Irgendetwas musste er aber doch tun können. Das vage Gefühl einer drohenden Gefahr war noch stärker geworden. Wenn ich mir nicht überlege, wie ich Honore Bradamont besser schützen kann, erreicht sie Atalia womöglich nicht lebend. Ich muss mir etwas ausdenken, und das so schnell wie möglich.
Fünfzehn
Sie hatten noch zwei Stunden, bis die Frachter den Sprungraum verließen und sie Atalia erreicht hatten. Eine Stunde bis zum »Tagesanbruch«, wenn man nach der internen Uhr dieses Frachters ging. Colonel Rogero lag auf dem schmalen Bett in seiner sehr kleinen Kabine und starrte hoch an die Decke, an der etliche Kabelstränge und Rohrleitungen entlangliefen.
Das Gefühl, dass irgendetwas geschehen würde, war in der Zwischenzeit immer stärker und beharrlicher geworden. Da es sich jeder Definition entzog, handelte es sich womöglich doch nur um eine neue Variante der altbekannten Sprungraum-Nervosität. Dennoch hatte es ihn in dieser Nacht weitestgehend am Schlafen gehindert und dafür gesorgt, dass er hellwach war, lange bevor er aufstehen musste.
Er nahm ein Zittern wahr, das die Struktur des Frachters durchfuhr, noch bevor er es bewusst spüren konnte. Das Zittern kam erschreckend schnell näher und verwandelte sich in ein Durcheinander aus Schritten in dem Gang vor seinem Quartier. Wer immer da draußen unterwegs war, die Leute hatten es eilig und waren darauf bedacht, keinen Lärm zu machen.
Rogero hatte mit einem Satz sein Bett verlassen, als er die Wachen vor Bradamonts neuem Quartier nur ein Stück den Gang entlang Warnungen und Befehle rufen hörte. Nur einen Sekundenbruchteil lang stand er da und überlegte, ob er seine Handfeuerwaffe oder besser ein größeres Kaliber mitnehmen sollte. Die Entscheidung fiel fast sofort auf Letzteres. Er war bereits an der Tür, als er hörte, wie die Rufe der Wachen im hasserfüllten Gebrüll aus mindestens hundert Kehlen untergingen.
Als er die Tür öffnete, schallte ein dumpfer Knall durch den Korridor, bei dem es sich zweifelsfrei um die Detonation einer Granate handelte, die dadurch leicht gedämpft wurde, dass sie in einem Raum abseits des Korridors hochgegangen sein musste. Fast mit Sicherheit hatte es sich dabei um Bradamonts Quartier gehandelt. In seinem Hinterkopf warf eine leise Stimme die Frage auf, wie es dem Mob gelungen sein konnte, in den Besitz einer Granate zu kommen. Falls einer von seinen Soldaten sie verloren oder sogar bei einem Tauschhandel diesen Leuten zugeschoben hatte …
Aber damit konnte er sich später immer noch beschäftigen.
Rogero verließ sein Quartier, zwar nicht in gepanzertem Schutzanzug, dafür aber mit einem Impulsgewehr im Arm. In allen Gängen und Korridoren auf diesem Frachter wimmelte es von Leuten, aber der Weg zu Bradamonts Quartier wurde von dem wütenden Mob komplett verstopft.
Einer der unschönen Aspekte der eisernen Disziplin bestand darin, dass ein Versagen dieser Disziplin nicht bloß kleinere Unruhen nach sich zog, sondern direkt chaotische Ausmaße annahm. Das wiederum bedeutete, dass eine Reaktion darauf umgehend und drastisch erfolgen musste.
Selbst wenn nicht Bradamont das Ziel dieses Mobs gewesen wäre, hätte er entschieden reagieren müssen.
»Gehorsam!«, brüllte Rogero, um den Tumult zu übertönen, dann feuerte er ohne erst noch abzuwarten auf den Arbeiter, der sich direkt vor ihm befand. Das Impulsgewehr fraß sich durch den Körper des Mannes und schickte auch den Arbeiter in der Reihe vor ihm zu Boden. »Gehorsam!«, rief Rogero gleich nach dem Schuss und drückte dann schon wieder ab.
Diesmal wurden gleich drei Arbeiter niedergestreckt, über deren Leichen hinweg er weitereilte. »Gehorsam!«
Ein dritter Schuss, zwei weitere Opfer, gleichzeitig wurde den anderen allmählich bewusst, was sich da hinter ihnen abspielte. Die Arbeiter reagierten aus jahrelang eingetrichterter Furcht heraus, drehten sich hastig so, dass sie sich mit dem Rücken gegen das nächste Schott drücken konnten. Dabei hoben sie die Hände und legten sie auf den Kopf, während Rogero ein viertes Mal lautstark befahclass="underline" »Gehorsam!«
Vor der Tür zu Bradamonts Quartier stand noch eine kleine Gruppe zusammen, die sich den Weg ins Innere bahnen wollte. Dabei wurden die Angreifer aber von der noch lose in ihren Angeln hängenden Tür aufgehalten, als wäre sie von innen verbarrikadiert worden. Rauchfahnen von der Explosion der Granate zogen aus der Kabine in den Korridor. Die Männer waren so auf ihre Anstrengungen konzentriert, dass sie nur mit Verzögerung auf die Schüsse und Aufforderungen reagierten. Ein paar von ihnen drückten noch immer gegen die Tür, als Rogero ohne Pause ein viertes, fünftes und sechstes Mal sein Gewehr abfeuerte.
Mit einem Mal legte sich Stille über die Szene. Einzig das Stöhnen und Keuchen der verletzten Arbeiter war zu hören. Alle anderen standen mit dem Rücken zur Wand, die Hände gehorsam auf den Kopf gelegt und verschränkt.
Die beiden wachhabenden Soldaten versuchten sich aufzurappeln, als Rogero bei ihnen war. Er vergeudete eine wertvolle Sekunde, sie zu mustern, um festzustellen, ob sie versucht hatten, den Mob zurückzudrängen, oder ob sie sich einfach ergeben hatten. Die Uniformen wiesen Risse auf, in den Gesichtern entdeckte er Schrammen und blaue Flecken, und der Mann hielt schmerzhaft einen Arm an sich gedrückt, der an mindestens einer Stelle gebrochen schien.
»Wir hatten die Waffen auf sie gerichtet«, berichtete die Soldatin, »aber wir konnten sie nicht aufhalten.« Sie stand mit gestrafften Schultern da, zitterte aber am ganzen Leib, da sie erwartete, dass die nächsten beiden Schüsse ihr und ihrem Kameraden gelten würden. Schließlich hatten sie versagt.
Rogero aber ließ sein Gewehr sinken. »Sie haben es zumindest versucht.« Die Detonation der Granate und die Schüsse hatten im Frachter einen Alarm ausgelöst, der plötzlich gellend und stotternd vor einer Gefahr warnte, die längst nicht mehr existierte. »Es werden bald weitere Soldaten herkommen. Sehen Sie beide zu, dass Sie sich vom Autodoc des Frachters untersuchen lassen.«
Er wandte sich der zum Teil zerschmetterten Tür zu und klopfte behutsam in einem eigens vereinbarten Rhythmus an. Einen Augenblick später gab die Tür nach und kippte in das Abteil, in dem eine Gestalt in Gefechtsrüstung inmitten der Verwüstung stand, die von der Granate angerichtet worden war. »Ist alles in Ordnung?«, fragte Rogero.
Bradamont nickte und öffnete das Visier, damit sie unmittelbar mit ihm reden konnte. »Die Rüstung hat von der Granate etwas abbekommen, aber mir geht es gut. Dank der Rüstung habe ich mich ja auch lange genug gegen die Tür stemmen können.«
Das war die einzig machbare Lösung gewesen. Während alle Aufmerksamkeit auf Bradamont konzentriert gewesen war, die mit ihren wenigen Habseligkeiten das alte Quartier verließ und sich auf den Weg zu ihrer neuen Kabine machte, hatte man diesen Korridor hier unter einem Vorwand vorübergehend geräumt. In dieser Zeit hatte Rogero schnell seine eigene Gefechtsrüstung in ihr Quartier gebracht. Wenn die Soldaten einen Angriff lange genug abwehren konnten, blieb Bradamont genug Spielraum, um die Rüstung anzulegen und ihrerseits die Angreifer noch eine gewisse Zeit zurückzuhalten, bis Verstärkung eintraf. Zumindest hatte er sich das so überlegt, und glücklicherweise hatte es auch funktioniert.
Der Alarm verstummte, offenbar war auf der Brücke jemand auf die Idee gekommen ihn abzuschalten. Es schloss sich eine unheilvolle Stille an, als sich Rogero jetzt zu den Arbeitern und niederen Supervisoren umdrehte, die gegen die Schotte gepresst dastanden und alle versuchten, sich möglichst nicht zu rühren. Dennoch zuckte der eine oder andere immer wieder vor Entsetzen über sein bevorstehendes Schicksal zusammen.
Executive Ito kam mit vor Wut verzerrtem Gesicht durch den Korridor herbeigeeilt. »Wer war das? Wer hat das geplant? Redet, ihr niederen Lebensformen!«