Er sah den Hauptsturmführer bedeutungsvoll an: »Ich wohne mit meinem … hm, Begleiter im ›Hôtel de Noailles‹.« Er dachte: Da hat einmal Josephine Baker gewohnt. Da war ich mit Débras und Siméon. Nachdem sie mich beinahe erschossen hätten. Nun bin ich wieder hier. Und bereite (zum wievielten Male eigentlich?) wieder meine Flucht vor. Mit Hilfe von Herrn Heinrich Himmler und der Gestapo.
Er sagte: »Ich werde bei meiner Mission Hilfe brauchen. Auch von französischer Seite. Darum bitte ich Sie, Hauptsturmführer, die Adresse eines gewissen Bastian Fabre ausfindig zu machen. Er wohnte zuletzt in Montpellier. Bei einer gewissen Mademoiselle Duval. Auf dem Boulevard Napoléon.«
Drei Tage später …
»Mensch, Pierre, du hast aber einen goldenen Humor«, sagte Bastian Fabre. Immer noch stand dem muskulösen Riesen das rötliche Borstenhaar wirr vom Schädel ab. Er kniete vor einer geöffneten Bratröhre. Darin schmorte ein kleines Spanferkel. Dasselbe bestrich Bastian mit Butter. Wenn sich unter der zarten Haut des Milchferkels eine Blase bildete, stach Bastian sie sofort mit einer Nadel auf. So hatte Thomas Lieven, den Bastian unter dem Namen Pierre Hunebelle kannte und liebte, es ihn gelehrt. Damals.
Noch zwei Herren waren in der kleinen Küche: Thomas und Lieutenant-Colonel Booth. Die Küche gehörte zu Bastians neuer Wohnung in der Rue Clary nahe dem Boulevard de Dunkerque. Bastian lebte unangemeldet hier. Dennoch hatte der eifrige SD ihn auf Sonderführer Lievens Geheiß gesucht und gefunden.
»Ich habe gedacht, ich werde ohnmächtig, als auf einmal die Bullen hier auftauchten«, bekannte Bastian, um das Ferkelchen bemüht.
Die Bullen waren am 10. Juni bei Bastian aufgetaucht. Eine stürmische Wiedersehensszene war noch an diesem Tage gefolgt. Immer wieder hatte Bastian seinen alten, totgeglaubten Freund Pierre umarmt. Wie ein Baby hatte er plötzlich losgeheult. »Die Freude, Mensch – ich freue mich ja so …«
Dann hatte Thomas die Lage erläutert. Bastian hatte einen Lachanfall erlitten – noch mit Tränen in den Augen. Und dann hatten sie beschlossen, am nächsten Tag zu veranstalten, was Bastian »ein schickes kleines Fressen« nannte.
Nun standen sie also zu dritt in der kleinen Küche: Bastian, Thomas und der schweigsame Lieutenant-Colonel Booth. Bastian beobachtete das Ferkel. Thomas machte einen Krabbencocktail. Der Engländer schnitt Käsestückchen für den Nachtisch klein.
Thomas sagte: »Ich brauche deine wertvollen Dienste, Bastian. Kennst du dich noch immer so gut an der spanischen Grenze aus?«
»Mensch, Pierre, im Schlaf! Den spanischen Grenzer, den ich nicht bestochen habe, gibt’s nicht!«
»Na prima«, sagte Thomas, »dann wirst du uns führen. Wir müssen diesen Herrn nach Lissabon bringen. Ein bißchen kleiner, die Käsewürfel für die Rarebits, Mr. Booth, wenn ich bitten darf. Bei dieser Gelegenheit: Können Sie vielleicht den uralten Streit der Feinschmecker auf diesem Kontinent darüber beilegen, ob es nun ›Welsh Rabbits‹ oder ›Welsh Rarebits‹ heißt?«
Der Oberstleutnant antwortete steif: »Das ist nicht nur ein kontinentaler Streit. Darüber liegt man sich in meiner Heimat genauso in den Haaren. Ich weiß auch nicht, wie es richtig heißt.«
»Beruhigend. Hast du noch ein bißchen Ketchup, Bastian?«
Der Riese öffnete einen Kühlschrank und entnahm ihm eine Flasche. Dabei fiel etwas aus dem Schränkchen heraus – eine kleine Spielzeuglokomotive. Bastian hob sie auf. »Schau mal, Pierre – weißt du noch? Von meiner elektrischen Eisenbahn! Alles, was übrigblieb. Mit der Lokomotive hast du damals das komische Fressen serviert. Ich schleppe sie seither mit mir herum, als Talisman. Und zur Erinnerung an …«
Menu • Marseille, 11. Juni 1944
Beim Spanferkel beschließt Lieven, ein großes Schwein
»umzulegen« …
Krabbencocktail
Gebratenes Spanferkel
Welsh Rarebits
Krabbencocktaiclass="underline" Man nehme eine Büchse Krabben, gebe Krabbenfleisch und Flüssigkeit in getrennte Gefäße. – Man spritze die Krabben mit etwas Kognak und ein paar Tropfen Zitronensaft ab. – Man verrühre süße Sahne gründlich mit geriebenem Meerrettich, englischem Senfpulver und dem Krabbenwasser, färbe mit wenig Tomatenketchup und mische darin die Krabben. – Man lege breite, flache Gläser mit Salatblättern aus, fülle den Krabbencocktail darauf und stelle ihn bis zum Servieren kalt.
Gebratenes Spanferkeclass="underline" Man nehme ein Milchferkel ohne Augen und Füße, reibe es innen mit Pfeffer und Salz ein, stecke der Länge nach einen Holzspieß hindurch, lege es auf den Rost oder in eine Bratpfanne mit etwas heißem Wasser und schiebe es in den Backofen. Man steche Blasen mit einer Spicknadel auf, wische heraustretenden Saft gleich ab, damit keine Flecke entstehen. Man darf das Spanferkel nicht wie andere Braten begießen, sondern nur mittels Pinsel mit Butter und Öl bestreichen. Man bestreut es erst von außen mit etwas Salz, wenn sich eine Kruste gebildet hat. – Man nehme es heraus, sobald das Fleisch gar ist – je nach Größe in etwa einer Stunde –, und bringe es sehr heiß, mit einer Zitrone im Maul, zu Tisch.
Welsh Rarebits: Man nehme Chester oder einen verwandten Käse und schneide ihn in kleine Stückchen. – Man verrühre sie am Tisch auf einem Spiritusrechaud in einem feuerfesten Töpfchen mit Butter, einem Glas Bier und etwas Cayennepfeffer. Wenn die Masse Fäden zu ziehen beginnt, streiche man sie dick auf vorbereitete Toastscheiben und reiche sie auf angewärmten Tellern.
»Ich weiß«, sagte Thomas Lieven leise. Er rührte in der Krabbensauce und dachte an Chantal Tessier, und immer noch tat ihm das Herz weh dabei. Ach, Chantal, wenn du noch lebtest – wenn du jetzt mit uns gehen könntest … Er hörte Bastian sagen: »Übrigens: ›Die Glatze‹ ist noch immer da.«
Thomas fuhr auf. »›Die Glatze‹ in Marseille?«
Bastian nickte verbissen. »Hat seine Bande aufgelöst, die Sau, und ist hauptberuflich SD-Spitzel geworden. Ganz Marseille zittert vor ihm. Jetzt hat er natürlich schon ein bißchen Angst – aber trotzdem …«
Thomas mußte sich schnell setzen. Eine Woge wilder Wut stieg in ihm auf. »Die Glatze« lebte! Der Mann, der Chantal Tessier erschossen hatte, lebte hier in Marseille! Im Kreise … alles hatte sich im Kreise gedreht.
Thomas sagte: »Mr. Booth, Sie werden mit meinem Freund allein über die Grenze gehen müssen. Ich habe hier noch etwas zu erledigen.« Der Engländer wollte protestieren, aber Thomas schüttelte nur den Kopf: »Sparen Sie Ihre Worte. Ich bleibe hier. Ich will abrechnen mit einem Schuft. Und wenn es das letzte ist, was ich tue. Und wenn ich draufgehe dabei …«
10
Am 14. Juni 1944 brachte Thomas Lieven den englischen Offizier und Bastian Fabre mit dem Kommandowagen des SD bis an die Nähe der spanischen Grenze. »Leben Sie wohl, Lieutenant-Colonel. Denken Sie an unser Gespräch im Schlafwagen.«
Der Engländer verneigte sich stumm. Bastian bekam wieder Tränen in die Augen, als er Thomas umarmte. »Du kommst gleich zurück«, sagte Thomas zu ihm. »Wir sehen uns wieder in Marseille. Der Krieg hier unten ist bald zu Ende.«
Diese Überzeugung verdankte Thomas Lieven dem Funkgerät seines Kommandowagens. Stundenlang hörte er täglich deutsche und alliierte Sender ab.
Nach dem, was der flüsternde Äther verriet, richtete Thomas seinen Schlachtplan ein. Er kehrte nach Marseille zurück. Er beobachtete den glatzköpfigen Dantes Villeforte bei Tag, bei Nacht. Aber noch schlug Thomas Lieven nicht zu. Er wartete. Er wußte, worauf …
Am 26. Juni eroberten die Alliierten Cherbourg, am 9. Juli Caën.