich freue mich für Sie. Aber Midway ist nicht mein Zuhause, ich muss zurück nach Darus.«
»Wir wissen nichts über die Situation bei Darus«, erwiderte Rogero. »Aber wir können Sie gebrauchen, denn Midway baut seine Flotte aus. Trotzdem … Sie können frei entscheiden.«
»Werden Sie die Loyalisten bei Atalia absetzen?«
»Ich weiß nicht. Vielleicht da, vielleicht auch bei Indras. Die Entscheidung liegt bei Kommodor Marphissa. Ich würde eher zu Atalia neigen, weil wir auf den Frachtern etwas mehr Bewegungsfreiheit für die Leute gut gebrauchen können. Aber Atalia ist jetzt auch unabhängig, und da wird es ihnen bestimmt nicht gefallen, wenn wir ihnen tausend Syndikatstreue vor die Tür setzen.«
»Ich würde mich nun wirklich nicht als loyal bezeichnen«, gab Garadun zurück, »aber … Na ja, sehen Sie, Donal. Ich weiß, Sie kommen mit dieser Allianz-Offizierin zurecht, aber mir fällt das sehr schwer. Wenn Midway ein Ort ist, wo die Allianz viel zu sagen hat … dann ist das ein Ort, den ich noch nicht akzeptieren kann. Damit verbindet mich zu viel Vergangenheit und zu viel Schmerz, als dass ich ein Teil davon werden könnte.«
»Ich verstehe das. Aber diese Offizierin ist die Stimme der Allianz in Midway. Es gibt nur sie, und Autorität und Einfluss hat sie ausschließlich in dem Maß, das wir ihr gewähren.«
»Hmm, ich weiß nicht«, wandte Garadun ein. »Sie hat Black Jack mit seiner gesamten Flotte hinter sich. Die Flotte, die Midway benötigt, damit ihr beschützt werdet.«
»Präsidentin Iceni weiß, dass sie einen gewaltigen Trumpf in der Hand hält, denn Black Jack braucht Midway. Und nach allem, was ich von General Drakon gehört habe, spielt sie diesen Trumpf auch immer wieder sehr geschickt aus.« Rogero tippte auf die Tischplatte. »Die Allianz will nicht, dass sich die Enigmas uns weiter nähern, außerdem kann die Allianz nur über Midway zu den beiden anderen fremden Spezies gelangen, auf die Black Jack gestoßen ist.«
Garadun starrte ihn verwundert an. »Zwei weitere Spezies? Anders als die Enigmas?«
»Grundlegend anders.«
»Wie haben Sie davon erfahren?«
»Black Jack hat es uns erzählt.« Rogero lehnte sich nach hinten, soweit das unter den beengten Bedingungen möglich war. »Das ist schon eigenartig. Wissen Sie, was Captain Bradamont mir erzählt hat? Black Jack hat den gesamten Krieg im Kälteschlaf verbracht. Vom Ausbruch des Krieges bis vor Kurzem, als er dann gefunden wurde. Er hatte keine Ahnung von diesem Krieg. Er ist nicht dazu erzogen worden, uns zu hassen, und er wusste auch nicht, wie viele seiner Freunde und Verwandten in diesem Krieg gefallen waren. Daher konnte dieser Mann sich viel leichter ein Zusammenleben mit uns vorstellen. Nicht mit dem Syndikat, sondern mit uns. Er verbindet keine besonderen Gefühle damit, und er kann immer noch an den Frieden glauben.«