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»Nicht, chérie! Nicht schon wieder«, bat er.

Vera schrie plötzlich in den Hörer: »Ich kann nicht mehr … ich kann nichts mehr hören! « Sie schleuderte den Hörer auf die Couch, sprang auf und zitterte am ganzen Leib vor Wut. Mit unflätigen Ausdrücken begann sie Thomas zu beschimpfen.

Er lauschte eine Weile, dann nahm er den Hörer ans Ohr, aus dem noch immer eine aufgeregte Stimme quakte: »… Vera … Vera … Herrgott, so hören Sie doch, Vera! Das ist Lievens Schuld, sage ich Ihnen! Wir können nichts mehr tun … Lakuleit wird schon nach Berlin gebracht … In der Firma … in der Villa … überall sitzen Steuerfahnder … Alles wird versiegelt …«

»Gute Nacht, Oberst Siméon«, sagte Thomas Lieven grinsend. Er legte den Hörer in die Gabel und fiel grinsend auf die Couch zurück. Dann bekam er plötzlich einen Schlag. Und noch einen. Vera fiel über ihn her. Sie prügelten sich. Dazu schrie sie: »Schuft! – Gemeiner Hund!« Zuletzt hielt er sie fest und verlangte präzise Informationen. Keuchend gab sie ihm diese: »Ich haue ab – heute nacht noch – mich siehst du nicht wieder!«

»Wenn ich dich gehen lasse!«

»Du läßt mich gehen – ich weiß, wie du denkst. Ich weiß, was du hinter dir hast. Deshalb bin ich ja so wütend, deshalb verstehe ich das einfach nicht!«

»Was?«

»Daß du Lakuleit erledigt hast!«

»Er ist ein widerlicher Verbrecher, der heimlich auch noch die Gestapo finanziert.«

»Na und? Was geht das dich an? All das Gold, all die Devisen der großen Nazi-Bonzen wären in unsere Hände gefallen …«

»Wer ist uns?«

»Der britische Geheimdienst!«

Er fiel auf das Kissen zurück und schnappte nach Luft. »Du arbeitest für den britischen Geheimdienst?«

»Sage ich doch!«

»Aber … aber was hat Siméon mit dir zu tun?«

»Der denkt, ich arbeite für ihn … Das war mein Auftrag: die Franzosen abzulenken, damit wir den Coup landen. Und wir hätten ihn landen können, wenn du mitgespielt hättest, du Idiot!«

Er begann zu lachen.

»Lach nicht, du Schuft!«

Thomas lachte immer stärker. Er rollte auf den Bauch, zurück auf den Rücken, wieder auf den Bauch.

»Du sollst nicht lachen, verdammt noch mal, ich bring’ dich um, du Halunke!«

Thomas schrie vor Lachen, er ächzte und stöhnte, er hatte in seinem ganzen Leben noch nicht so gelacht. Er erstickte beinahe daran. Prompt fiel Vera wieder über ihn her. Prompt begann sie ihn wieder zu prügeln.

Da schrillte das Telefon zum zweitenmal. Thomas stieß Vera beiseite, richtete sich auf und riß den Hörer ans Ohr. Völlig außer Atem krächzte er, noch immer lachend: »Ja, Monsieur le Colonel, was gibt es denn noch?«

»Wieso noch?« fragte die Stimme des Obersten Werthe. Thomas wurde es plötzlich kühl. Er stotterte: »Was … was ist los, Herr Oberst?«

»Ich hoffte, Sie bei der Prinzessin zu erreichen. Wir suchen Sie schon überall.«

»Suchen … mich … schon … überall«, wiederholte Thomas idiotisch, während Vera ihn mit offenem Mund anstarrte.

»Ich habe hier einen Kurier. ›Gekados‹. In der Sache Lakuleit fliegen Sie morgen früh nach Berlin, Lieven. Und melden sich – halten Sie sich fest – im Reichssicherheitshauptamt.«

»Reireireichssicherheitshauptamt?«

»Ja. Um 15 Uhr. Pünktlich. Bei Heinrich Himmler.«

6

Einer der geschmacklosesten Architekten aller Zeiten muß hier am Werk gewesen sein, dachte Thomas Lieven, als er den riesenhaften Gebäudekomplex Wilhelmstraße 102 erblickte.

Durch mächtige, weit geöffnete Doppeltore trat unser Freund in eine düstere Einfahrt. Ein baumlanger SS-Mann blickte steinern auf den schlanken Zivilisten herab. Stumm wies er mit der Hand zu einem gläsernen Verschlag, in welchem drei seiner Kollegen amtierten.

Thomas Lieven trat ein, lüftete den Hut und sprach: »Sonderführer Lieven von der Abwehr Paris. Man hat mich ins Reichssicherheitshauptamt herbestellt.«

»Heil Hitler heißt das bei uns«, sagte scharf der dienstführende SS-Hauptscharführer. »Wer hat Sie herbestellt?«

»Der Herr Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei«, antwortete Thomas bescheiden.

Der Diensthabende verfärbte sich, griff nach dem Telefon, sprach hinein, hörte zu. Danach war er erfüllt von lauter Hochachtung und Ehrerbietung. In Windeseile wurde ein Laufzettel für den Besucher ausgefüllt, mit Stempel, Datum und Uhrzeit versehen: Berlin, 30. Mai 1944, 17.48 Uhr.

Im Stiegenhaus gab es eine breite, steinerne Treppe bis zum ersten Stock. Dann kamen Holztreppen. In den schmalen Korridoren war es dunkel. Stiefel polterten, Schuhe schlurften. Es schien, als ob Tausende unterwegs seien in diesem Zentrum des Schreckens.

Der Ordonnanz folgend, dachte Thomas: Gestern war ich noch in Paris. Jetzt bin ich hier im Reichssicherheitshauptamt. Ich, ein friedlicher Bürger, ein Mann, der die Geheimdienste, die Nazis, Gewalt und Lüge haßt. Ich, Thomas Lieven, den man seit Jahren nicht mehr in Frieden leben läßt.

Ob ich diesen Alptraum von Gebäude wohl jemals noch lebend verlassen werde? Ob ich wohl jemals aus diesem Riesenspinnennetz des Schicksals herauskommen werde, um zu berichten, was mir keiner glauben wird?

»Nehmen Sie Platz, Sonderführer«, sagte Heinrich Himmler. Voran war eine kurze Begrüßung gegangen, bei der SS-Obergruppenführer Kaltenbrunner, ein Hüne mit Schmissen im brutal-kantigen Gesicht, Thomas mißtrauisch gemustert hatte. Kaltenbrunner war der Chef des RSHA. In seinem Büro saßen Thomas und Himmler jetzt allein.

Alles in diesem Büro war pompös: die Wandtäfelung, die silbernen Kandelaber, die Möbel. An der Wand hing ein Ölgemälde, darstellend Burgruine über sturmgepeitschter Meeresbrandung.

Der Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei in der schwarzen Uniform seines Standes sprach: »Also passen Sie mal auf, Lieven: Sie wissen, Ihr Gönner Admiral Canaris ist seit Wochen Privatmann. Sie wissen, daß die ganze militärische Abwehr nunmehr mir untersteht.« Himmler grinste dünn. »Ich habe mich mal mit Ihren Akten beschäftigt. Wissen Sie, was ich eigentlich mit Ihnen tun müßte?«

»Sie müßten mich eigentlich erschießen lassen«, erwiderte Thomas Lieven still.

»Ich? Eh? Was? Jawohl, ganz richtig! Das wollte ich sagen!« Hin und her an seinem Finger drehte Himmler einen schweren Siegelring mit den SS-Runen. Kalt sah er Thomas an. »Will Ihnen eine Chance geben. Eine letzte Chance. Durch die Mission, mit der ich Sie beauftrage, können Sie sich bewähren vor Führer und Volk.«

Ein Telefon läutete. Himmler hob ab und lauschte kurz. Legte auf und sagte: »Feindliche Kampfverbände im Anflug auf die Reichshauptstadt. Kommen Sie in den Keller hinunter.«

Das war die erste Phase des Gesprächs. Zur zweiten kam es in einem tiefen, sicheren Bunker.

Dieweilen Bomberströme ihre tödliche Last über Berlin abwarfen und weniger feine Volksgenossen in weniger feinen Kellern zu Hunderten krepierten, schlug der Reichsführer eine andere Tonart an: »Lieven, Sie sind ein Mann mit pazifistischen Ansichten. Keine Widerrede, ich weiß alles! Um so eher werden Sie mir beipflichten, wenn ich sage: Dieses grauenvolle Blutbad muß ein Ende haben. Wir Abendländer dürfen uns nicht abschlachten, damit die bolschewistischen Untermenschen sich ins Fäustchen lachen.«

Ein schwerer Bombeneinschlag ließ den Bunkerboden leicht schlingern. Das Licht ging aus. Dann ging es wieder an. Thomas sah, daß dem Reichsführer der Schweiß in feinen Tropfen auf der Stirn stand.

Himmler sprach nur noch halblaut: »Ich kämpfe einen schweren Kampf. Auf mir liegt eine ungeheure Verantwortung. Keiner nimmt sie mir ab. Ich allein muß entscheiden.«

Ich, ich, ich, dachte Thomas. Und Hitler? Und Goebbels? Und die andern? Der Herr bereitet wohl einen Separatendspurt vor!

»Üblicherweise würden wir Sie eines Tages als Volksschädling einen Kopf kürzer machen. Ich aber will und werde Sie benützen. Sie sind der beste Mann, den ich finden konnte.« Wieder dröhnte ein Einschlag. Wieder ging das Licht aus. Himmlers Gesicht war nun grau. »Sie kennen jeden Grenzübergang von Spanien nach Portugal, stimmt’s?«