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»Ja«, sagte Thomas.

»Gut. Sie bekommen alle Vollmachten. Ich schenke Ihnen die Freiheit, unter der Bedingung, daß Sie einen bestimmten Menschen gesund und unverletzt nach Lissabon bringen. Sie sind doch Bankier, nicht wahr? Mit Ihnen kann man doch über Geschäfte reden – oder?«

»Es kommt darauf an«, sagte Thomas. Und dachte: Also so ist das. Darum braucht er mich. Die Portugiesen haben die diplomatischen Beziehungen zu uns abgebrochen. Die Spanier lassen keinen Deutschen mehr ins Land. Man kann nur illegal hinein. Also darum. Thomas Lievens Lippen waren trocken. Er schwitzte jetzt. Ich bin kein Held, dachte er. Ich bin ganz und gar kein Held. Ich habe Angst. Aber wenn dieser Massenmörder mir jetzt zumutet, daß ich vielleicht ihn noch rausbringe – oder jemanden von seinen Verwandten – seinen Freunden …

»Soso, Sie stellen also Bedingungen!« In Himmlers Stimme schwang ein gefährlicher Unterton. »Worauf kommt es an?«

»Wer dieser Mensch ist«, sagte Thomas Lieven leise.

»Dieser Mensch wird Ihnen zweifellos sympathisch sein«, antwortete Himmler. »Er heißt Wolfgang Lenbach und hat ausgezeichnete Papiere auf diesen Namen. In Wahrheit heißt er Henry Booth und ist ein englischer Oberstleutnant. Persönlich bekannt mit Churchill und Montgomery. Hat in Norwegen ein Kommandounternehmen geleitet. Da nahmen wir ihn gefangen …«

7

Einer Riesenfackel gleich brannte Berlin noch Stunden nach der Entwarnung.

Eine hysterische Menschenmenge überschwemmte den Bahnhof. Frauen und Kinder schrien, Männer kämpften um Platz in den Waggons, die ununterbrochen die Stadt mit Flüchtlingen verließen.

Der Zug war zum Bersten überfüllt. Sogar in den Toiletten standen die Menschen dicht gedrängt. Aus- und einsteigen konnte man nur durch die Fenster. Aber im Schlafwagen gab es Platz, viel Platz …

Vier SS-Leute eskortierten in ihrer Mitte zwei Zivilisten zu dem Schlafwagen des Schnellzuges nach Paris. Sie stießen Frauen und Kinder zurück.

Der Schaffner öffnete die versperrte Eingangstür des Waggons, als die SS-Leute ihn erreichten.

»Herr Lieven und Herr Lenbach, nicht wahr?« sagte der Schaffner nervös. Thomas nickte. »Bett dreizehn und vierzehn«, sagte der Schaffner.

Thomas sah seinen hageren großen Begleiter an und machte eine auffordernde Bewegung. Gleich darauf trat der Mann, der sich Wolfgang Lenbach nannte und in Wahrheit Henry Booth hieß, in das Abteil. Der britische Oberstleutnant trug einen blauen Freskoanzug. Er hatte kurzgeschnittenes braunes Haar, helle Augen, buschige Brauen.

Thomas sagte zu ihm in englischer Sprache: »Ich kann mir vorstellen, was in Ihnen vorgeht, Mister Booth. Ich würde an Ihrer Stelle dasselbe denken. Trotzdem – wir müssen die nächsten Tage miteinander auskommen.«

Der britische Oberstleutnant schwieg.

Thomas seufzte und zog aus seiner Reisetasche eine Flasche Whisky. Er füllte die beiden Zahnputzgläser des Waschbeckens und reichte dem andern ein Glas.

»Thanks«, sagte der Engländer. Es war das erstemal, daß Thomas ihn sprechen hörte. Danach schwiegen sie beide eine lange Weile. Der Zug ruckte an.

Thomas setzte sich auf sein Bett. Er sah das Waschbecken an und sagte: »Ich weiß, in welcher Mission Sie nach Lissabon reisen, Mister Booth. Ich habe es gleich geahnt.«

Es kam keine Antwort. Die Achsen schlugen, die Räder rollten …

Thomas sagte: »Sie sollen ein Friedensangebot Himmlers überbringen. Ein Friedensangebot an die Engländer und Amerikaner. Es wurde ähnliches ja schon einmal versucht, über den englischen Generalkonsul Cable in Zürich. Damals zuckte Himmler zuletzt zurück. Aber jetzt schlägt er euch wieder vor, einen Waffenstillstand zu schließen und mit uns gegen die Sowjets zu kämpfen …«

Es kam keine Antwort.

Thomas sagte: »Es ist klar, daß ein solches Angebot unannehmbar ist. Es ist amoralisch von jedem Standpunkt. Ihr habt mit den Sowjets gegen uns gekämpft. Ihr könnt eure Waffenbrüder nicht im Stich lassen.«

Thomas hörte die Stimme des Engländers: »Warum erzählen Sie mir das alles?«

»Weil es nicht nur Schweine gibt in unserem Land.«

»Das verstehe ich nicht.«

Thomas sah den Engländer offen an. »Sie wissen nichts von mir. Sie haben keinen Grund, mir zu trauen. Sie kennen Herrn Himmler. Sie wissen jetzt, wie es in seinem Gehirn aussieht. Ich sage Ihnen dennoch: Es leben nicht nur Nazis in Deutschland. Nicht alle sind jubelnd über Rußland hergefallen.«

»Jubelnd nicht, aber sie sind!«

»Wir haben Rußland überfallen. Das stimmt. Trotzdem sage ich Ihnen: Es gibt nicht nur wüste Landsknechte in der Deutschen Wehrmacht! Eure Landung auf dem Kontinent steht bevor. Mit den Sowjets gemeinsam werdet ihr uns schlagen. Aber es wird ein Unterschied für Hunderttausende sein, ob sie in westliche Gefangenschaft geraten oder in sowjetische. Unter diesen Hunderttausenden wird es viele geben, die nichts für das können, was in diesem Krieg geschah …«

»Unschuldige also?« sagte Booth. »Habt ihr etwa nicht alle Heil geschrien und Herrn Hitler begeistert gewähren lassen?«

»Und das Ausland? Hat es Herrn Hitler nicht auch gewähren lassen? Und ihn bewundert und seine Olympiade bestaunt und untätig zugesehen, als er die ersten kleinen Völker überfiel?« sagte Thomas. »War nicht Herr Chamberlain in München?«

Der Engländer reichte abrupt sein Glas zurück. Er knipste das Licht über dem Bett aus und drehte sich zur Wand.

8

Um es vorwegzunehmen:

Im Rahmen der bedingungslosen Kapitulation wurde allen Einheiten der Deutschen Wehrmacht zwischen dem 8. und 9. Mai 1945 von den alliierten Streitkräften befohlen, um Mitternacht jede Kampfhandlung und jede Marschbewegung einzustellen und sich an jenem Ort gefangennehmen zu lassen, an dem sie sich zu diesem Zeitpunkt befanden. Es steht heute historisch fest, daß anglo-amerikanische Heerführer und Offiziere, vor allem der britische Feldmarschall Bernard L. Viscount Montgomery, es deutschen Einheiten stillschweigend gestatteten, sich noch viele Stunden über die Mitternacht des 8. Mai 1945 hinaus von ihren Positionen vorwärts zu bewegen. Abertausende deutscher Soldaten an der Elbe, in Mecklenburg, in Thüringen entgingen so der sowjetischen Gefangenschaft. Zum Stab von Feldmarschall Montgomery zählte zu jener Zeit der Lieutenant-Colonel Henry Booth …

9

Das Hauptquartier des SD in Marseille lag in der Rue de Paradis 426. Diese sehr lange Straße verband die Cannebière mit dem Prado. Rechts und links vom Hauptgebäude hatte die Gestapo eine Reihe von Häusern beschlagnahmt. Alle Häuser besaßen nur einen gemeinsamen Eingang: Rue de Paradis 426.

Durch diesen Eingang schritt am Morgen des 8. Juni 1944 ein Mann in einem gutgeschnittenen grauen Sommeranzug und ließ sich durch die Wache bei dem Leiter des SD Marseille, dem Hauptsturmführer Heinrich Rahl, anmelden.

Rahl, ein großer, kräftiger Mann mit eingedellter Nase, empfing seinen Besucher sofort. »Bereits Fernschreiben aus Berlin empfangen, Sonderführer. Geheime Mission. Bin im Bilde. Was kann ich für Sie tun?«

Gemessen antwortete Thomas: »Wie Sie wissen, habe ich den Auftrag, eine außerordentlich wichtige Persönlichkeit über die Grenze zu bringen.«

»Bin im Bilde«, sagte Rahl. Er sagte es offenbar gerne.

»So etwas will vorbereitet sein. Ich brauche einen Kommandowagen.«

»Steht zu Ihrer Verfügung, Sonderführer.«

So ein Kommandowagen war eine feine Sache. Zweieinhalb Tonnen schwer. Zwillingsreifen. Geländegängig. Besaß eine Peil- und Funkanlage. Nicht umsonst war Thomas Lieven dermaleinst in einer französischen Agentenschule in Funken und Senden, Chiffrieren und Dechiffrieren ausgebildet worden. Nun, da vor zwei Tagen die Invasion am Atlantik erfolgt war, gedachte er, sich seine Kenntnisse zunutze zu machen.