Und damit sollte er sich irren – ebenso wie Kurt Westenhoff sich irrte, wenn er annahm, daß Thomas Lieven seinem verbrecherischen Kompagnon Robert E. Marlock nie mehr begegnen würde …
12
An einem schönen Tag im Juli 1946 schritt ein Herr in Sporthemd und Sporthosen über den englischen Rasen einer komfortablen Villa in Grünwald, am Stadtrand von München. Der Herr sah blaß und resigniert aus. An seiner Seite schritt, in derselben leichten Kleidung, ein muskulöser, zufrieden scheinender Riese, dem das rote Bürstenhaar wild vom Kopf abstand.
»Hübsches Häuschen haben wir uns gekauft, Bastian, mein Alter, was?« meinte Thomas Lieven.
»Und alles mit dem Geld der französischen Armee bezahlt«, grunzte der ehemalige Ganove aus Marseille, der sich seit einigen Wochen als Lievens Kammerdiener versuchte.
Sie gingen auf die Villa zu. Thomas sagte: »Heute nacht habe ich mal ausgerechnet, wieviel wir bei unserm Umsatz dem französischen Finanzamt schulden.«
»Wieviel denn?«
»Etwa dreißig Millionen Franc«, sagte Thomas schlicht.
Bastian erheiterte sich unmäßig. »Vive la grande armée!«
In der Villa läutete das Telefon. Westenhoff war am Apparat:
»Möchtest du heute abend zu Eva Braun kommen?«
»Was?«
»In ihre Villa, meine ich. Ecke Maria-Theresia-/Prinzregentenstraße.«
»Da sitzt doch jetzt der CIC drin.«
»Richtig, Junge, richtig.«
»Ich habe dir gesagt, ich arbeite nie wieder als Geheimagent. Auch nicht für euch!«
»Du sollst für uns nicht als Geheimagent arbeiten, sondern als Koch.«
»Deine Freunde werden doch einen eigenen Koch haben!«
»Haben sie auch. Einen ganz erstklassigen sogar. War einst ein ganz großer Restaurateur. Und ein Blutordensträger dazu …«
»Gratuliere. Einen feinen Geschmack haben deine Freunde.«
»Der Koch hatte einen noch besseren. Als er verhaftet wurde, verriet er ohne Zögern alle seine Bonzenfreunde. Dafür steckte der CIC ihn nicht sofort ins Lager. Er lebt unter Hausarrest und kocht. Aber heute kann er nicht kochen, heute hat er Durchfall. Komm doch und hilf diesen Abend aus, Thomas. Mir zuliebe. Sie haben einen Rehbock. Ein Special Agent hat ihn erlegt. Mit der Armbrust.«
»Kurt, du sollst am Tag nicht soviel trinken!«
»Es ist die reine Wahrheit, er hat ihn mit dem Flitzbogen erlegt. Ich kenne den Mann. Er geht nur mit dem Flitzbogen auf die Jagd. Er sagt, die Tiere müssen viel weniger leiden. Es wäre humaner so.«
Vollgefressen, wie wir heute sind, erinnern wir uns kaum noch, wie es damals war:
Nur 800 Kalorien täglich konnten im Juni 1946 im Ruhrgebiet an »Normalverbraucher« ausgegeben werden. In Bayern waren es 950 Kalorien. Schwerarbeiter erhielten 1700, Schwerstarbeiter 2100, Bergarbeiter 2400 Kalorien.
Nur 7 (!) Gramm Fett enthielt noch im September 1947 die »Grundration«. Vorkriegsverbrauch: 110 Gramm.
Nur 14 Gramm Fleisch enthielt die »Grundration« im September 1947. Vorkriegsverbrauch: 123 Gramm.
Die Deutsche Ärzteschaft gab im Sommer 1947 in einer »Resolution zur Ernährungslage« die Mindestfettmenge pro Kopf und Tag mit 40 bis 60 Gramm an.
Ein Trost: Der Blutordensträger, der sich durch diese schlimme Zeit als Koch beim amerikanischen CIC hinlänglich gegen die Gefahr des Verhungerns absicherte, überstand auch die erwähnte Diarrhöe gut. Er überstand überhaupt alles gut. Heute ist er Besitzer eines bekannten Restaurants in einer großen Stadt im Süden Deutschlands …
13
Eine hübsche Villa hatte Hitler seiner Geliebten geschenkt, fand Bastian Fabre, als er mit Thomas Lieven in der Küche des Gebäudes gelandet war: »Das hätt’ ich dem Vegetarier gar nicht zugetraut, was meinst du, Kumpel?«
»Und was hatte sie davon? Jetzt ist sie tot«, sagte Thomas. »Ich denke, wir machen vor dem Reh einen Parmesanpudding und nach dem Reh etwas Süßes; das lieben die Amis.«
Teurer und geistreicher Leser, schöne und elegante Leserin! Schwer, bitter schwer fällt es uns, zu berichten, was wir nun zu berichten haben: Niemals noch – und Sie selbst sind die besten Zeugen dafür – hat unser Freund sich in der Vergangenheit betrunken.
An diesem 16. Juli 1946 jedoch betrank er sich in der Villa der (un)seligen Hitlergeliebten wie noch nie zuvor in seinem Leben. Und nur mit dem entsprechend ungeheuerlichen Promille-Gehalt läßt sich erklären, was Thomas Lieven in seinem katastrophalen Zustand widerfuhr.
Vielleicht hätte Bastian auf seinen Herrn besser aufpassen müssen. Er interessierte sich an jenem Abend jedoch allzusehr für das rothaarige Serviermädchen. Mit dieser etwas strapazierten Schönheit, die vierzehn Monate zuvor noch als Nachrichtenhelferin Freude in die einsamen Nächte deutscher Soldaten gebracht hatte, trieb er sich in der Küche und anderswo herum. Und so nahm das Verhängnis seinen Lauf …
Kurt Westenhoff kam mit seiner schönen Sekretärin. Drei CIC-Agenten hatten deutsche Freundinnen eingeladen. Und dazu saßen noch zwei sehr, sehr attraktive Damen vom sogenannten »Art Collecting Point« am Tisch, die eine in einer französischen Uniform, die andere in einem ein wenig abgetragenen weißen Kleid, auf das bizarre Blumen gemalt waren.
Die Dame in der französischen Uniform wurde Mademoiselle Daniella genannt. Thomas kannte sie schon – der Stimme nach. Daniella pflegte in der »Pariser Stunde« von »Radio München« die neuesten französischen Chansons vorzutragen – mit vibrierender Schlafzimmerstimme. Die charmante Person war unbestrittener Mittelpunkt der Party.
Ihre deutsche Begleiterin stand völlig in ihrem Schatten. Christine Troll hieß das Mädchen mit dem langen, schwarzen Haar, den langbewimperten schwarzen Augen und dem großen Mund. Sie war Sekretärin im »Art Collecting Point«.
Von dieser Institution berichtete die Französin die amüsantesten Episoden. Die Damen und Herren der amerikanischen »Kunstwerke-Sammelstelle« amtierten auf dem Königsplatz, im kleineren der beiden sogenannten »Führerbauten«. Ihre Aufgabe war es, all jene Kunstwerke aufzustöbern und sicherzustellen, die unter dem Naziregime in den besetzten Gebieten, aber auch in Deutschland den Besitzer gewechselt hatten durch Beschlagnahme, Verlagerung oder Raub.
»Sichergestellt«, so berichtete Mademoiselle Daniella, hatten die Nazis in Paris die berühmtesten Sammlungen von Rothschild, Goldschmidt und Schloß. Aber wo waren all diese Schätze hingekommen?
Allein an Gemälden hatten die Nazis 14 000 Werke »verlagert« – aber wohin? Im Kloster Dietramszell, im Kloster Ettal, in den Salinen von Alt-Aussee förderten die Kunst-Detektive Meisterwerke zutage … wenig, wenig, verglichen mit dem, was verschwunden war.
Nach dem Einmarsch hatten amerikanische Truppen den Führerbau 1 den Deutschen übergeben. »Nehmt das Zeug, es hat ja doch nur Hitler gehört« – so hatten ein paar flinke Münchner die Sieger verstanden. Sie »übernahmen« in der Tat, was sie fanden …
Manche dieser Gemälde, so erzählte Mademoiselle Daniella, wurden später wiedergefunden, als der »Collecting Point« in der Umgebung des Königsplatzes – mit Unterstützung der Military Police – eine Razzia in über tausend Privatwohnungen vornahm. Dabei fand man herrlichste, unschätzbare Meisterwerke wieder, als Matratzen-Unterlagen oder Fensterverschalungen.
Natürlich hatten auch die Amerikaner geplündert. Mademoiselle Daniella berichtete vom Erlebnis eines Kunsthändlers in der Maximilianstraße. Bei dem war am Tage nach der Eroberung Münchens ein Sherman-Panzer vorgefahren. Die Panzerleute holten den Kunsthändler auf die Straße und zeigten ihm ein Bild, das sie vorne an den Tank gebunden hatten. Dem Experten erstarrte das Blut in den Adern. Was da auf den schmutzigen, öligen Panzerplatten hing, war nichts anderes als ein berühmtes, in allen Kunstbänden vorzufindendes Rembrandt-Gemälde, das Porträt des Rabbiners von Amsterdam, und zwar das Original.