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»Verstehe, Herr Oberst. Rühre mich hier nicht weg, schweige wie das Grab.«

»Rufen Sie im ›Lutetia‹ an und in der Privatwohnung von Lieven. Sobald er in Paris eintrifft, soll man ihn zu Ihnen schicken.« Brenner hängte ein. Lieven! Thomas Lieven! Ach, wie eine lichte Hoffnung schien der Sonderführer ihm. Wenn er nur kam, bald kam …

Irgendwo kreischte die Zofe, als würde sie gekitzelt. Zornig stürzte der Major los, um den Übeltäter zu suchen. Herrgott, was für eine widerwärtige Situation!

6

Was der Major Brenner und seine Männer bisher in des Blutordensträgers geheimer Absteige gefunden hatten, waren – außer den unaussprechlichen Sammlungen – wertvolle Schmuckstücke, große Mengen von Goldmünzen, fernöstliche Liebhaberdrucke und Schnitzereien, aber keineswegs Beweise für Petersens Teilnahme an der Reichskreditkassenschein-Schiebung.

Immer wieder versuchte Madame Page, sich am Sonnenvorhang eines der Fenster zu schaffen zu machen, bis Major Brenner ihr dies strikt verbot.

Anderthalb Stunden waren seit dem Beginn der Haussuchung vergangen. Plötzlich schrillte die Wohnungsglocke. Lilly wurde leichenblaß.

Brenner zog seine Pistole. »Kein Wort«, zischte er. Rückwärts gehend, bewegte er sich durchs Vorzimmer. Fuhr herum. Riß die Tür auf. Und packte den Mann, der draußen stand.

Der Mann war jung, hübsch, olivenfarben. Er trug glattes, schwarzes Haar, einen kleinen Schnurrbart, langbewimperte Augen und zwei Narben an der rechten Wange, wie von Messerschnitten. Jetzt war er leichenblaß.

»Idiot!« schrie die üppige Lilly ihn an. »Warum kommst du herauf?«

»Warum soll ich nicht heraufkommen?« schrie er zurück. »Der Sonnenvorhang war oben!«

»Aha!« rief Brenner triumphierend. Dann durchsuchte er den Mann nach Waffen. Der Mann hatte keine. Sein Paß wies ihn als Prosper Longtemps aus. Beruf: Schausteller. Alter: 28. Brenner nahm ihn ins Verhör. Der junge Mann schwieg verbissen.

Plötzlich schluchzte Lilly verzweifelt auf: »Monsieur le Commandant, ich will alles sagen! Prosper ist meine – meine große Liebe; ich habe Petersen mit ihm betrogen, immer schon … Glauben Sie mir?«

»Kein Wort«, sagte Brenner eiskalt und dachte: So eiskalt würde auch Lieven reagieren. Dann sperrte er Prosper Longtemps ins Badezimmer.

Es war bereits dunkel draußen, halb acht Uhr. Der Major rief wieder im »Lutetia«, dann in Lievens Privatwohnung an. Nein, Thomas Lieven war noch nicht aufgetaucht.

Brenner wagte nicht, auch nur einen seiner fünf ausgesuchten Leute etwa an den Bahnhof zu schicken, um dort Lieven direkt vom Zug abholen zu lassen. Wer wußte, ob nicht der SD anrücken würde? Dann mußte er diese Wohnung wie eine Festung verteidigen – alleine?

Was konnte er nur noch tun? Major Brenner zergrübelte sich den Kopf. Alles hatte so forsch und vielversprechend begonnen – und jetzt? Jetzt saß er in einer schwülen Wohnung, angefüllt mit unaussprechlichen Dingen, doch leer an Beweisen. Einen Gefangenen hatte er gemacht, jawohl. Aber was war das für ein Mensch? Wie sollte er, Brenner, jemals die Wahrheit erfahren?

Und zu allem noch diese verwirrende Madame Page mit ihrer bildhübschen Zofe und fünf Männer, die nur mühsam von den unaussprechlichen Sammlungen und von der Zofe zurückzuhalten waren. Ach, wäre er doch bloß am Schreibtisch seiner Dienststelle im Hotel »Lutetia« geblieben! Theoretische Generalstabsarbeit – das war seine Stärke, nicht aber Taktik und Strategie im unmittelbaren Einsatz …

Brenner schrak auf. Madame hatte angeregt, ihre Zofe könnte doch wohl ein paar belegte Brote für die hungrigen Männer zubereiten …

Major Brenner zögerte. Durfte er das zulassen? Waren Madame und die Zofe nicht der Feind? Andererseits: Die Männer waren hungrig, und er wollte ein verständnisvoller Vorgesetzter sein. Er ließ also die Zofe in die Küche gehen, stellte einen Mann zu ihrer Überwachung ab und schärfte ihm ein, sich absolut korrekt zu verhalten.

Bald kauten die Männer mit vollen Backen und tranken dazu Sekt, der sich im Eisschrank gefunden hatte. Brenner lehnte erst mannhaft alles ab. Später aß er doch ein Häppchen, trank ein Schlückchen …

Es wurde neun Uhr, zehn Uhr. Und immer noch keine Spur von Thomas Lieven. Die Damen meinten, sie würden es vorziehen, ins Bett zu gehen.

Brenner gestattete es ihnen. Er organisierte den Wachdienst. Ein Mann vor dem Zimmer der Zofe, ein Mann vor dem Zimmer der Hausfrau, ein Mann vor dem Badezimmer. Zwei Mann an der Haustür. Er selber blieb im Salon, neben dem Telefon.

Er würde nicht schlafen, dachte er. Er kam sich vor wie ein Fels in der Brandung. Nicht zu korrumpieren. Nicht zu unterhöhlen. Nicht zu …

Dann war er doch eingeschlafen!

Als er erwachte, war es dunkel im Salon. Er spürte, wie weiche Hände sanft über seinen Leib tasteten …

»Still«, flüsterte Lilly Page, »sie schlafen alle … Ich tue, was Sie wollen, aber lassen Sie Prosper laufen …«

»Madame«, sagte Brenner fest, und seine Hände umklammerten ihre Arme wie Schraubstöcke, »nehmen Sie sofort Ihre Hände von meiner Pistole!«

»Ach«, seufzte Lilly in der Dunkelheit, »ich will doch nicht deine Pistole, du Narr …«

In diesem Augenblick schrillte die Türglocke.

7

Thomas Lieven kehrte um 22 Uhr 10 nach Paris zurück. Im Hotel »Lutetia« teilte man ihm aufgeregt mit, daß Major Brenner ihn schon seit Stunden dringend in der Avenue Mozart 28 erwarte. Der Major sei mit einem ganzen Kommando ausgerückt.

»Hm«, sagte Thomas und dachte: Was, um Gottes willen, tut Brenner seit Stunden in der geheimen Absteige dieses Schiebers Petersen?

In der Halle des Hotels erblickte er seine beiden alten Freunde, die kriegsmüden, barrasschlauen Funkgefreiten Raddatz und Schlumberger, die er im Verlaufe seines Abenteuers mit dem »Maquis Crozant« kennen- und schätzengelernt hatte. Der Berliner und der Wiener begrüßten ihn strahlend. Sie waren eben abgelöst worden.

»Möönsch«, freute sich der hagere Berliner mit der Vorliebe für französische Magazine, »kiek mal, Karli, det is ja unsa Herr Sondaführa!«

»Kommen S’ mit, Herr Sonderführer?« fragte der leicht verfettete Wiener. »Mir gehn noch in die Rue Pigalle, a poar fesche Katzerl aufreißn.«

»Hört mal zu, Kameraden«, sagte Thomas Lieven, »verschiebt eure löblichen Absichten ein wenig und kommt mit mir. Vielleicht brauche ich euch.«

Und so standen die drei gegen 23 Uhr dann vor der Wohnung in der Avenue Mozart 28. Thomas klingelte. Danach ertönten mehrere Stimmen. Danach gab es einiges Gepolter. Dann kamen Schritte heran. Dann flog die Tür auf. Major Brenner stand in ihrem Rahmen, dunkelrot, außer Atem, mit verwirrtem Haar, Lippenstiftspuren am Halse. Hinter ihm sahen Thomas und seine Freunde eine Dame, die einen Traum von Nachthemd trug – und sonst gar nichts.

Major Brenner stammelte: »Herr Lieven … Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen …« Galant küßte Thomas Lieven der Dame im Nachthemd die Hand.

Dann erklärte Major Brenner die Gesamtsituation, berichtete von dem, was er leider in dieser Wohnung vorgefunden und was er leider in dieser Wohnung nicht vorgefunden habe. Zuletzt kam er auf seinen Gefangenen zu sprechen.

»Prosper ist mein Geliebter«, warf Lilly Page, inzwischen mit einem Morgenmantel etwas mehr bekleidet, ein. Sie sah Thomas tief in die Augen. »Er weiß von nichts, was Petersens Geschäfte angeht.«

»Anging«, verbesserte Thomas. »Erich Petersen ist nämlich erschossen worden. In Toulouse, von einem seiner Geschäftspartner …«

Lillys schöne Lippen schürzten sich zu einem schönen Lächeln. Sie sagte mit einem unirdischen Ausdruck des Glücks: »Endlich hat’s ihn erwischt, den elenden Schuft.«

»Lassen Sie sich nicht von Ihrem Schmerz überwältigen, Madame«, bat Thomas.