Oberst Werthe stöhnte: »Das hat mir noch gefehlt, daß Sie mir meine Leute korrumpieren, Lieven!«
Die Abwehr Paris durchleuchtete Herrn Oskar Lakuleit, einstmals Garagenbesitzer in Berlin N, nun Millionär, Alleininhaber der »Intercommerciale SA« und Wehrmachtskraftfahrzeugaufkäufer, mit allen Mitteln, die zur Verfügung standen. Was kam dabei heraus?
Oskar Lakuleit behandelte seine arme Frau schlecht. Er betrog sie offensichtlich mit der Prinzessin Vera von C. Er war in seinen Geschäftsmethoden brutal, in seinen Gesellschaftsmanieren rüpelhaft, er war überheblich und ein typischer Neureicher.
»Na und?« sagte Werthe. »Für all das kann man einen Mann nicht einsperren. Sonst müßte man drei Viertel aller Männer der Welt verhaften.«
»Und es ist trotzdem etwas faul an dem Kerl«, sagte Thomas Lieven verbissen. »Oberfaul! Aber was?«
Im Auftrag des »Bevollmächtigten für das Kraftfahrwesen« kaufte Oskar Lakuleit seit Jahren in ganz Frankreich Autos ein. Sein Betrieb versteuerte jährlich Millionenbeträge. Aus dem Ankauf von französischen Autos bewilligte die Wehrmacht ihm, als seinen Verdienst und zur Deckung seiner Spesen und aller Unterprovisionen, zehn Prozent der Kaufsumme.
Das Geschäft lief zur Zufriedenheit aller. Der »Bevollmächtigte für das Kraftfahrwesen«, von Thomas interviewt, empörte sich: »Lassen Sie gefälligst Lakuleit in Ruhe, Sonderführer! Das ist unser bester Mann!«
»Und doch …«, brummte Thomas, als er am Abend des 7. April 1944 mit Major Brenner in der Bibliothek seiner kleinen Villa bei einer Flasche Kognak saß, »und doch ist dieser Lakuleit ein Verbrecher … Ich habe mich noch nie in der Beurteilung eines Menschen getäuscht …« Da läutete das Telefon.
Thomas hob ab. »Hallo?«
»Na, Tommy«, sagte eine bekannte Stimme. »Wie geht es dem bösen Buben?«
Das ist ja zu blöd, dachte Thomas, warum werde ich jetzt rot? Heiser sagte er: »Ausgezeichnet, verehrte Prinzessin. Und Ihnen?«
»Ich habe Sehnsucht – nach Ihnen! Wollen Sie morgen abend zu mir kommen?«
»Nein.«
»Mein Mädchen hat Ausgang. Sagen wir also nach dem Abendessen?«
»Ich fürchte, es geht wirklich nicht.«
»Ich habe ein paar wunderschöne neue Platten. Aus Portugal eingeschmuggelt. Gershwin und Glenn Miller. Benny Goodman und Stan Kenton. Ich werde sie Ihnen vorspielen … Also um neun!«
Er hörte sie lachen, dann hängte sie ein, ohne seine Antwort abzuwarten.
»Unverschämtheit«, sagte Thomas Lieven.
2
Er kam schon zehn Minuten vor neun. Und er brachte einen Cellophankarton mit drei Orchideen mit, nach denen er lange hatte suchen müssen. 1944 gingen sogar in Paris langsam die Orchideen aus.
Die Prinzessin trug kostbarsten Schmuck und ein kurzes schwarzes Abendkleid, das vorne und hinten und unter den Schultern verwirrend tief ausgeschnitten war.
Sie spielte Thomas die neuen Platten vor. Dann tanzten sie ein bißchen. Dann tranken sie rosa Champagner.
Thomas fand die Prinzessin hinreißend schön. Er sagte es ihr. Sie sagte ihm, er wäre für sie der aufregendste rund begehrenswerteste Mann von der Welt. Solcherart landeten sie ohne viel Umschweife gegen 23 Uhr auf der Couch.
Thomas bekam Küsse, wie er sie noch nie bekommen hatte. Die Prinzessin schnurrte: »Mir hat noch nie ein Mann so gut gefallen wie du …«
»Du gefällst mir auch, Vera – sehr.«
»Wenn du etwas für mich tun könntest, würdest du es tun?«
»Kommt darauf an …«
»Kannst du mir den Reißverschluß aufmachen?«
»Aber gerne …«
»Würdest du noch etwas für mich tun?«
»Von ganzem Herzen!«
»Dann laß Lakuleit in Ruhe.«
Er fuhr auf. Plötzlich war er stocknüchtern. »Was hast du gesagt?«
»Du sollst Lakuleit in Ruhe lassen.« Sie blieb auf der Couch liegen und sah ihn lauernd an. »Du bespitzelst ihn doch seit Wochen, mein kleiner Tommy. Oder nicht?«
Er antwortete nicht.
»Vielleicht ist es dir nicht recht, daß ich Tommy zu dir sage«, meinte die Prinzessin. »Vielleicht sollte ich Jean zu dir sagen. Jean Leblanc. Oder Pierre? Pierre Hunebelle?«
Er stand auf. Ihm war auf einmal recht seltsam zumute.
»Hunebelle paßt dir also auch nicht? Na schön, dann vielleicht Armand Deeken? Erinnerst du dich noch, wie du die große Francschiebung gemacht hast, Armand? Oder wie du französische Partisanen hereingelegt hast – Captain Robert Almond Everett?« Er rang ein bißchen nach Luft. »Oder wie du vor einem deutschen General den amerikanischen Diplomaten Robert S. Murphy spieltest? – Na, muß ich weiterreden, du kleiner, süßer deutscher Abwehragent? Oder bist du inzwischen schon wieder bei einem anderen Verein?«
»Nein«, sagte Thomas. Er hatte sich gefaßt. »Ich bin noch immer bei der Deutschen Abwehr. Und du?«
»Na, rate mal!«
»Wenn ich an deinen fetten Geliebten denke, dann würde ich sagen: Gestapo«, antwortete er grob.
Die Prinzessin schrie auf. Sie sprang empor. Ehe er zurückfahren konnte, hatte sie ihm links und rechts ins Gesicht geschlagen. Und verfiel a tempo in ihre leutselige Mundart: »Du Erzlump, du dreckiger, was glaubst du denn? Ich versuche dir das Leben zu retten, und du?« Thomas ging zur Tür. »Tommy, geh nicht weg! Meinetwegen mach was du willst mit Lakuleit. Aber bleib!« Thomas ging durch das Vorzimmer. »Ich werde mich rächen – du gemeines Biest … Bitte, bleib bei mir, bitte …«
Thomas schlug die Tür zu. Die Treppe lief er hinunter. Oben flog die Tür wieder auf. Sie schimpfte hinter ihm her wie eine Megäre.
Weg! Nur weg! Er rannte auf die Straße hinaus. Hier prallte er mit einem Mann zusammen, der unterdrückt aufschrie: »Au! Verdammt!«
»Mensch, hauen Sie bloß ab, ich bin so wütend, ich weiß nicht mehr, was ich tue!«
»Das ist auch nicht mehr nötig«, antwortete Oberst Jules Siméon kühl. »Ich stehe seit zwei Stunden hier. Ich sah Sie kommen. Ich sehe Sie gehen.«
»Donnerwetter, Sie sind aber ein begabter Agent!«
»Sie haben meine Warnung mißachtet. Bald werden Sie nun die Radieschen von unten betrachten!«
3
»… und vor dem Haus stand ein Kerl vom französischen Geheimdienst«, berichtete Thomas anderntags im Hotel »Lutetia« dem Obersten Werthe und dem kleinen Major Brenner. Er war noch immer wütend.
»Welche Rolle spielt eigentlich Ihre Prinzessin?«
»Das weiß ich nicht, aber ich werde es bald wissen … Herr Oberst, ich schwöre Ihnen, ich lasse den Kerl platzen, ich …«
Werthe unterbrach: »Schluß mit Lakuleit, Lieven. Ich habe heute einen bösen Rüffel bekommen. Vom Stab Speer. Lakuleit ist sofort in Frieden zu lassen. Der Mann ist die Seele des Atlantikwalls! Lakuleit liefert sämtliche Mangelware. Die OT und das OKW wären aufgeschmissen ohne ihn! Telefondraht zum Beispiel … Die OT bekam keinen Telefondraht mehr. Lakuleit hat ihn geliefert! 120 000 Meter!«
Thomas seufzte. »Na schön. Sie hat man angerüffelt, Herr Oberst. Ihre üble Laune verstehe ich. Aber warum schneiden Sie ein solches Katzenjammergesicht, lieber Brenner?«
Der Major winkte ab. »Nichts als Ärger. Brief von zu Hause. Die Frau krank. Der Junge fällt mit Sicherheit im Juni durch. Latein und Physik. Und dann auch noch die verfluchte Steuer …«
Wenig interessiert erkundigte sich Thomas: »Warum haben Sie mit der Steuer zu tun, Herr Brenner?«
»Weil ich Idiot vor Jahren für einen Verlag wehrpolitischer Schriften ein paar Artikel schrieb! Weil ich Idiot vergaß, das der Steuer bekanntzugeben! Weil in dem Verlag eine Buchprüfung stattgefunden hat! Und weil so ein Scheißbuchhalter meinen Namen gefunden hat, darum!«
Thomas Lievens Gesicht sah plötzlich aus wie das eines Vollkretins. Seine Stimme kam beinahe lallend: »Ein Buchhalter …?«
»Sage ich doch!«
Plötzlich sprang Thomas auf. Er stieß einen heiseren Schrei aus, umarmte Brenner und küßte ihn auf die Stirn. Dann raste er aus dem Büro.