»Was?«
»Was dazugehört. Schwarze Ledermäntel. Pelzmützen. Schwere Schuhe.« Thomas senkte die Stimme. »Hier im Hotel wohnt seit Kriegsende eine sowjetische Delegation. Fünf Mann. Ihre Aufgabe ist es, sich um alle Sowjetbürger in Frankreich zu kümmern. Wißt ihr, wieviel das sind?«
»Keine Ahnung.«
»Über fünftausend. Und mit ihnen allen ist dasselbe los …« Indessen seine beiden Gäste, Borschtsch, die beste Suppe der Welt, löffelnd, ihm andächtig lauschten, erzählte ihnen Thomas, was mit allen Sowjetbürgern in Frankreich los war …
10
Zwei Tage später hielt ein schwarzer Pontiac vor dem »Ministère du Ravitaillement«, in welchem sich die französische Alkoholverwaltung befand. Ein Chauffeur in schwarzem Ledermantel, eine Pelzmütze auf dem roten Igelhaar, riß den Schlag auf. Ein Herr in Ledermantel und Pelzmütze stieg aus, betrat das große, graue Gebäude, fuhr mit dem Lift in den dritten Stock empor und ging daselbst in das Büro eines Mannes mit Namen Hippolyte Lassandre, der ihm mit ausgebreiteten Armen entgegenkam.
»Mein lieber, sehr verehrter Monsieur Kutusow, ich war es, mit dem Sie gestern telefonierten. Legen Sie ab. Nehmen Sie Platz.«
Monsieur Kutusow, der unter dem schwarzen Ledermantel einen ziemlich zerdrückten, blauen Konfektionsanzug und an den Füßen schweres Schuhwerk trug, zeigte sich sehr aufgebracht. »In der Haltung Ihres Ministeriums sehe ich einen feindseligen Akt, den ich nach Moskau melden werde …«
»Ich bitte Sie, flehe Sie an, lieber Monsieur Kutusow – lieber Kommissar Kutusow, tun Sie das nicht. Ich bekomme den schlimmsten Ärger mit dem Zentral-Komitee!«
»Was für einem Komitee?«
»Der Kommunistischen Partei Frankreichs, Genosse Kommissar. Ich bin Parteimitglied! Ich versichere Ihnen, es war wirklich nichts als ein Versehen.«
»Daß man fünftausend Sowjetbürger seit Monaten bei der Alkoholzuteilung übergangen hat?« Der falsche Kommissar lachte höhnisch. »Ein Versehen, was? Komisch – die britischen und amerikanischen Staatsbürger in Ihrem Land erhielten Alkohol. Aber die braven Bürger meines Landes, das vor allen andern Ländern die Faschisten geschlagen hat …«
»Sprechen Sie nicht weiter, Genosse Kommissar, ich bitte Sie! Sie haben ja recht. Es ist unverzeihlich! Aber es soll gutgemacht werden, schnellstens!«
Kommissar Kutusow erklärte: »Ich fordere im Namen der Sowjetunion selbstverständlich auch die Nachlieferung der Zuteilung für alle vergangenen Monate.«
»Selbstverständlich, Genosse Kommissar, selbstverständlich …«
Daß die in Frankreich lebenden Sowjetbürger keine Alkoholzuteilung erhielten, hatten Thomas Lieven von Zizi erfahren. Zizi war eine schlanke Rotblonde, die in Paris in einem florierenden Haus arbeitete. Thomas kannte sie noch aus dem Krieg. Zizi liebte Thomas. Im Krieg hatte er ihren Freund vor der Verschleppung nach Deutschland gerettet. Es ging ihr prima, erzählte ihm Zizi. Vor allem, seit diese Russen in der Stadt seien. Die wären sozusagen Stammgäste in ihrem Etablissement.
»Was für Russen?« wollte Thomas wissen.
»Na, diese Kommission, die im ›Crillon‹ wohnt. Fünf Kerle. Kräftig wie Bären, sage ich dir. Das sind Männer!«
Zizi berichtete, daß die fünf Sowjetbürger ganz entzückt von den Dekadenzerscheinungen des kapitalistischen Westens waren. Allerdings vernachlässigten sie darob ihren Dienst auf das ärgste. Sie sollten sich um rund 5000 Landsleute in Frankreich kümmern, sie zur Heimkehr animieren. Das taten sie aber nur selten. Am liebsten waren sie bei Zizi. Und anderswo …
»Stell dir das vor, nicht mal um die Schnapszuteilung kümmern sie sich«, sagte Zizi zu Thomas.
»Um was für eine Schnapszuteilung?« fragte er und erfuhr, um was für eine.
Zizi hatte weitererzählt. Aber Thomas hatte nicht mehr zugehört. Ein Plan war in seinem Gehirn entstanden, ein kleiner, guter Plan. Nun, nachdem Bastian und Kutusow in Paris eingetroffen waren, setzte er ihn in die Tat um …
Mit gefälschten Ausweisen hinlänglich als Sowjetbeamter legitimiert, nahm Kommissar Kutusow die nachgelieferte Alkoholzuteilung entgegen. Nicht weniger als 3000 Hektoliter rollten auf Lastautos zu einer unheimlichen, zum teil eingestürzten Brauerei in der Nähe des Flughafens Orly.
Die hatte Thomas entdeckt, während er auf Bastian wartete. Sie gehörte einem Kollaborateur, der geflohen war. Im Februar 1946 – das muß man bei dieser Geschichte immer wieder bekennen – ging es in den meisten europäischen Ländern noch sehr drunter und drüber. Auch in Frankreich!
Nun nahmen acht Herren in jener Fabrik die Arbeit auf. Die Produktion lief Tag und Nacht. Die Herren stellten unter Leitung von Monsieur Hausér den bekannten und mit Recht beliebten Anis-Schnaps »Pastis« her, und zwar nach folgendem Familienrezept, das Thomas einer schwarzen Dame in Zizis Haus verdankte:
Man nehme auf einen Liter chemisch reinen neunzigprozentigen Alkohol
8 Gramm Fenchelsamen
12 Gramm Melissenblätter
5 Gramm Sternchenanis
2 Gramm Koriander
5 Gramm Salbei
8 Gramm grünen Anissamen.
Man lasse all dies acht Tage lang im Dunkeln ziehen. Kurz vor dem Filtrieren füge man noch zehn Tropfen Anisessenz hinzu. Zuletzt verdünne man auf einen vierundvierzigprozentigen Alkoholgehalt …
Den Alkohol bezahlte Kutusow mit dem Erlös der Goldstücke, die Bastian mitgebracht hatte. Die gefüllten Flaschen beklebten Bastians Freunde mit Etiketten, die Thomas in einer kleinen Druckerei herstellen ließ.
Indessen die Großproduktion anlief, suchte Monsieur Hausér einen französischen Militärbeamten, einen Stabsintendanten, in dem Pariser Stadtteil Latour-Maubourg auf. Dieser Stadtteil war zur Gänze von Militär besetzt, eine kleine Stadt in der Stadt.
Monsieur Hausér schlug dem Stabsintendanten Villard ein Schnapsgeschäft unter der Hand vor. »Ich habe Rohstoffe, ich kann ›Pastis‹ produzieren. Ich weiß, daß es in Ihrem Offizierskasino kaum noch Schnaps gibt. Meine Ware ist preiswert.«
»Preiswert?«
Nun, für jene wilde, alkoholarme Zeit gewiß! Heute würde man Thomas Lievens alias Monsieur Hausérs Forderung ein wenig übertrieben empfinden. Er verlangte, umgerechnet zum Kaufwert unserer heutigen Währung, für eine Flasche »Pastis« immerhin 60 Mark!
Der Stabsintendant griff zu, als wäre es das Geschäft seines Lebens. Und das war es auf der anderen Seite ja auch wiederum, wenn man bedenkt, daß damals eine Flasche »Pastis« auf dem schwarzen Markt umgerechnet an die 100 Mark kostete.
Das Geschäft blühte!
Vor allem wickelte es sich in Windeseile ab! Nicht nur sein Offizierskasino versorgte der Stabsintendant mit »Hausér-Pastis«, nein, er brachte die frohe Kunde auch seinen Freunden, und so fuhren schon bald Armeelastwagen mit »Hausér-Pastis« zu allen Offizierskasinos des Landes.
In der Tat kann man sagen: Thomas Lieven versorgte die französische Armee. Und die französische Armee bezahlte prompt. Und alles ging gut bis zum 7. Mai 1946. Da gab es eine kleine Panne …
Am 7. Mai 1946, gegen 19 Uhr, erschien der stämmige Chef der sowjetischen Delegation, Herr Andrejew S. Schenkow, im Appartement des falschen Kommissars Kutusow im »Hôtel Crillon« und forderte ihn, sehr rot im Gesicht, auf, eine Erklärung abzugeben. Herr Schenkow hatte nämlich wenige Tage zuvor beschlossen, seine Pflichten denn doch ein wenig ernster zu nehmen. So wollte er auch seine 5000 Landsleute mit Alkohol versorgen. Aber vom Rationierungs-Ministerium mußte er erfahren, daß der Alkohol längst von einem Kommissar Kutusow, wohnhaft »Hôtel Crillon«, abgeholt worden sei.
»Ich verlange eine Erklärung!« schrie Schenkow nun in russisch akzentuiertem Französisch. »Wer sind Sie, Herr? Ich kenne Sie nicht! Habe Sie nie gesehen! Ich lasse Sie verhaften. Ich …«
»Maul halten!« brüllte Kutusow ihn an, aber in lupenrein russischen Urlauten. Und dann sprach er eine halbe Stunde lang mit dem Genossen Schenkow auf russisch in genau jener Art und über genau jene Dinge, die Thomas Lieven ihm eingeschärft hatte. Denn Thomas hatte eine solche kleine Panne natürlich von Anfang an einkalkuliert.