4. Am 4. März 1944 erreichten russische Truppen die rumänische Grenze. Am selben Tag erschien Thomas Lieven in Begleitung von Oberst Werthe und Major Brenner in der Stadt Poitiers. Sie waren von einer gewissen Charlotte Régnier, einer neuen Agentin der Abwehr Paris, alarmiert worden.
Charlotte Régnier, 40jährig, blond, vollbusig, wenig hübsch und sehr nervös, galt seit einiger Zeit als Starerwerbung der Abwehr in diesem Raum. Dem kleinen Major Brenner war es gelungen, diese alleinstehende französische Schriftstellerin für deutsche Dienste anzuwerben. Beinahe täglich hatten ihre sensationellen Berichte das Hotel »Lutetia« in Aufregung versetzt.
Zuletzt hatte Charlotte Régnier die Bildung eines gewaltigen neuen Maquis in der Nähe von Poitiers gemeldet. Damit erreichte sie, daß die Abwehr Paris zu einer Großaktion im Raum Poitiers ansetzte.
Über zweihundert Franzosen wurden verhaftet und tagelang verhört. Dann wurden über zweihundert Franzosen plötzlich wieder freigelassen …
Sonderführer Lieven war nämlich mittlerweile der Nachweis gelungen, daß Major Brenner sich mit der blonden Charlotte doch keine Superagentin eingehandelt hatte. Sonderführer Lieven stellte fest, daß die blonde Charlotte erst vor einem halben Jahr aus der Irrenanstalt entlassen worden war. Die Ärzte bezeichneten sie als ungefährlich. Aber sie war noch immer entmündigt. Und sie war – natürlich – noch immer verrückt …
12
Am 23. März 1944 war Thomas zu einer großen Gesellschaft eingeladen, die ein französischer Geschäftsfreund gab. Auf dieser Gesellschaft langweilte er sich mächtig bis zu dem Moment, da eine Dame in einem grünen Abendkleid auftauchte. Da fand er die Party plötzlich hochinteressant!
Die Dame in Grün war etwa 28 Jahre alt. Sie trug das blonde Haar hochgesteckt. Die Augen waren kastanienbraun. Sie sah aus wie die Filmschauspielerin Grace Kelly.
»Wer ist das?« fragte Thomas Lieven sofort den Gastgeber. Der sagte ihm, wer die Dame war.
Vera Prinzessin von C. – so werden wir die Dame nennen. Sie lebt nämlich noch unter uns, und sie hat unsere Sympathie. Darum wollen wir ihren Familiennamen nicht verraten.
»Uraltes deutsches Adelsgeschlecht«, verriet Thomas Lievens Geschäftsfreund. »Mit Fürstenhäusern in aller Welt verwandt, mit dem alten Wilhelm, mit den Windsors, dem Grafen von Paris, mit – was weiß ich!«
»Würden Sie wohl so freundlich sein, mich vorzustellen?« fragte Thomas. Der Hausherr war so freundlich.
Die Prinzessin dagegen war alles andere. So etwas Abweisendes, Kühles und Hochmütiges hatte Thomas noch nicht erlebt!
Er versprühte ein ganzes Charmefeuerwerk. Die Prinzessin sah durch ihn durch, lächelte mechanisch, und nach seiner allerbesten Pointe sagte sie: »Wie meinten Sie eben, Herr – Lieven?«
Ein solches Verhalten reizte unseren Freund. Die Person gefiel ihm! Ihre aristokratische Herkunft war ihm piepegal. Er hatte keine Snobambitionen. Er brauchte keine Prinzessin in seiner Sammlung. Nein, die Person war es … Die Person gefiel ihm so gut!
Und so bemühte er sich weiter. Ob man sich nicht vielleicht wiedersehen könnte, fragte er. In die Oper gehen – essen …: »Ich koche selber. Man sagt, ich sei begabt. Darf ich für Sie kochen? Morgen vielleicht?«
»Das ist leider ausgeschlossen. Ich bin in dieser Woche jeden Abend bei Herrn Lakuleit. Kennen Sie ihn?«
»Lakuleit?« Irgendwo hatte Thomas den Namen gehört. Wo? »Nein, ich kenne ihn nicht, den Glücklichen, für den Sie soviel Zeit haben.«
Zuletzt gab unser Freund es auf. Sinnlos. Einfach sinnlos. Verärgert verließ er die Party als einer der ersten.
Zwei Tage später rief ihn die abweisende Prinzessin völlig unerwartet zu Hause an. Sie sagte, Thomas möge ihr verzeihen, daß sie ihn so kühl behandelt habe. Vom Gastgeber hätte sie nach seinem Fortgehen erfahren, daß er aus Berlin stamme und in Paris eine kleine Bank sein eigen nenne. Der Gastgeber kannte Thomas Lieven nur als Bankier. Niemand außer den direkt Betroffenen wußte in Paris etwas von Thomas Lievens Agententätigkeit.
»… ich habe Ihnen doch von Herrn Lakuleit erzählt«, hörte Thomas die Prinzessin sagen. »Stellen Sie sich vor, er ist auch Berliner! Das heißt, geboren wurde er in Königsberg … Sie haben mir doch gesagt, daß Sie gut kochen, und da hatte er einen so lustigen Einfalclass="underline" Er wünscht sich Königsberger Klopse … Die kann hier keiner machen … Kommen Sie doch morgen zu uns, ich meine, zu Herrn Lakuleit …«
Unser Freund sagte zu. Und dann begann er zu grübeln.
Lakuleit … Lakuleit …
Woher kenne ich den Namen? Thomas erkundigte sich bei Oberst Werthe. Die Auskunft, die er erhielt, befriedigte ihn nicht:
Oskar Lakuleit war Alleininhaber der »Intercommerciale SA« (IC) in Paris. Diese Firma hatte vom »Bevollmächtigten für das Kraftfahrzeugwesen« (BDK) im OKW den Auftrag erhalten, in ganz Frankreich gebrauchte Kraftfahrzeuge für die Wehrmacht einzukaufen. Lakuleit arbeitete zur vollen Zufriedenheit seiner Auftraggeber. Ein tüchtiger Mann. In Berlin war er Garagenbesitzer gewesen. Jetzt hatte er Geld. Viel Geld …
Lakuleit … Lakuleit … Woher kannte Thomas bloß den Namen?
Der Herr wohnte in einem Palais am Boulevard Pereire. Ein livrierter Diener öffnete und führte Thomas in eine Halle, in der es aussah wie in einem überfüllten Antiquitätenladen. Bild neben Bild hing an der Wand. Teppich überlappte Teppich. Thomas schnappte nach Luft.
Der Diener führte Thomas in die Bibliothek. Hier saß der Hausherr und telefonierte. Der Hausherr war Thomas auf den ersten Blick tief unsympathisch. Sehr groß, sehr dick. Etwa vierzig. Runder Schädel. Niedere Stirn. Kurzes, blaßblondes Haar, mit Brillantine glattgeklatscht. Wäßrige, stechende Augen. Über dem weibischen Mund ein blaßblonder Schnurrbart …
Nicht, daß er etwa zu telefonieren aufgehört hätte, als Thomas eintrat. Er winkte ihm bloß, Platz zu nehmen. Hochrot im Gesicht, brüllte er in den Hörer: »Nun will ich Ihnen mal was sagen, Neuner, es ist mir scheißegal, ob Ihre Frau krank ist! Was-was-was, Unrecht! Sie haben geklaut! Jawohl, klauen nenne ich das! Ich warne Sie, Neuner, fordern Sie mich nicht heraus, ich lasse glatt Ihre U.k.-Stellung platzen! Was? Nicht tauglich? Das wäre ja gelacht! Schluß jetzt. Sie sind entlassen, fristlos!«
Lakuleit knallte den Hörer in die Gabel und erhob sich grunzend und lachend. »Tag, Herr Lieven. Angenehm. Das war einer meiner Buchhalter. Mußte ihn rausfeuern. Frech geworden, der Kerl. Kann man sich doch wohl nicht bieten lassen, was?« Er schlug Thomas gespielt jovial auf die Schultern. »Na, alter Spree-Athener, da wollen wir also erst mal einen heben, und dann bringe ich Sie in die Küche. Die Prinzessin wird gleich kommen. Meine Frau trödelt mit dem Anziehen herum – wie immer.«
Thomas bemerkte, daß Lakuleit drei Brillantringe mit großen Steinen an den Würstchenfingern trug. Der Herr wurde ihm immer unsympathischer …
Die Küche war so groß wie die eines mittleren Hotels. Eine Köchin, ein Koch und zwei Mädchen gingen Thomas zur Hand. Lakuleit sah zu und trank Hennessy aus Wassergläsern.
Menu • Paris, 26. März 1944
Bei ostpreußischen Spezialitäten
benimmt sich eine Prinzessin seltsam …
Gefüllte Artischockenböden
Feine Königsberger Klopse
Ananas-Beignets
Gefüllte Artischockenböden: Man nehme etwa acht Artischockenböden – jederzeit in Büchsen oder Gläsern erhältlich –, richte sie auf einer Platte an und beträufle sie mit Zitronensaft. – Man belege sie mit 50 Gramm entkernten schwarzen Oliven und Scheibchen von zwei kleinen roten Pfefferschoten und harten Eiern. – Man verrühre Zitronensaft, Öl, sehr fein gehackte Zwiebeln und Petersilie zu einer Sauce und gieße sie über die gefüllten Artischockenböden, verziere die Platte mit Petersilie.