Der kleine Major begriff nichts mehr. »Aber«, sagte er, »aber ich dachte …«
»Mensch Meier«, unterbrach ihn in diesem Moment die sonore Stimme des Gefreiten Raddatz. »Det is ja ’n Ding, muß ick ja sajen …«
»Was fällt Ihnen ein, mich zu unterbrechen«, rief der Major Brenner. Er drehte sich um. Er sah den hageren Gefreiten vor dem großen Mahagonikästchen stehen, das er am Nachmittag geöffnet und danach wieder voll Abscheu geschlossen hatte.
Der Gefreite Raddatz hatte das Kästchen gleichfalls geöffnet, jedoch durchaus nicht mehr voll Abscheu geschlossen. Mit beiden Händen holte er hervor, was in den Schubladen des Kästchens lag, schaute, staunte, guter Laune. Schließlich nahm er alle Schubladen heraus und leerte sie auf den Boden aus. Er lachte noch immer dabei. Plötzlich hörte er auf zu lachen. Und er sagte verblüfft: »Mir laust der Affe. Wat machen denn Reichskreditkassenscheine in so ’ne Umjebung?«
Und dann war es auf einmal still im Salon, totenstill. Bis Thomas leise sagte: »Na also.« Er verneigte sich vor Madame Lilly Page. »Erlauben Sie, daß wir noch einmal zu suchen beginnen?«
Die schöne Frau lächelte müde. »Mit Vergnügen. Ich sage Ihnen auch gerne, wo Sie suchen müssen. Überall dort, wo der Herr Major seinen Leuten verboten hat zu suchen …«
Fünf Millionen in Reichskreditkassenscheinen der Ausgabe Rumänien förderten sie zutage: in Rosenholzkästchen, in denen sich seltsame Gegenstände aus dem erfindungsreichen Orient befanden, hinter den verbotenen Büchern der Bibliothek, unter den unaussprechlichen Sammlungen, hinter den unanständigen Bildern im Salon.
Nun schickte Thomas die Hausfrau in ihr Zimmer und nahm sich den bleichen, verschreckten Prosper Longtemps vor. Zehn Minuten später ging er zu Madame ins Schlafzimmer.
Sie lag im Bett. Ihre Augen brannten. Thomas setzte sich auf den Bettrand. Sie flüsterte: »Ich sage die Wahrheit … Prosper ist meine Liebe. Nur seinetwegen habe ich es hier ausgehalten, bei Erich – bei diesem Ferkel … Aber Sie glauben mir ja doch nicht.«
»Ich glaube Ihnen«, sagte Thomas Lieven. »Ich habe mich mit Prosper unterhalten. Er hat mir erzählt, daß er Sie schon seit zwei Jahren kennt. Vor einem Jahr hat der SD ihn verhaftet …«
Eine Menge ausgefressen hatte Prosper Longtemps, der Tunichtgut, der die Damen so glücklich machte. Als er vor einem Jahr vom SD verhaftet wurde, verhörte ihn ein gewisser Untersturmführer Petersen. Bei dem erschien eine gewisse Lilly Page und bat für Prosper. Petersen gefiel diese Dame. Er versprach, milde zu Prosper zu sein, wenn … Lilly Page wurde notgedrungen die Geliebte Petersens, und Petersen ließ Prosper laufen.
Jetzt sagte Thomas: »Hören Sie zu, Madame, ich bin bereit, Prosper zu schützen. Unter einer Bedingung –«
»Ich verstehe«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln und bewegte sich träge.
»Ich glaube nicht, daß Sie mich verstehen«, antwortete Thomas freundlich. »Petersen war in eine Schiebung mit Reichskreditkassenscheinen verwickelt. Ich muß wissen, wie die nach Frankreich kamen. Wenn Sie uns da helfen, will ich Ihren Prosper schützen.«
Langsam richtete Lilly sich im Bett auf. Sie ist sehr schön, dachte Thomas, dabei liebt sie einen solchen Strolch – und tut alles für ihn … Das Leben ist komisch!
Lilly Page sagte: »Da drüben hängt ein Bild, die Leda mit dem Schwan. Nehmen Sie es von der Wand.«
Thomas tat, was sie sagte. Hinter dem Bild erblickte er einen kleinen Wandsafe mit einem Nummernschloß.
»Stellen Sie die Zahl 47 132 ein«, sagte die Frau auf dem Bett. Er stellte die Zahl 47 132 ein. Die Safetür öffnete sich. Ein Buch aus schwarzem Leder lag in dem Stahlfach, sonst nichts.
»Erich Petersen war ein widerwärtig pedantischer Mensch«, sagte die Frau auf dem Bett. »Er führte über alles Buch. Über Männer, über Frauen, über Geld. Sie sehen sein Tagebuch. Lesen Sie es. Dann werden Sie alles wissen.«
In dieser Nacht fand Thomas Lieven nur wenig Schlaf. Er las das Tagebuch des Untersturmführers Erich Petersen. Als der Morgen graute, wußte er Bescheid über eine der größten Schiebungen des Krieges.
Übernächtigt erstattete er am Vormittag dem heimgekehrten Oberst Werthe Bericht: »In dieser Sache hängt einfach alles drin! Höchste Beamte im Reichssicherheitshauptamt Berlin. Höchste SD-Leute in Rumänien. Wahrscheinlich sogar Manfred von Killinger, der deutsche Gesandte in Bukarest. Und hier in Paris – Obersturmführer Redecker, der Schwager Heinrich Himmlers!«
»Allmächtiger«, sagte Oberst Werthe schwach, indessen der Major Brenner auf seinem Sessel wetzte, unruhig, erwartungsvoll, gespannt.
»Mit Redecker fing überhaupt alles an«, berichtete Thomas. »1942 arbeitete er beim SD in Bukarest …« Zu dieser Zeit mußten die Rumänen Reichskreditkassenscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, aber sie waren selig, wenn sie jemanden fanden, der ihnen dafür Dollars, Pfund oder Gold gab. Zu den schlechtesten Kursen. Egal! Egal! Nur wieder weg mit dem Dreckpapier!
Redecker wurde nach Paris versetzt. Hier lernte er den Untersturmführer Petersen kennen. Die beiden entdeckten eine große Seelenverwandtschaft. Redecker erzählte von seinen rumänischen Erfahrungen. Zusammen zogen sie das Geschäft ganz groß auf. Petersen fuhr in Frankreich herum. Er kaufte, stahl, erpreßte und requirierte Gold. Das Gold wurde mit Kuriermaschinen des SD nach Berlin geflogen. Hier saßen zuverlässige »Mitarbeiter« im Reichssicherheitshauptamt. Das französische Gold flog mit SD-Kuriermaschinen weiter nach Bukarest. Auch hier saßen zuverlässige Mitarbeiter.
Nun kauften SD-Leute in Bukarest mit dem französischen Gold zu schlechtesten Kursen Reichskreditkassenscheine der Serie Rumänien auf. Diese wurden als »Geheime Kommandosachen« verpackt und deklariert und über Berlin nach Paris geflogen.
»… es verhält sich genauso, wie der Bankier Ferroud vermutete«, beendete Thomas Lieven seinen Bericht. »Nur Deutsche konnten diese Riesenschiebung aufziehen. Mit den so billig erschacherten Scheinen kauften Redecker und Petersen in aller Seelenruhe Frankreich aus. Aber Petersen traute Redecker niemals ganz. Das hat mir Lilly Page erzählt. Darum führte er ein Tagebuch über alle Operationen, an denen Redecker beteiligt war. Er wollte ihn in der Hand haben.« Thomas hob das schwarze Buch auf. »Nicht nur Redeckers Name steht auf diesen Seiten. Viele Namen stehen darauf. Mit diesem Buch, meine Herren, können wir den ganzen Ring auffliegen lassen.«
»Aber hören Sie mal, Lieven«, knurrte Werthe gereizt, »ist Ihnen klar, mit wem wir uns hier anlegen? Mit dem Schwager Himmlers! Mit einem Gesandten! Mit höchsten SD-Beamten. Sie sagen es selber!«
»Darum wollen unsere nächsten Schritte reiflich erwogen sein, Herr Oberst! Und wo lassen sich schwerwiegende Schritte reiflicher überlegen als bei einem guten Essen? Ich habe zu Hause bereits alles Nötige veranlaßt. Ich erwarte Sie in einer Stunde bei mir.«
Ach, so viel kann geschehen in einer Stunde …
8
Bleich und verstört erschienen Oberst Werthe und Major Brenner sechzig Minuten später in Thomas Lievens reizender kleiner Villa am Square du Bois de Boulogne. Der Major sah aus, als wollte er in Tränen ausbrechen. Der Oberst starrte verbissen vor sich hin, während die hübsche Nanette die Vorspeise servierte.
Thomas wartete, bis sie verschwunden war, dann erkundigte er sich: »Was soll die Trübsal, meine Herren? Fühlen Sie vielleicht ein menschliches Rühren, weil es dem Reichsheinischwager an den Kragen geht?«
»Wenn es nur dem an den Kragen ginge«, sagte Werthe dumpf.
»Wem denn noch?« fragte Thomas und steckte ein Stückchen Melone in den Mund.
»Ihnen«, sagte Werthe.
Weil man mit vollem Mund nicht spricht, schluckte Thomas erst hinunter, bevor er sagte: »Kleiner Scherz?«
Menu, Paris, 28. September 1943
Beim Dessert plant Thomas Lieven, selbst einen
Reichsführer zur Räson zu bringen.