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Er wartete geduldig. Eine Viertelstunde später verließ Valentine mit seinen Männern das Haus wieder und fuhr fort.

Thomas läutete an der schweren Eingangstür. Ein verstörter Diener öffnete.

»Wer wohnt hier?« fragte Thomas.

»Der Herr Graf von Waldau.«

»Mein Name ist Capitaine Clairmont. Melden Sie mich an.«

Graf von Waldau – Graf von Waldau. Thomas erinnerte sich an den Mann. Wichtige Position im Auswärtigen Amt, Parteigenosse. Ziemlich schwer belastet. Er hatte ihn schon zweimal in Baden-Baden verhört.

Nun erschien er: hager, hochmütig und sehr wütend. »Sie auch noch, Capitaine Clairmont! Was wollen Sie hier stehlen? Etwas Tafelsilber? Ein Gemälde? Ihre Kollegen haben das Wichtigste schon mitgenommen!«

»Graf«, sagte Thomas ruhig, »ich bin gekommen, um zu erfahren, was sich hier gerade abgespielt hat.«

»Das wissen Sie doch genau!« schrie Waldau. »Diebe und Schweine seid ihr alle!«

»Halten Sie das Maul«, sagte Thomas recht leise, aber unüberhörbar. Der Graf starrte ihn an, begann zu zittern und fiel in einen Sessel. Dann erzählte er …

Wenn man den Worten Waldaus glauben wollte, dann hatte er in sieben Blumentöpfen seinen wertvollsten Schmuck vergraben gehabt, unter den Wurzeln der Pflanzen. »Den ganzen Familienschmuck! – Eine Verwandte hat mir den Rat gegeben – diese Bestie. – Es war natürlich alles abgekartet, das begreife ich jetzt …« Der Graf sah Thomas mit flackernden Augen an. »Verzeihen Sie mein Benehmen. Ich glaube, Sie sind unschuldig an diesem gemeinen Raub …«

»Erzählen Sie weiter.«

»Sie wissen, ich bin belastet. Ich hatte Angst vor Plünderungen. Wir leben einsam hier. Vor einem Monat kam meine – diese Verwandte von mir vorbei. Sie ist Engländerin. Ich vermute, sie arbeitet beim Secret Service, im Hauptquartier Hannover. Sie wies auf die Blumentöpfe als Versteck. Als die drei Männer vorhin erschienen, gingen sie wortlos in den Wintergarten und nahmen wortlos die Pflanzen aus den Töpfen …«

Bei dem Wort »Secret Service« fühlte Thomas, wie ihm zuerst sehr warm und danach sehr kalt wurde. Er sagte: »Nennen Sie mir den Namen der Dame, Graf.«

Der Graf nannte ihn.

6

Zwei Tage später erschien ein gewisser Capitaine Clairmont vom »Kriegsverbrecher-Suchdienst« Baden-Baden im Hauptquartier des Britischen Geheimdienstes in Hannover. Hier suchte er eine schlanke, blonde Schönheit auf, die in der schmucken Uniform eines weiblichen Leutnants in einem Büro im zweiten Stock des mächtigen beschlagnahmten Gebäudes Dienst tat.

Die Dame hielt eine Lupe in der Hand und besah mit glitzernden Augen einen kostbaren Armreif. Es klopfte. Blitzschnell verschwanden der Reif und die Lupe. »Herein!« rief die Dame.

Der Mann, der sich eben Capitaine Clairmont nannte, trat ein. Die Dame hinter dem Schreibtisch kreischte auf und fuhr empor. Sie war jetzt leichenblaß. Beide Hände hielt sie an die Wangen. Sie flüsterte entgeistert: »Nicht möglich … Tommy … Du –?«

Mit zusammengepreßten Lippen sah Thomas Lieven die schöne, skrupellose Prinzessin Vera von C. an, die er vor langer Zeit in Paris als Geliebte des Nazischiebers Lakuleit kennengelernt hatte; seine Prinzessin Vera, seine süße Geliebte, dieser verkommene Balg, diese völlig unberechenbare und völlig amoralische Person, die schon einmal, in Paris, bereit gewesen war, für Geld alles, einfach alles zu tun.

»Tommy – die Freude! – Du hast alles gut überstanden – du bist bei den Franzosen«, stammelte sie und fiel ihm um den Hals.

Hart machte er sich von ihr frei. »Du Luder, du elendes«, sagte Thomas Lieven, »seit wann arbeitest du mit diesem Schwein Valentine zusammen?«

»Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Schätzchen«, erwiderte die Prinzessin lächelnd.

»Sag das noch einmal, und ich klebe dir eine«, warnte Thomas Lieven. Vera sagte es noch einmal.

Er klebte ihr eine. Danach brach in einem Büro des Britischen Geheimdienstes zu Hannover eine wüste, lautlose Katzbalgerei aus.

Fünf Minuten später saß Vera, restauriert, auf einem Sesel. Thomas, gleichfalls restauriert, marschierte vor ihr auf und ab und versuchte sich an dieser seltsamen Angehörigen des deutschen Uradels in Pädagogik: »Du bist ein asozialer Balg. Geldgierig und gemein.«

Sie dehnte sich wie eine Katze: »Ach, Unsinn, Tommy. Komm zu deiner kleinen Vera. Würge mich noch einmal ein bißchen so wie vorhin.«

»Du kriegst gleich wieder eine«, sagte er. »Was du getan hast, ist wohl das Gemeinste, das Niedrigste … Ist der Graf Waldau mit dir verwandt, ja oder nein?«

»Ach der! Der alte Nazi-Knülch!« Sie begann zu lachen.

»Mund halten! Vor zwei Tagen hat dein feiner Freund Valentine Haussuchung bei dem Grafen gehalten. Besser gesagt: Blumentopfsuchung. Denn das einzige, was ihn in dem ganzen Riesenhaus interessierte, waren die Blumentöpfe. Hör sofort auf zu lachen! So eine Sauerei! Von wem war die Idee? Von dir? Von ihm?«

»Erlaube mal! Von mir natürlich. Pierre ist viel zu dämlich für so einen feinen Trick.«

Er blieb vor ihr stehen und stemmte die Arme in die Seiten: »Feiner Trick! Du bist nicht besser als eine ekelhafte Nazisse!«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt! Was heißt denn hier Moral? Ausgerechnet bei diesem Nazischwein Waldau! Den ganzen Schmuck hat der doch erst im Dritten Reich ergaunert!«

»Das mag sein«, sagte Thomas. »Wenn Waldau den Schmuck ergaunert hat, dann gehört er seinen alten Besitzern, sofern die sich noch finden lassen – oder dem Staat, aber euch beiden gehört er auf keinen Fall!«

»Ach Gott, bist du süß … so wild … so idealistisch … Weißt du was, Tommy, wir gehen zu mir. Ich habe hier eine schicke Wohnung. Hat auch mal ein alter Nazi drin gewohnt!«

»Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich noch einmal im Leben eine Wohnung von dir betrete«, sagte Thomas.

7

Es war wirklich eine sehr gemütliche Wohnung. An der Tapete gab es in drei Zimmern helle Stellen. Da hatten bis vor kurzem noch Bilder gehangen. Thomas grinste, als er die hellen Stellen sah.

Es wurde ein sehr seltsamer Abend, denn Thomas und die Prinzessin verfolgten beide das gleiche Zieclass="underline" Einer wollte den andern aufs Kreuz legen – symbolisch gemeint natürlich.

Zu diesem Behufe holte Vera zunächst eine Flasche Whisky hervor. Dann tranken sie beide ein Schlückchen. Und noch eines. Und noch eines. Vera dachte: Mal wird er ja einen sitzen haben. Thomas dachte: Mal wird sie ja einen sitzen haben.

Dann hatten sie beide einen sitzen!

Jetzt machen wir einen kleinen Zeitsprung, den Kindern zuliebe.

Also – drei Stunden später …

Drei Stunden später war die blonde Prinzessin ganz unglaublich anschmiegsam und zärtlich. Und Thomas war ein bißchen sentimental. Der beschwipste Thomas beging einen fürchterlichen Fehler. Er erzählte von seinen Zukunftsplänen und im Zusammenhang damit von seinem Zürcher Bankkonto auf den Namen Eugen Wälterli.

»Eugen Wälterli heißt du auch?« kicherte Vera. »Ach, süß … Ist – ist viel Geld auf dem Konto?«

Diese Frage hätte ihn nüchtern machen müssen. Sie machte es nicht. Beschwipst regte er sich auf: »Sag mal, das ist ja krankhaft bei dir. Kannst du nur immer an Geld denken?«

Sie biß sich auf die Unterlippe, sie nickte gramvoll. »Schwere Neurose. Kindheitstrauma. Weißt du, daß ich sogar schon Schecks gefälscht habe? Die Unterschrift, die ich nicht nachmachen kann, gibt’s nicht!«

»Gratuliere«, sagte er, der arglose Narr.

»Außerdem – ich bin eine echte Kleptomanin! In meiner Kindheit war das ganz arg. Die Buntstifte meiner Freundinnen waren meine Buntstifte. Die Geldbörsen meiner Freundinnen waren meine Geldbörsen. Später hat sich das auch noch verlagert. Die Männer meiner Freundinnen – muß ich weitersprechen?«