Thomas blieb stehen, starrte einen Baum an und sagte laut: »Du hast dich doch nicht etwa bereits in Vera verliebt, du Idiot?«
Der Baum gab keine Antwort; er war ja auch nicht gemeint. Thomas ging weiter. Unsinn, dachte er. Was heißt verliebt? In so einen blonden Haifisch? Absolut lächerlich. Aber Herrn Lakuleit wollen wir jetzt mal auf den Zahn fühlen. Jawohl!
An diesem Abend, dem 26. März 1944, hatte das Dienstmädchen Nanette Ausgang. Thomas Lieven sperrte das Haustor auf, drehte in der kleinen Diele das elektrische Licht an, zog seinen Mantel aus und öffnete die Tür zu der kleinen Bibliothek.
Ein Mann saß in dem Ohrenstuhl vor dem Kamin. Gepflegter Schnurrbart. Römische Nase. Ewig ironische Augen. Ein blauer Anzug, schon ein wenig abgetragen. Eine Sherlock-Holmes-Pfeife in der Hand. Eine Rauchwolke billigen Tabaks stieß der Herr aus, dann sagte er, ungeheuer bedeutungsvolclass="underline" »Das haben Sie nicht erwartet, Herr Lieven, wie?«
»Guten Abend, Oberst Siméon«, sagte Thomas Lieven, seufzend diesen französischen Geheimagenten und Patenthelden betrachtend, mit dem er schon so viele Aufregungen erlebt hatte. »Lange haben wir uns nicht gesehen.«
Oberst Siméon, der immer noch aussah wie ein zu groß geratener Adolphe Menjou, stand auf. Er begann pathetisch: »Ein Dietrich verschaffte mir Eingang. Mein Herr, Ihr Spiel ist aus.«
»Einen Moment, mein Lieber. Ihr Tabak – seien Sie mir nicht böse – stinkt bestialisch. Sehen Sie da drüben den blauen Tontopf? Da ist echter englischer drin. Beutegut der Deutschen Wehrmacht. Haben Sie keine nationalen Bedenken!«
Der Angehörige des ewig unter Geldmangel leidenden französischen Geheimdienstes zögerte, dann klopfte er seine Pfeife aus und ging zu dem blauen Tontopf. Während er den Deckel abhob, sprach er düster: »Ich habe nichts persönlich gegen Sie, Herr Lieven. Ich war es, der Sie für das ›Deuxième Bureau‹ anwarb. Aber Ihr Spiel ist aus.«
»Das haben Sie schon einmal gesagt. Warten Sie doch ein bißchen, dann höre ich Ihnen auch ganz genau zu …«
Plötzlich ließ Siméon seine Pfeife fallen. Plötzlich hatte er eine Pistole in der Hand. »Weg von dem Schrank! Hände hoch!«
»Aber nicht doch, Herr Oberst!« sagte Thomas kopfschüttelnd. »Sind Sie immer noch so schreckhaft wie früher?«
»Mich täuschen Sie nicht! Sie wollten den Schrank öffnen, stimmt’s?«
»Stimmt, ja.«
»Und ihm eine Waffe entnehmen und mich überwältigen.«
»Stimmt nicht. In dem Schrank sind keine Waffen.«
»Sondern?«
»Meine Hausbar. Ich wollte uns etwas zu trinken machen!«
Der Oberst tat drei gewaltige Schritte, riß den geschnitzten Schrank auf und wurde ein bißchen rot. Er knurrte: »Ein Mann in meinem Beruf kann nicht vorsichtig genug sein.« Thomas begann die Getränke zuzubereiten. Siméon sagte: »Besonders bei einem Verräter wie Ihnen.«
»Mit Soda oder mit reinem Wasser?«
»Mit Soda. Bei einem drei- und vierfachen Verräter wie Ihnen, Herr Lieven!«
»Bißchen farblos, nicht? Noch ein Schuß Whisky? So.«
Siméon wandte sich verärgert ab. Thomas betrachtete ihn mitleidig. Im Grunde hatte er diesen Springinsfeld und Heldendummkopf nicht ungern. Er sagte: »Tut mir leid, Oberst.«
»Was?«
»Daß ich Ihnen Ihren schönen Auftritt versaut habe. Sagen Sie, wie geht es eigentlich der süßen Mimi?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Aber hören Sie, Herr Oberst! Sie haben Mimi von meiner Seite gerissen! Sie wollten heiraten, Kinder zeugen, kleine französische Patrioten … Und da wissen Sie nicht, wie es ihr geht?«
Dumpf sagte der Oberst: »Mimi hat mich verlassen. Vor einem Jahr schon. Können Sie sich das vorstellen?«
»Trinken wir trotz allem auf Mimis Wohl. Ist es Ihnen ein Trost, daran zu denken, daß die Süße auch mich verlassen hat?«
»Nein.«
»Sehr freundlich. Und nun erklären Sie mir, warum mein Spiel aus ist.«
»Sie ließen mich vorhin nicht aussprechen. Ich wollte nicht sagen, Ihr Spiel ist aus. Ich wollte sagen: Ihr Spiel ist aus, wenn Sie nicht sofort die Finger von der Prinzessin lassen.«
»Von was für einer Prinzessin?«
»Sie wissen genau, von was für einer Prinzessin! Sie waren heute abend mit ihr zusammen.«
»Glauben Sie mir, ich habe die Finger von ihr gelassen!«
»Werden Sie nicht frivol! Hier geht es um Leben und Tod! Ich warne Sie, Lieven. Wir haben gewaltige Dossiers über Sie …«
»Mein Gott, welcher Geheimdienst hat die nicht?«
»Ich warne Sie zum letztenmal, Lieven. Retten Sie sich nicht in diesen seelenlosen Zynismus. Sie wissen, wie stark die Résistance in Frankreich mittlerweile geworden ist. Wir könnten jeden von Ihnen jeden Tag umlegen – wenn wir wollten. Auch Sie! Aber bei Ihnen werde ich immer noch ein bißchen weich …«
»Nicht doch!«
»Ja doch … Erinnerungen … Unsere gemeinsame Flucht aus Paris … Mimi … Toulouse … Oberst Débras … Josephine Baker … Aber ich kann Sie nicht mehr schützen, wenn Sie sich weiter um die Prinzessin – und um diesen Herrn Lakuleit …«
Thomas Lieven staunte Bauklötze. »Wollen Sie mir erzählen, daß der französische Geheimdienst um das Wohlergehen eines dicken Nazi-Schiebers besorgt ist?«
»Will ich Ihnen erzählen, ja.«
»Und warum?«
»Will ich Ihnen nicht erzählen, nein.« Der Oberst war jetzt ungeheuer männlich und entschlossen: »Ich habe Ihnen unsere letzte Warnung überbracht, Lieven. Nach der kommt keine mehr. Jetzt wird scharf geschossen!«
»Gleich? Oder können wir noch einen letzten Friedenswhisky miteinander trinken?«
3. Kapitel
1
»Dieser Herr Lakuleit ist meines Erachtens eines der größten Schweine, die in Frankreich herumlaufen«, sagte Thomas Lieven in einem Zimmer des Hotels »Lutetia« zu Paris. Oberst Werthe und der kleine, ehrgeizige Major Brenner waren seine Zuhörer. Sie wechselten bedeutungsvolle Blicke. »Warum wechseln Sie bedeutungsvolle Blicke, meine Herren?«
»Ach, Lieven«, seufzte Werthe, »Brenner und ich haben uns nur angesehen, weil wir glauben, die hübsche Triebfeder Ihrer Empörung zu kennen. Ich sage bloß Vera.«
»Prinzessin Vera«, sagte der kleine Brenner und kicherte. »Schauen Sie doch nicht so böse, Herr Lieven! Seit der SD hinter Ihnen her ist, passen wir eben ein bißchen auf Sie auf …«
Thomas wurde wütend: »Die Prinzessin ist mir gleichgültig! Vollkommen!«
Brenner kicherte wieder. »Kichern Sie nicht! Ich sage Ihnen: Dieser Lakuleit stinkt zum Himmel! Und die Prinzessin schiebt mit ihm gemeinsam! Auch der französische Geheimdienst ist hinter den beiden her!«
»Es wäre wohl zuviel von Ihnen verlangt, uns zu sagen, wer vom französischen Geheimdienst?« meinte Werthe. Thomas nickte.
»Sie behaupten, Herr Lakuleit will die Vermögen von Bormann, Himmler und Rosenberg in die Schweiz verschieben. Haben Sie denn noch immer nicht genug, Mensch? Wollen Sie sich mit Adolf Hitler persönlich anlegen?«
»Herr Lieven, ich gebe zu bedenken –« begann der kleine Major Brenner.
Doch Thomas unterbrach ihn wütend: »Sie sollen es auf das peinlichste vermeiden, mir zu widersprechen, Brenner. Bei der Maquis-Geschichte widersprachen Sie mir – und wurden zum Major befördert. Bei der Reichskreditkassenschein-Geschichte waren Sie schon klüger und machten mit. Und jetzt, knapp vor dem Oberstleutnant, wollen Sie mir in den Rücken fallen, Sie Narr?«
Das wirkte. Rot wie eine Tomate versicherte der kleine Brenner: »Keine Rede davon, Herr Lieven. Ich finde – finde … Schließe mich Ihren Plänen an. Hrm!«