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»Wer ist dieser Träumer? Widerstand?«

»Aber woher denn! Richtiger Gangster. Ganz jung. Hat es schwer auf der Lunge. Schon Jahre Gefängnis wegen Totschlag. Mensch, ich fress’ mich tot an den Stangen!«

»Damit das nicht geschieht«, sagte Thomas, »werde ich eilends das Hauptgericht bringen.« Er ging in die Küche und kehrte gleich darauf mit einem Wasserbad wieder, dem er eine verdeckte Puddingform entnahm.

»Ooch, Pudding!« maulte Fred enttäuscht. »Das ist aber ’ne Schei …, das ist aber nichts Rechtes. Ich dachte, es gibt Fleisch!«

»Wirklich«, sagte Paul und betupfte dazu fein die Mundwinkel mit der Serviette, »ich muß sagen, ich bin auch ein wenig enttäuscht, lieber Freund!«

»Abwarten!« Thomas stürzte den Inhalt der Puddingform auf eine große Porzellanplatte. Ein delikater Geruch nach Fleisch und Zwiebeln verbreitete sich. Die beiden Gangster schnupperten. Harmonie und Beruhigung malten sich auf ihren Gesichtern.

Thomas sagte: »Jetzt erzählt mir vom Träumer. Warum hat er Petersen umgelegt?«

»Nach dem, was wir herausbekommen haben«, sagte Fred, »und unsere Informationen sind erstklassig, war dieser Petersen eine ganz große Sau. Von wegen Blutordensträger! Von wegen SD! Daß ich nicht lache! Petersen kam hier runter als Zivilist, verstehst du, und weißt du, was er machte? Er kaufte Gold.«

»Schau mal einer an.«

»Jede Menge. Zu guten Preisen. Muß ein mächtiger Schieber gewesen sein. Der Träumer hat ihm schon ein paarmal was verkauft. Immer nur kleine Mengen.«

Thomas dachte: Herr Petersen vom SD – ein Goldschieber. Und der Führer ordnet ein Staatsbegräbnis an. Und Geiseln sollen erschossen werden. Und Deutschland hat einen Helden verloren. Heil!

Menu • Toulouse, 27. September 1943

Bei pikanter Speise platzt eine Millionenschiebung.

Gefüllter Staudensellerie

Spanisch-Fricco

Flambierte Pfirsiche

Gefüllter Staudensellerie: Man nehme feste Stangen von Bleichsellerie und wasche sie gut. Man mische frische Butter und Roquefort oder Gorgonzola zu gleichen Teilen und verrühre sie gründlich. – Man schneide die natürliche Einbuchtung der Selleriestangen der Länge nach etwas ein, fülle sie mit der Käsemasse und stelle sie recht kalt. – Man serviere die Stangen aufrechtstehend mit dem kleinen Blattpuschel nach oben, in einem vasenähnlichen Glasgefäß, etwa einem Traubenspüler, und fülle die Zwischenräume mit Eisstückchen aus.

Spanisch-Fricco: Fleisch vom Rinderfilet forme und klopfe man zu kleinen Beefsteaks, bestreiche sie mit Senf, Salz und Pfeffer. Dann schneide man geschälte rohe Kartoffeln in dünne Scheiben, lasse reichlich gehackte Zwiebeln in Butter hell dünsten. – Man gebe in eine mit Butter bestrichene, mit geriebener Semmel ausgestreute Puddingform zuunterst eine Lage Kartoffelscheiben, darüber Butterflöckchen, etwas Salz und Pfeffer, dann eine Lage Fleisch, mit geschmorten Zwiebeln bedeckt, dann wieder Kartoffeln und so fort. Als oberste Lage wieder Kartoffeln, mit Butterflöckchen belegt. – Man rühre je einen halben Tassenkopf Rotwein, Sahne und Fleischbrühe durcheinander, gieße dies über die Speise, lasse dann die gut verschlossene Puddingform eine bis eineinhalb Stunden im Wasserbad kochen, rühre sie nicht um, sondern stürze sie direkt auf eine große Schüssel.

Flambierte Pfirsiche: Man lasse drei Butterröllchen mit feinem Zucker und gestiftelten Mandeln hell karamelisieren, lösche mit frisch gepreßtem Orangen- und Zitronensaft, im Verhältnis 1 zu 2, ab. – Man gebe je einen Guß von Cointreau, Maraschino und Kognak dazu, lege schöne, abgetropfte Hälften von eingemachten Pfirsichen hinein. – Man begieße die Pfirsiche dauernd mit der Flüssigkeit, bis sie heiß geworden sind, gieße dann noch einmal Kognak darüber und stecke sie in Brand. – Man lege die heißen Pfirsiche auf die Teller über eine Kugel von Vanilleeis, gieße die Sauce darüber und verziere mit etwas Schlagsahne.

(Man braucht für diese Nachspeise, die man bei Tisch zubereitet, eine sehr saubere, innen vernickelte Pfanne auf einem Spiritusrechaud.)

»Na, mit der Zeit gewann Petersen das Vertrauen des Träumers. Und an dem gewissen Tag kam Louis mit einer sehr großen Menge Gold zu Petersen ins Hotel …«

3

Zwei schwere Koffer voller Goldmünzen und Goldbarren stellte der schmale, bleiche Louis Monico auf den Rokokotisch im Salon des Appartements 203 im Hotel »Victoria«. Die Anstrengung ließ ihn keuchen. Pfeifend rasselte sein Atem. Fiebrig glänzten seine Augen.

Ein kleiner Mann in einem grauen Flanellanzug stand dem »Träumer« gegenüber. Wäßrige Augen hatte dieser Mann, einen fast lippenlosen Mund, einen mathematisch exakten Scheitel, der das kurze Blondhaar teilte. Louis wußte, daß er Petersen hieß. Und daß er Gold aufkaufte. Sonst wußte er nichts von ihm. Aber das genügt ja auch – dachte er.

»Wieviel ist es diesmal?« fragte Petersen.

»300 Louisdor und 35 Goldbarren.« Der »Träumer« öffnete die beiden Koffer. Gold glänzte auf im Licht des elektrischen Lüsters.

»Wo ist das Geld?«

Petersen griff in die Brusttasche. Als er die Hand wieder hervorzog, hielt sie einen Ausweis. Eiskalt kam Petersens Stimme: »Ich bin Untersturmführer Petersen vom SD. Sie sind verhaftet.«

Louis Monico hatte die rechte Hand in der Jackentasche gehalten, als Petersen sprach. Er nahm sie nicht mehr heraus. Aus der Tasche schoß er. Drei Kugeln trafen den Blutordensträger Erich Petersen in die Brust. Er war sofort tot. Mit gebrochenen Augen starrte er zur Decke empor.

Der »Träumer« sagte zu dem Toten: »Mit mir machst du nicht solche Scheißtricks, du Hund.« Dann ging er, über den Toten hinwegtretend, zum Ausgang und öffnete die Doppeltür. Der Gang war leer. Da nahm der »Träumer« seine beiden Goldkoffer und ging. Niemand beachtete ihn in der Halle.

4

»… niemand beachtete ihn in der Halle«, berichtete Fred Meyer.

»Und woher wißt ihr das alles?« fragte Thomas.

»Vom Bruder des Träumers.«

»Der hat euch das alles so freimütig erzählt?«

»Ja. Weil es nämlich inzwischen egal geworden ist. Ich habe dir doch gesagt, daß der Träumer lungenkrank ist. Vor drei Tagen hatte er einen Blutsturz. Er liegt im Hospital. Wird das Ende der Woche nicht mehr erleben.«

»Du kannst mit deinem Oberst hingehen«, sagte Paul. »Er ist bereit, eine Aussage zu machen …«

27. September 1943, 16 Uhr 15.

Auf dem Schreibtisch des kleinen Majors Brenner schrillte das Telefon. Er griff nach dem Hörer und vernahm die Stimme seines Vorgesetzten: »Hier ist Werthe. Ich spreche aus Toulouse. Hören Sie mir genau zu. Was ich Ihnen sage, ist von äußerster Wichtigkeit!«

»Jawohl, Herr Oberst!«

»Wir haben den Mörder Petersens gefunden.« Werthe berichtete von dem lungenkranken Louis Monico und seinem Geständnis. »Lieven, zwei SD-Beamte und ich waren an seinem Krankenbett.«

»Donnerwetter, Herr Oberst!« rief Brenner. Sein Herz klopfte stürmisch. Dieser Lieven! Dieser Teufels-Lieven! Gott sei Dank habe ich mich gleich für seine Idee ausgesprochen!

Brenner fiel etwas ein: »Aber dieser Geldverleiher – dieser Victor Robinson … Der hat doch Ferroud belastet!«

»Das haben wir inzwischen auch geklärt. Robinson schob mit Petersen zusammen. Er war einmal ein Angestellter Ferrouds. Der warf ihn hinaus. Robinson wollte sich jetzt rächen. Das ist aber noch nicht alles, Brenner. Die Hauptsache kommt noch. Soweit Lieven erfahren konnte, hat Petersen mit dem Gold in einer Riesenschiebung mit Reichskreditkassenscheinen dringehangen … Brenner, hören Sie mich?«

Brenner beleckte die trockenen Lippen. Mensch, die Reichskreditkassenscheine! Das wird ja immer bunter! Das wird ja … Himmel, und ich bin mit dabei! Er rief stramm: »Ich höre, Herr Oberst!«