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Feine Königsberger Klopse: Man nehme je ein Pfund Kalb- und Schweinefleisch, drehe es durch den Wolf und verarbeite es gut mit einer eingeweichten, ausgedrückten Semmel, zwei Eiern und feingehackter, hellgedünsteter Zwiebel. Man schmecke mit Salz, Pfeffer und Sardellenpaste pikant ab und forme daraus mit nassen Händen mittelgroße runde Klöße. – Man mache eine helle Butterschwitze mit wenig Mehl, lösche mit Fleischbrühe und einem Glas Weißwein ab, lasse gut durchkochen und dann die Klopse darin langsam gar dämpfen. – Man nehme die Klopse heraus, ziehe die Sauce mit zwei in saurer Sahne verrührten Eigelb ab, gebe einen Eßlöffel Kapern hinzu, schmecke mit Pfeffer, Salz, Zitronensaft ab und lasse die Klopse etwas in der Sauce ziehen, ohne daß sie zum Kochen kommt.

Ananas-Beignets: Man nehme Scheiben von frischer oder eingemachter Ananas und halbiere sie. – Man mache einen dickflüssigen Ausbackteig aus ein achtel Liter Milch, 125 Gramm Mehl, zwei ganzen Eiern, etwas Salz und einem Schuß Rum. – Man tauche die Ananasstücke hinein und backe sie in heißem Schmalz schwimmend zu goldgelber Farbe. – Man lasse das Fett abtropfen und reiche die Beignets mit Zucker bestreut.

Dann kam Vera Prinzessin von C. in die Küche. Sie trug ein rotes Abendkleid, tief ausgeschnitten. Und wenn sie bei der ersten Begegnung hochmütig gewesen war, so war sie bei der zweiten übertrieben charmant. Da legte Thomas mit einem sehr unguten Vorgefühl die Klopse in die feine Sauce.

Richtig unheimlich wurde ihm allerdings erst, als er im Speisezimmer Frau Lakuleit kennenlernte. Olga Lakuleit sah verwüstet aus. Ausgemergelt das Gesicht. Gelblich verfärbt das Haar, erloschen die Augen. Und dabei höchstens Ende Dreißig …

O Gott, dachte Thomas, die arme Seele. Ist die Prinzessin die Freundin des Fettwanstes? Offensichtlich. Warum bin ich bloß hergekommen? Widerwärtig.

Der Abend wurde immer widerwärtiger. Olga Lakuleit sprach kein einziges Wort. Sie trank nicht, sie aß kaum einen von den Klopsen. Plötzlich rannen ihr Tränen über die bleichen Wangen.

»Geh lieber wieder rauf, Olga«, sagte Lakuleit kurz und brutal. Olga Lakuleit stand auf und ging.

»Noch ’nen Klops, Herr Lieven?« fragte der gemütvolle Gatte. Und strahlend lächelte die Prinzessin Thomas Lieven an, der sich plötzlich appetitlos, gänzlich appetitlos fühlte.

Nach dem Essen gingen sie in die Bibliothek. Hier, bei Kaffee und französischem Kognak, ließ der Fette dann endlich die Katze aus dem Sack: »Passen Sie mal auf, Lieven. Sie sind Berliner, ich bin Berliner. Sie haben eine Bank, ich habe ein großes Geschäft. Die Zeiten sind beschissen. Machen wir uns nichts vor: Der Karren ist im Dreck festgefahren. Wird bald umschmeißen. Man muß an die Zukunft denken. Habe ich recht?«

»Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Herr Lakuleit«, sagte Thomas kalt.

Der Fette lachte wiehernd: »Klar wissen Sie es! Wer denn, wenn nicht Sie? Sie haben Ihr Geld doch auch schon in der Schweiz!« Lakuleit wurde ganz deutlich: Er und seine Freunde hätten große Vermögen in Frankreich. Wenn Thomas einen Weg fand, diese Vermögen, dank seiner Beziehungen, in die Schweiz zu transferieren, sollte es sein Schaden nicht sein. »Is ’n ordentlicher Fisch für Sie drin, Lieven!«

Thomas hatte jetzt genug. Er stand auf. »Ich fürchte, Sie haben sich an den falschen Mann gewendet, Herr Lakuleit. So etwas mache ich nicht.«

Nun schaltete sich die Prinzessin ein. Sie nahm für Lakuleit Partei. Das gab Thomas den Rest. Daß die Person sich nicht schämte! Freundin eines verheirateten Mannes – und noch dazu so eines Mannes! Pfui Teufel!

»Herr Lieven, vielleicht reizt Sie dieses Geschäft doch, wenn Sie hören, wer Herrn Lakuleits Freunde sind …«

»Schon mal was von Göring gehört?« grunzte der Fette. »Bormann? Himmler? Rosenberg? Ich sage Ihnen, da sind Millionen drin – auch für Sie!«

»Ich bin nicht käuflich.«

»Ach Quatsch, Mann! Jeder Mensch ist käuflich, es kommt nur auf den Preis an!«

Das war das Ende. Thomas verabschiedete sich abrupt. Er war jetzt außer sich vor Wut. Dieses dicke Schwein! Dem werde ich jetzt mal auf die Finger gucken. Der ist doch hinten und vorn nicht astrein …

Als Thomas in der Garderobe seinen Mantel suchte, tauchte plötzlich die Prinzessin auf: »Ich gehe auch. Sie können mich heimbringen. Ich wohne ganz in der Nähe.«

Thomas verneigte sich stumm. Er konnte vor Wut nicht reden. Auch auf der Straße bekam er kein Wort heraus. Stumm brachte er die junge Frau bis vor die Haustür. Sie sperrte auf. Sie lehnte sich gegen die Mauer. »Also, was ist, Tommy?« sagte diese seltsame Angehörige des deutschen Uradels. Ihre Stimme klang jetzt verraucht und heiser.

Thomas starrte sie an.

»Bi-bitte?«

»Na los, küß mich … Worauf wartest du?« Sie zog ihn am Ärmel zu sich, schlang die Arme um ihn und küßte ihn wild.

»Ich will, daß du mich liebst«, flüsterte die Prinzessin. Sie küßte ihn wieder und sagte, ziemlich laut, ein paar Sätze, die sich der Wiedergabe im Druck entziehen.

Ihr Hohenzollern, ach! Ihr Windsors, Auerspergs, Colonnas! Teurer Graf von Paris! Um eurer hehren Geschlechter willen wollen wir verschweigen, was der kesse adlige Blondschopf sagte – um euretwillen, und mit Rücksicht auf die internationale Buchzensur.

Im gleichen Moment, in welchem er Vera Prinzessin von C. derart ungeheure Dinge sagen hörte, traf eine plötzliche Erkenntnis Thomas Lieven wie ein Faustschlag zwischen die Augen.

Lakuleit!!!

Jetzt wußte er endlich, woher er den Namen kannte. In dem schwarzen Tagebuch des erschossenen Untersturmführers Petersen stand dieser Name! Viele Namen standen in diesem Buch, in welchem der Schieber alle jene verzeichnet hatte, die in seine dunklen Geschäfte mitverstrickt waren.

Lakuleit … Deutlich, ganz deutlich sah Thomas das Schriftbild des Namens vor sich. Und dahinter drei Ausrufezeichen. Und darunter die Abkürzung eines zweiten Namens: »V. v. C.« Und dahinter ein Fragezeichen …

13

Thomas ließ sich sonst sehr gern verführen und spielte »das kleine Mädchen«. Aber heute? So reizvoll dieser uradelige Blondschopf wirkte, so unheimlich und zwielichtig war die Prinzessin auf der anderen Seite. Außerdem hatte die Dame zu miese Bekannte.

Freundlich, aber bestimmt nahm er darum die Hände Veras von seinem Körper und sagte mit einer Verneigung: »Ein ganz reizender Abend. Darf ich mich jetzt verabschieden, teuerste Prinzessin?« Schmal wurden die kastanienbraunen Augen der kessen Schönen.

Verehrte Leser! Stellen Sie sich eine zur Weißglut gereizte, verführerisch schöne Blondine vor! Haben Sie? Gut. Dann erblicken Sie vor Ihrem geistigen Auge, was Thomas Lieven in natura erblickte.

Sprach das wilde Mädchen durch die Zähne: »Du bist wohl wahnsinnig geworden, Tommy, wie? Du kannst mich doch jetzt in dem Zustand nicht allein lassen …«

Ein zweites Mal verneigte Thomas sich. »Es dünkt mich, verehrte Prinzessin, daß Sie innig mit Herrn Lakuleit befreundet sind. Diese Verbindung möchte ich nicht stören. Eine so harmonische, moralische Beziehung.«

Er öffnete die Haustür. Sie versuchte ihn festzuhalten. Er machte sich frei. Sie stampfte mit den kleinen Füßen auf. Sie rief schrilclass="underline" »Bleib hier, du Dreckskerl!« Und schlug mit den Fäusten gegen seine Brust. Er drehte sich um und ging, ohne sich um die Erregte weiter zu kümmern, den nächtlichen Boulevard hinab.

Puhhh! Frische Luft! Das war es, was er jetzt brauchte. Junge, Junge, was für ein Abend. Der deutsche Hochadel hatte es aber wirklich in sich! Da konnten bürgerliche Damen einfach nicht mehr mit.

Bißchen verkommen, die Kleine, dachte Thomas, aber nett. Komisch, ich könnte schwören, sie ist ein anständiger Kerl. Gut erzogen. Klug. Charmant – wenn sie will … Was findet eine solche Frau an einem solchen Kerl wie Lakuleit? Warum steht ihr Name unter dem seinen in dem schwarzen Tagebuch des toten Untersturmführers Petersen?