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»Diese fünf Stunden können nicht schnell genug verstreichen.« Garadun sah zur Luke, die nach draußen in den Korridor führte, wo die Arbeiter gegen die Schotte gelehnt dasaßen. »Ich hätte nicht gedacht, noch jemals von hier wegzukommen, und wenn, dann höchstens an Bord eines Gefangenentransporters, der mich zu einem weit entfernten Arbeitslager bringt. Ich hätte nie geglaubt, nach Hause zurückzukehren und meine Familie wiederzusehen. Und jetzt …« Er atmete seufzend durch. »Wenn das tatsächlich alles das Verdienst dieser Allianz-Offizierin ist, werde ich ihr eines Tages vielleicht in die Augen sehen können und nicht vor ihr verbergen müssen, was ich wirklich empfinde.«

Rogero achtete darauf, dass er zeitig die Brücke des Frachters erreichte, um anwesend zu sein, wenn sich der kleine Konvoi dem Sprungpunkt nach Atalia näherte. Die sechs Frachter schlichen dicht hintereinander ihrem Ziel entgegen, aber ihre Formation wies nicht annähernd die Ordnung auf, die für mobile Streitkräfte der Normalzustand war.

Die drei Allianz-Kriegsschiffe hatten sich ein Stück weit zurückfallen lassen, seitdem wuchs der Abstand zwischen ihnen und den Frachtern beständig. Nicht einmal war es zu einer Kommunikation mit den Frachtern gekommen, und auch jetzt machte es nicht den Eindruck, als würden sie sich von ihnen verabschieden wollen. Rogero überlegte, ob er den Kriegsschiffen eine Nachricht zukommen lassen sollte.

In diesem Moment betrat Bradamont die Brücke, ihr Blick wanderte sofort zum Display, auf dem die immer noch in der Nähe befindlichen Allianz-Kriegsschiffe zu sehen waren.

»Sollen wir noch was sagen?«, fragte Rogero sie. »Ihnen für die Unterstützung danken? Oder wollen wir uns einfach verabschieden?«

»Nein.« Bradamonts Stimme klang niedergeschlagen. »Sie können nicht über Funk bestätigen, dass diese Schiffe etwas für Sie getan haben. Das würde denen nur Ärger einbringen.«

»Aber jeder weiß es. Es war nicht zu übersehen.«

»Ja, jeder weiß es, aber niemand gibt zu, dass er es weiß.«

Rogero zuckte mit den Schultern. »Na gut. Aber für mich klingt das sehr danach, wie in den Syndikatwelten Dinge erledigt wurden.«

»Das musste ich jetzt nicht hören.« Sie hatte seine Bemerkung eindeutig nicht als witzig empfunden.

Er sah sie an und bemerkte den Ausdruck in ihren Augen, als sich die Frachter darauf vorbereiteten, das Gebiet der Allianz und damit alles hinter sich zu lassen, was Bradamont vertraut und lieb war. Ausgenommen er selbst. Und genau für ihn hatte sie all das aufgegeben, auch wenn sie offiziell auf einen Befehl hin handelte.

»Bereit«, meldete der Frachter-Executive.

»Was ist mit den anderen fünf?«, wollen Rogero wissen.

»Ja, die sind auch bereit. Sehen Sie diese Lichter auf dem Display? Die zeigen an, dass wir über den Sprungbefehl miteinander verbunden sind. Wenn ich springe, springen wir alle.«

»Dann los«, befahl Rogero.

Die Sterne verschwanden.

Das endlose Grau des Sprungraums füllte das ganze Display aus.

Captain Bradamont verließ die Brücke.

Eine Minute später ging auch Rogero nach draußen. Vier Tage würden sie im Sprungraum unterwegs sein, ehe sie Atalia erreichten. Der einzige Trost bestand darin, dass sich im Sprungraum alle Schiffe mit der gleichen Geschwindigkeit bewegten, sodass sie ihr Ziel in der Zeit erreichen würden, wie es ein deutlich schnellerer Schlachtkreuzer schaffte.

Nach zwei Tagen im Sprungraum fühlte sich Rogero schon unbehaglich. Eine solche Reaktion galt als normal, da Menschen nicht in den Sprungraum gehörten, und je länger sie sich dort aufhielten, desto stärker wurde dieses Gefühl. Doch bei ihm dauerte es normalerweise länger als zwei Tage, ehe diese spezielle Art des Unbehagens einsetzte, also musste es noch etwas anderes sein.

Rastlos zog er seine Bahnen durch den Frachter, wobei er immer wieder über die zahllosen Arbeiter steigen musste, die sich in den Gängen hingesetzt hatten, da es sonst nirgendwo an Bord Platz für sie gab. Die Luft war bereits abgestanden, weil die Lebenserhaltungssysteme der Aufgabe nicht ganz gewachsen waren, so viele Passagiere mit frischer Luft zu versorgen. Es würde sich nicht zu einem echten gesundheitsgefährdenden Problem auswachsen, aber der Geruch würde noch schlimmer werden, und eine zunehmende Zahl von Leuten würde über Kopfschmerzen klagen.

Rogero stellte fest, dass sein zielloses Umherstreifen ihn zu dem Quartier geführt hatte, in dem Honore Bradamont untergebracht war. Er stutzte, als ihm klar wurde, dass sie der Grund für sein Unbehagen war. Aber wieso? Seit sie in den Sprungraum übergewechselt waren, hielt sie sich in ihrem kleinen Quartier auf, um nicht von den Arbeitern gesehen zu werden, die sie immer noch für den Feind hielten. Die beiden Soldaten, die vor Bradamonts Quartier Wache hielten, waren aufmerksam. Also was beunruhigte ihn dann nur so sehr?

Er ging zu den Soldaten, die sofort Habachthaltung einnahmen und vor ihm salutierten. »Wie sieht es hier aus?«, fragte er.

Syndikatssoldaten waren darauf gedrillt, keine Fragen zu stellen und keine Informationen von sich aus preiszugeben, außerdem genau das zu tun, was man ihnen sagte — nicht mehr und nicht weniger. Rogeros Soldaten waren dagegen ebenso wie die Streitkräfte von General Drakon seit Jahren anders ausgebildet worden, daher wurde von ihnen erwartet, dass sie beobachteten, nachdachten und sich meldeten, wenn ihnen irgendetwas seltsam erschien.

Als er nun die beiden Soldaten angesprochen hatte, wussten sie, dass er darauf eine Antwort haben wollte.

Der ältere der beiden Männer biss sich kurz auf die Lippe, dann sagte er: »Wir werden beobachtet, Sir.«

Der andere Soldat nickte zustimmend.

»Von wem und wie oft?«

»Ziemlich oft, Colonel. Es ist nur ein Gefühl. Jemand beobachtet uns. So, wie auf einem Schlachtfeld, wenn alle Sensoren der Rüstung einem sagen, dass da draußen nichts zu entdecken ist, und man trotzdem weiß, dass irgendwer den Blick auf einen gerichtet hat. Aber wer immer es auch ist, er hält sich versteckt. Hier kommen ständig so viele Arbeiter vorbei, dass irgendwelche heimlichen Beobachter in der Menge einfach nicht auffallen.«

Der zweite Soldat nickte bestätigend. »Ich spüre es vor allem, wenn unsere Wachwechsel stattfinden, Colonel. Die Typen, die uns beobachten, passen besonders dann ganz genau auf, wenn die eine Schicht kommt und die vorherige geht.«

»Aber Sie haben keine bestimmte Person gesehen?«

»Nein, Sir, es ist nur dieses Gefühl. Aber die andere Schicht hat es auch bemerkt, Sir.«

Besorgniserregend. Das war sehr besorgniserregend. Veteranen entwickelten ein Gespür für solche Dinge; eine Art zusätzlicher neuer Sinn oder ein wiedererwachter alter Sinn, der im Lauf der Evolution allmählich verkümmert war.

Keine Einzelperson konnte so oft die Wache beobachten, ohne früher oder später überführt zu werden. Da war eine Gruppe am Werk. Hatte es jemand auf Bradamont abgesehen? Ein oder zwei Angreifer würden von den Wachen abgewehrt werden, aber was, wenn eine größere Menge auf sie losging? Was, wenn eine Meute durch den Korridor herkam, fest entschlossen an der Frau Vergeltung zu üben, die den Feind repräsentierte und die zum Greifen nah war?

Rogero betrachtete die Tür. Es war die typische Kabinentür eines Frachters: eine dünne Metallplatte, die für Privatsphäre sorgte, aber keinerlei Schutz bot. So wie bei den meisten Wohnquartieren an Bord dieses Schiffs ließ sie sich nicht mal abschließen.

Bradamont säße da drin in der Falle.

Aber es gab keine Räumlichkeiten auf diesem Frachter, in denen sie besser oder sicherer aufgehoben gewesen wäre. Er musste auch gar nicht erst vorschlagen, sein Quartier mit ihr zu teilen. Bradamont würde unter diesen Umständen ohnehin nicht zustimmen, und selbst wenn dieser undenkbare Fall doch eingetreten wäre, würde es unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sich herumsprach, dass eine Allianz-Offizierin in seinem Quartier untergebracht war.