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Eine halbe Stunde später kehrte Genosse Andrejew S. Schenkow bleich, verstört und mit schweißfeuchter Stirn in sein Zimmer zurück. Hier warteten auf ihn seine Freunde Tuschkin, Bolkonski, Balaschew und Alpalytsch.

»Genossen«, stöhnte Schenkow und fiel in einen Sessel, »wir sind verloren.«

»Verloren?«

»Praktisch schon in Sibirien. Es ist grauenhaft. Es ist entsetzlich. Wißt ihr, wer Kutusow ist? Er ist der Kommissar, den sie uns nachgeschickt haben, um uns zu überwachen. Er hat alle Vollmachten. Und er weiß alles über uns.«

»Alles?« schrie Bolkonski entsetzt auf.

Schenkow sprach dumpf: »Alles. Wie wir hier arbeiten. Was wir hier getrieben haben.« Entsetzen malte sich auf den Zügen seiner vier Freunde. »Es gibt nur noch eines, Genossen, wir müssen versuchen, ihn zum Freund zu gewinnen. Und arbeiten wie Tiere, Tag und Nacht. Keine Zizi mehr! Keine Nylons und amerikanischen Konserven und Zigaretten mehr! Dann wird Kutusow vielleicht noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen …«

Solcherart war, dank Lievens vorausblickendem Ingenium, der kleine Zwischenfall beigelegt, und das große »Pastis-Geschäft« konnte in aller Ruhe abgewickelt werden.

Am 29. Mai brachte ein sehr glücklicher, weil relativ wohlhabender Exgenosse Kommissar und Taxi-Aristokrat Kutusow seine beiden Freunde in seinem alten Pontiac nach Straßburg. Hier kannte Thomas aus den seligen Zeiten seines »Kriegsverbrecher-Suchdienstes« ein paar freundliche französische Grenzer und ein paar freundliche deutsche. Mit ihrer Hilfe sollte es unschwer gelingen, die beiden Koffer der Herren Lieven und Fabre unkontrolliert aus einem Land in das andere zu bugsieren. Die Schrankkoffer enthielten den Lohn der »Pastis«-Mühe.

Im Fond des Pontiacs schwärmte Thomas: »Jetzt geht’s nach England, Bastian! Ins Land der Freiheit! Ach, mein Club – meine schöne Wohnung – meine kleine Bank – du wirst England lieben, mein Alter …«

»Hör mal, aber die Engländer haben dich doch 1939 ausgewiesen!«

»Ja«, sagte Thomas, »darum müssen wir eben auch noch auf einen Sprung nach München. Da sitzt ein Jugendfreund von mir, der wird mir helfen, wieder nach England reinzukommen.«

»Was is’n das für’n Jugendfreund?«

»Ein Berliner. Jetzt amerikanischer Major. Redakteur einer Zeitung. Kurt Westenhoff heißt er«, sagte Thomas, selig lächelnd. »Ach, Bastian, ich bin ja so froh – alle Unordnung hat jetzt ein Ende. Ein neues Leben beginnt – eine neue Zeit.«

11

Unter vielen Besuchern wartete auch Thomas Lieven im Vorzimmer des amerikanischen Majors Kurt Westenhoff. In München. In der Schellingstraße. Im Riesengebäude des ehemaligen Eher-Verlages.

Im sogenannten Tausendjährigen Reich war hier der »Völkische Beobachter« von den Nazis gedruckt worden. Jetzt wurde hier eine andere Zeitung von den Amerikanern gedruckt.

Es war sehr heiß in München an diesem 30. Mai 1946. Manchen der mageren, blassen Herren in Westenhoffs Vorzimmer stand der Schweiß auf der Stirn. Nachdenklich sah Thomas Lieven sich um. Er dachte: Da sitzt ihr. In alten Anzügen, die euch zu groß geworden sind. Mit zu weiten Hemdkrägen. Hager, unterernährt und blaß. Wenn ich euch so betrachte, ihr Bittsteller und Hochgeschwemmten der ersten Nachkriegszeit, die ihr hierherkommt um Hilfe, um einen Posten, um Persilscheine … Ihr seht nicht so aus, als ob ihr eure Köpfe hingehalten hättet draußen an der Front oder im echten Widerstand gegen die Nazis. Ihr wart wohl still während der tausend Jahre. Ohren zu, Augen zu, Mund zu. Aber jetzt wollt ihr endlich an die Macht! Bald werdet ihr euch vor den Futterkrippen der Nation drängen und euren Teil herausholen aus dem großen Wurstkessel. Bald werdet ihr oben sein, in der Regierung, in der Wirtschaft, im ganzen Land. Denn die Amerikaner werden euch helfen …

Aber, dachte Thomas Lieven, seid ihr die Richtigen für den richtigen Weg? Werdet ihr die einzigartige Gelegenheit nutzen, Deutschland und die Deutschen nun ein wenig aus der Weltgeschichte zu empfehlen – für eine Weile wenigstens?

Zwei Weltkriege haben wir begonnen und verloren im Lauf von zweiunddreißig Jahren. Eine forsche Leistung! Wie, wenn wir uns nun zurückzögen, neutral würden – uns poussieren ließen von den Amis und den Russen – Handel trieben mit West und Ost? – Wir haben so viel geschossen! – Wenn wir nun – bitte nicht gleich böse werden, ist ja nur ein Vorschlag! – überhaupt nie mehr schießen wollten? Du lieber Gott im Himmel, wäre das schön!

Eine bildhübsche Sekretärin erschien. »Herr Lieven, Major Westenhoff erwartet Sie«, sagte die junge Dame, die später einmal Mrs. Westenhoff heißen sollte. An ihr vorbei ging Thomas in das Büro des Redakteurs, der ihm mit ausgestreckter Hand entgegenkam.

»Tag, Thomas«, sagte Kurt Westenhoff. Er war klein und rundlich. Er besaß spärliches blondes Haar, eine schöne Stirne und kluge blaue Augen, die immer freundlich und immer melancholisch wirkten.

Der Vater dieses Mannes, Dr. Hans Westenhoff, hatte als Chefredakteur des Ullstein-Verlages in Berlin gearbeitet, für die »BZ am Mittag« und für das »Tempo«. Dann hatte die Familie emigrieren müssen. Nun war der Krieg zu Ende. Nun war Kurt Westenhoff zurückgekommen in dieses Land, das ihn fortgejagt hatte.

»Tag, Kurt«, sagte Thomas. 1933 hatte er diesen Mann zum letztenmal gesehen, in Berlin. Dreizehn Jahre waren vergangen. Trotzdem hatte Westenhoff sich sofort an ihn erinnert.

Thomas sagte heiser: »Ich … ich danke dir.«

»Quatsch, Mensch! Ich kenne dich seit unserer Schulzeit. Ich habe deinen Vater gekannt. Ich brauche keine Fragen zu stellen bei dir. Nur eine: Wie kann ich dir helfen?«

Thomas sagte: »Du weißt, ich war vor dem Krieg Bankier in London. ›Marlock and Lieven‹. Dominion Agency, in der Lombard Street.«

»Dominion Agency, richtig! Ich erinnere mich.«

»Ich habe wüste Jahre hinter mir. Euer CIC wird ein Riesendossier über mich haben. Aber ich sage die reine Wahrheit: In den ganzen Schlamassel bin ich nur durch meinen Kompagnon Marlock geraten. Er hat dafür gesorgt, daß ich aus England ausgewiesen wurde. Er hat sich die Bank unter den Nagel gerissen. Seit 1939 habe ich nur einen Wunsch, nur einen Gedanken: dieses Schwein zu stellen!«

»Ich verstehe«, sagte Westenhoff. »Du willst rüber nach England.«

»Um mit Marlock abzurechnen, ja. Kannst du mir dabei helfen?«

»Sure, boy, sure!« sagte der amerikanische Berliner. Und er irrte sich!

Zwei Wochen später, am 14. Juni, forderte Westenhoff Thomas auf, ihn am Abend in seiner Villa zu besuchen.

»Tut mir leid, Thomas«, sagte sein Freund zu ihm, als sie beide auf der Terrasse hinter dem Haus saßen und in den dämmerigen Garten hinausblickten. »Wirklich wahnsinnig leid. Trink lieber noch einen großen Whisky pur, bevor ich es dir erzähle.«

Diesen Rat befolgte Thomas.

»Dein Robert E. Marlock ist verschwunden. Ich habe meine Freunde beim CIC alarmiert. Die haben sich mit den Engländern in Verbindung gesetzt. Sieht traurig aus, Thomas, sehr traurig. Deine kleine Bank gibt es auch nicht mehr. Noch einen Drink?«

»Am besten stellst du gleich die Flasche vor mich hin. Ich komme mir langsam vor wie Hiob.« Thomas lächelte verzerrt. »Hiob mit Johnnie Walker. Seit wann gibt’s meine kleine Bank nicht mehr?«

»Seit 1942.« Westenhoff zog ein Blatt Papier aus der Tasche. »Genau: seit dem 14. August 1942. Da stellte Marlock die Zahlungen ein. Wechsel platzten. Kunden wollten ihre Konten abheben. Marlock verschwand an diesem Tag vom Erdboden, bis heute. Soweit meine Freunde vom CIC. Die möchten dich übrigens gerne kennenlernen.«

»Aber ich sie nicht.«

Thomas seufzte. Er sah in den blühenden Garten hinaus, dessen Bäume und Sträucher im Dämmerlicht des herabsinkenden Abends mehr und mehr ihre Konturen verloren und zu rauchigen Schatten verschwammen. Er drehte sein Glas hin und her. Endlich sagte er: »Also werde ich hierbleiben. Ich habe genug Geld in Frankreich verdient. Ich werde arbeiten. Aber nie mehr, hörst du, Kurt, nie mehr für einen Geheimdienst. Nie mehr in meinem Leben!«