Выбрать главу

Rogero hob eine Hand, um Ito zu stoppen. »Notieren Sie den Namen von jedem, der hier steht, und organisieren Sie einen Trupp, der die Leichen wegbringt.« Er sah die beiden verletzten, aber noch lebenden Arbeiter — ein Mann und eine Frau — an, die versuchten, sich nicht vor Schmerzen zu winden, auch wenn ihnen das sichtlich Mühe bereitete.

Noch vor ein paar Augenblicken hätte er sie ohne zu zögern getötet, aber jetzt waren sie ihm hilflos ausgeliefert. Und sie wussten womöglich etwas über die Drahtzieher dieses Angriffs.

Ein halbes Dutzend Soldaten traf ein, ihre Mienen verfinsterten sich, als sie sahen, was sich hier abgespielt hatte. Lieutenant Foster salutierte, seine Gesichtszüge wirkten versteinert. Als unmittelbarer Befehlshaber der Einheit konnte ihn die härteste Form der Bestrafung als Disziplinarmaßnahme für das Unvermögen seiner Soldaten treffen, Bradamont zu beschützen.

Aber Bradamont war unverletzt. Wie hätte ich wohl reagiert, wenn sie schwer verletzt oder sogar getötet worden wäre? Hoffentlich wäre mir dann auch bewusst gewesen, dass Strafen dann keinem Zweck dienen, wenn die beteiligten Männer und Frauen ihr Bestes gegeben haben.

Rogero deutete auf die zwei zusammengeschlagenen Wachen. »Ihre Soldaten haben ihre Pflicht erfüllt. Sehen Sie zu, dass die beiden medizinisch versorgt werden. Und versuchen Sie, diese zwei verletzten Arbeiter am Leben zu halten. Ich will, dass sie Fragen beantworten können.«

»Jawohl, Sir.«

»Stellen Sie die Hälfte Ihrer Einheit als Wache hier auf; vierstündige Schichten, bis Captain Bradamont das Schiff verlässt.«

»Jawohl, Sir.«

»Captain Bradamont, ich empfehle Ihnen, dass Sie diese Rüstung anbehalten, bis wir Sie bei Atalia an Bord eines Shuttles bringen können.«

»Ja, Colonel«, stimmte sie ihm zu. Ihre Stimme klang leise, verriet aber keine Gefühlsregung. Sie sah nach draußen in den Korridor und entdeckte das Blutbad, das vom Mob und von Rogeros Maßnahmen gegen eben diesen Mob angerichtet worden war. Unwillkürlich fragte er sich, was sie bei diesem Anblick wohl dachte.

Was sie da sah, war die Art, auf die das Syndikat arbeitete. Verängstigte Arbeiter, die in Reih und Glied dastanden, und der Einsatz tödlicher Gewalt gegen Unruhestifter. Er hatte so etwas noch nicht einmal gemocht, wenn es nötig gewesen war, um Schlimmeres zu verhindern. Ich weiß, was Honore davon halten dürfte. Ich frage mich nur, was sie über mich denkt.

Rogero machte sich auf den Weg zurück zu seiner Kabine. Das Impulsgewehr in seiner Hand pulsierte immer noch so vor Hitze, dass der orangefarbene Schein von den Arbeitern zurückgeworfen wurde, die mit erhobenen Händen links und rechts von ihm dastanden. Hinter ihm stauchte Ito die Arbeiter zusammen, während andere Senior-Supervisoren dazukamen, die die Männer ebenfalls anschrien und gelegentliche Fausthiebe austeilten, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen. Die Arbeiter ließen das alles wortlos und ohne Gegenwehr über sich ergehen. Sie wussten, dass sie gar keine andere Wahl hatten.

Als Syndikatsoffizier hatte er sich an solche Vorgehensweisen gewöhnt, doch inzwischen fing er an, sie auch aus Honore Bradamonts Perspektive zu betrachten. Wenn er das tat, musste er zugeben, dass die Abscheulichkeit dieser Szenen nur schwer zu ertragen war. Wir verändern die Dinge, und daran werden wir auch etwas ändern. Es wird eine Weile dauern, aber der Tag wird kommen, an dem ich nicht mehr eine Gefechtswaffe auf aufständische Arbeiter richten muss.

Fast zwei Stunden später kehrte der Frachter von einem Moment auf den nächsten in den Normalraum zurück. Die Sterne schienen leidenschaftslos auf die sechs Schiffe herab, deren Passagiere jetzt endlich daran zu glauben begannen, dass sie tatsächlich befreit worden waren. Rogero, der wegen des Aufstands und seiner eigenen Art, ihn niederzuschlagen, immer noch schlechte Laune hatte, starrte missmutig auf die Sterne. Ich will das nicht mehr machen. Aber was kann ich stattdessen unternehmen? Und wenn ich es nicht mehr tue, wer wird dann meinen Platz einnehmen? General Drakon sagt, er braucht mich.

Die vier Leichten Kreuzer und die sechs Jäger warteten immer noch vor Ort, und viele Lichtstunden entfernt hatten die beiden Schweren Kreuzer am Sprungpunkt nach Kalixa Position bezogen.

Ein virtuelles Fenster öffnete sich auf Rogeros Bildschirm, das Bild des Befehlshabers des Leichten Kreuzers Harrier sah ihn an. »Willkommen zurück. Wir hatten schon Wetten abgeschlossen, ob Sie sie verpassen würden.«

»Ob wir wen verpassen würden?«

»Black Jacks Flotte. Die ist vor drei Tagen nach Varandal gesprungen. Sie müssen im Sprungraum aneinander vorbeigeflogen sein.«

Rogero benutzte die speziell gesicherte Komm-Ausrüstung in seiner Kabine, um seinen Bericht an Marphissa zu senden. »Kommodor, ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, dass unsere Mission erfolgreich verlaufen ist. Wir haben über fünftausend freigelassene Gefangene an Bord, von denen der größte Teil zur Reserveflotte gehört hat. Angesichts der Belastung für die Lebenserhaltungssysteme der Frachter und mit Blick auf jüngste Ereignisse an Bord dieses Schiffs muss ich dringend dazu raten, dass wir schon bei Atalia alle befreiten Gefangenen zurücklassen, die nicht nach Midway mitkommen wollen.« Er ließ eine Zusammenfassung der Ereignisse bei Varandal folgen und ging auf die Unruhen ein, die sich erst vor ein paar Stunden ereignet hatten. »Ich werde weiter für Captain Bradamonts Sicherheit sorgen, aber es ist besser für sie, wenn sie so bald wie möglich auf die Manticore zurückkehrt. Für das Volk. Rogero, Ende.«

Marphissas Antwort ging viele Stunden später ein. Sie machte keinen erfreuten Eindruck. »Colonel Rogero, ich war erschrocken, als ich von der Bedrohung für unsere Verbindungsoffizierin hörte. Ich bin ganz Ihrer Meinung, dass sie schnellstens an Bord der Manticore zurückkehren muss. Ich lasse die Kraken am Sprungpunkt zurück, um unsere Blockade für den Weg nach Indras weiterbestehen zu lassen. Mit der Manticore komme ich dann zu Ihnen. Ich möchte hier eigentlich keine Zeit damit verbringen, Hunderte von Leuten aus den Frachtern zu holen, aber ich sehe auch keine Alternative zu einer solchen Vorgehensweise. Und selbst wenn es keine Frage der Sicherheit wäre, hätten wir trotzdem noch das Problem der beunruhigenden Werte, die die Lebenserhaltungssysteme anzeigen. Die sind gar nicht gut, und wir müssen die Belastung reduzieren. Ich schicke Ihre Schiffe auf einen neuen Vektor, dem Sie bis zu einer Orbitaleinrichtung folgen. Die kann die Gefangenen aufnehmen, die wir hier zurücklassen wollen. Haben Ihre Soldaten auf den Frachtern schon die Leute danach sortiert, wer bleibt und wer geht? Wir müssen das erledigen, bevor wir die Orbitaleinrichtung erreichen. Nur dann sind wir in der Lage, diese Leute so schnell wie möglich abzusetzen, damit wir uns gleich wieder auf den Weg machen können. Ich bin Ihnen dankbar dafür, dass Sie alle wohlbehalten zurückgekommen sind. Für das Volk. Marphissa, Ende.«

Eine Reise durchs All war in etwa so, als würde man über Treibsand laufen, fand Rogero. Man konnte sich noch so sehr anstrengen, man wurde einfach nicht das Gefühl los, unablässig auf der Stelle zu treten. Noch Tage nach der Ankunft in Atalia stand er niedergeschlagen vor der Luftschleuse, von der soeben das Shuttle mit Honore Bradamont an Bord abgelegt hatte.

In gewisser Weise war etwas von Bradamont bei ihm geblieben. Sie war gezwungen gewesen, aus Sicherheitsgründen bis zum Schluss Rogeros Gefechtsrüstung zu tragen, mit dem Ergebnis, dass die ziemlich intensiv roch, als Bradamont sie vor der Luftschleuse dann endlich abgelegt hatte. Augenzeugen waren anwesend gewesen, sodass sie kein privates Wort hatten wechseln können. Doch der Blick in ihre Augen hatte genügt, um eine klare Botschaft darin zu erkennen: Ihre Gefühle für ihn waren unverändert vorhanden.