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»Mitnichten«, versicherte ihr Thomas. Dann tranken sie noch etwas. Dann schliefen sie endlich ein.

Am anderen Morgen rumorte Thomas schon in der Küche, als Vera mit Kopfschmerzen erwachte. Er brachte ihr das Frühstück ans Bett. »So«, sagte er, »in Ruhe Kaffee trinken. Dann baden. Dann ziehst du dich an, und wir fahren los.«

»Los? Wohin?«

»Nach Baden-Baden natürlich.«

Sie wurde weiß. »Was soll ich da?«

»Du wirst mit deinem Freund Valentine reden. Du wirst dafür sorgen, daß er den Schmuck von Waldau herausrückt. Und wenn ihr beide euch danach noch das Geringste zuschulden kommen laßt, dann geht ihr beide hoch!«

»Hör mal, du Lumpenkerl, und heute nacht hast du vergessen, was?«

Thomas hob die Augenbrauen: »Nacht ist Nacht, und Dienst ist Dienst.«

Das Kaffeetablett kippte um. Geschirr zerbrach. Sie stürzte sich auf ihn mit Gebrüll, mit Zähnen und Krallen. »Du Hund – ich bringe dich um!«

An diesem Abend, er war traurig und kalt, fuhr ein schmutziger Jeep in die Stadt Baden-Baden ein. Thomas Lieven saß am Steuer. Vera Prinzessin von C. saß neben ihm.

Jetzt beging er noch einen Fehler! Er ging mit Vera in sein Büro in der Wilhelmstraße 1. Dann rief er den Lieutenant Valentine herbei. Valentine zuckte zusammen, als er Vera erblickte. Thomas redete beiden ins Gewissen.

»Ich verstehe kein Wort«, sagte der Lieutenant kalt. »Ich werde mich über Sie beschweren, mon Capitaine, ich …«

»Halt die Schnauze, Pierre«, sagte die Prinzessin sachlich. »Er weiß alles.«

»Was weiß er?« ächzte Valentine.

Vera sah Thomas an. »Kann ich fünf Minuten allein mit ihm sprechen?«

»Meinetwegen«, sagte Thomas. Das war er, der Fehler!

Er verließ sein Büro und setzte sich in die Halle. Die Tür seines Büros ließ er nicht aus den Augen. Ich bin ja nicht dämlich, dachte er.

Eine Zigarettenlänge später wurde ihm glühend heiß, und er wußte plötzlich, daß er doch dämlich gewesen war. Sein Büro lag im ersten Stock. Und das Fenster war nicht vergittert! Er raste zurück. Das Zimmer war leer. Das Fenster stand offen …

Zehn Minuten später ratterten im ganzen Lande Fernschreiber und Telegraphen los:

20 uhr 14 stop 6 nov 45 stop von: franz. kriegsverbrechersuchdienst b-b stop an alle militärpolizeiverbände stop an alle cic und cid-einheiten stop suchen sie und verhaften sie unverzüglich …

Bereits um 4 Uhr 15 am 7. November verhaftete eine französische Militärpatrouille Pierre Valentine im Wartesaal des Bahnhofs von Nancy, als er gerade eine Karte nach Basel löste.

Die Fahndung nach der Prinzessin Vera von C. verlief ergebnislos. Sie blieb verschwunden.

Der verhaftete Lieutenant wurde nach Paris ins Militärgefängnis überführt. Von General Pierre König, dem Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte in Deutschland, persönlich wurde Thomas Lieven ersucht, alles erreichbare Material gegen Valentine zusammenzutragen. Diese schmutzige Arbeit nahm unseren Freund bis Anfang Dezember in Anspruch. Vier weitere Franzosen wurden verhaftet.

Um es vorwegzunehmen: Lieutenant Valentine und seine Freunde wurden in Paris vor Gericht gestellt. Am 15. März 1946 wurden sie degradiert und zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt.

8

Am 3. Dezember wurde Thomas Lieven ins Hauptquartier General Königs gerufen.

Dieser sagte zu ihm: »Ich danke Ihnen aufrichtig dafür, daß Sie geholfen haben, diesen üblen Subjekten das Handwerk zu legen. Wir sind keine Armee von Räubern und Banditen. Wir wollen Ordnung und Gerechtigkeit in unserer Zone.«

Wurde Thomas Lieven am 3. Dezember von General König empfangen, belobigt und bedankt, so erhielt er am 7. Dezember den folgenden Brief:

DAS KRIEGSMINISTERIUM

DER FRANZÖSISCHEN REPUBLIK

 

Paris, 5. Dez. 1945

Capitaine René Clairmont

Armee-Serien-Nummer S 324 213

Kriegsverbrecher-Suchdienst

Baden-Baden

 

Vorgang: CS Hr. Zt. 324/1945

 

Anläßlich der Voruntersuchung zu dem Militärgerichtsverfahren gegen Lieutenant Pierre Valentine und Mitangeklagten haben wir vom ›Deuxième Bureau‹ Ihre Personalakte angefordert.

Aus dieser Akte, zu der ein führender Beamter des ›Deuxième Bureau‹ uns noch Erläuterungen gab, geht hervor, daß Sie während des Krieges Agent der Deutschen Abwehr Paris gewesen sind. Sie werden verstehen, daß ein Mann Ihrer Vergangenheit im Rahmen unseres Kriegsverbrecher-Suchdienstes absolut untragbar ist. Oberst Maurice Débras, der Sie seinerzeit in diese Organisation übernahm, gehört seit vier Monaten dem Dienst nicht mehr an.

Sie werden hiermit aufgefordert, bis zum 15. Dezember 1945, 12 Uhr mittags, Ihre Büroräume in Baden-Baden zu räumen und Ihrem Vorgesetzten sämtliche Schriftstücke, Akten, Stempel und Unterlagen sowie Ihre Militärpapiere und Ausweise zu übergeben. Sie sind ab sofort vom Dienst suspendiert. Weitere Weisungen erfolgen umgehend.

Darunter stand eine unleserliche Unterschrift. Und darunter, getippt: Brigadegeneral.

Thomas Lieven saß an seinem Schreibtisch, summte leise vor sich hin, las den Brief noch einmal, summte weiter und dachte: Na also, jetzt ist es wieder mal soweit. Mit lähmender Monotonie wiederholt sich alles in meinem Leben. Ich drehe ein krummes Ding – und jedermann liebt mich. Es regnet Auszeichnungen, Geld und Küsse. Ich bin der Liebling der respektiven Vaterländer. Ich begehe eine anständige Handlung – und wumm, sitze ich wieder im Dreck.

»Ein führender Beamter des ›Deuxième Bureau‹« hat den Herren im Kriegsministerium Erläuterungen zu meiner Personalakte gegeben? Ein führender Beamter! Oberst Jules Siméon lebt also immer noch. Und er haßt mich also immer noch …

Thomas stand auf. Abwesend begann er, sein Büro aufzuräumen. Als er die Schreibtischschublade aufsperrte, klemmte der Schlüssel ein wenig. Nicht sehr. Es fiel ihm nicht auf. Noch fiel es ihm nicht auf. Benommen sammelte er seine Papiere ein, suchte seinen persönlichen Besitz zusammen.

Er holte die falschen Pässe aus der Lade, deren Schlüssel ein wenig im Schloß geklemmt hatte. Er zählte sie nach. Alle noch da. Nein, nicht mehr alle. Er zählte noch einmal. Verflucht, einer fehlte!

Schweiß trat auf Thomas Lievens Stirn, als er entdeckte, welcher fehlte: der schöne Schweizer Paß auf den Namen Eugen Wälterli. Und noch etwas vermißte Thomas, etwas, das auch in der Schublade gelegen hatte: das Scheckbuch auf das Konto der »Schweizerischen Nationalbank« und die Bankvollmacht.

Ächzend sank Thomas Lieven in seinen Sessel zurück. Fetzen von Gesprächen und Erinnerungen wirbelten in seinem Gehirn: »Eugen Wälterli heißt du auch? Ist viel Geld auf dem Konto? Die Unterschrift, die ich nicht nachmachen kann, gibt’s nicht …« Thomas riß den Telefonhörer hoch. Verlangte ein Blitzgespräch nach Zürich: »Schweizerische Nationalbank«. Wartete endlos. Gespräch nur möglich über Militärleitung. Na und? Jetzt war schon alles egal! Endlich hatte er die Verbindung.

Er verlangte den Beamten, der sein Konto betreute. Ahnte bereits alles, als er die gemütliche Schweizer Stimme hörte: »Ja, Herr Wälterli, mir wüssed B’scheid. Ihre Frau Gemahlin hät alles g’reglet …«