Der Kunsthändler und die Soldaten wurden nicht einig. So fuhren die Sieger mit ihrem Schatz kettenrasselnd davon. Wohin? Das wußte niemand. Der Rembrandt ist nie wieder aufgetaucht …
Solcherlei Erzählungen ließen Gastgeber und Gäste fröhlich werden. Man trank Gin und Juice. Thomas ging in die Küche, um nach Bastian, dem Serviermädchen und dem Rehrücken zu sehen. Er fand alle drei wohlauf. Die Exnachrichtenhelferin saß auf Bastians Knien. Äußerlich war sie sehr rot. Innerlich war sie wohl immer noch braun. Thomas stach in den Rehrücken und fand, daß es sich bei diesem umgekehrt verhielt. Er gab dem balzenden Bastian die entsprechenden Anweisungen und kehrte in den Salon zurück.
Hier erzählte Mademoiselle Daniella noch immer. Thomas setzte sich neben die bescheidene, schöne Christine Troll und hörte zu. Er fühlte, wie er einen Schwips bekam. Auch die Augen der hübschen, dunklen Christine glänzten verdächtig. Er sagte zu ihr: »Es gibt gleich Essen!«
»Gott sei Dank, ich bin schon tipsy«, bekannte sie mit tiefer, heiserer Stimme. (Wo ich tiefe, heisere Stimmen so liebe, dachte Thomas. Wie alt ist die Kleine wohl? Höchstens fünfundzwanzig. Hm. Süßes Mädchen …)
Auch beim Essen unterhielt Mademoiselle Daniella ihre Tischgenossen weiter mit ihren Stories.
Thomas war verstimmt. Gerade mit dem Parmesan-Pudding habe ich mir so viel Mühe gegeben, dachte er. Und kein Mensch achtet darauf, kein Mensch lobt ihn.
Das hatte er gerade gedacht, da sagte Christine, die neben ihm saß, leise: »Hinreißend, dieser Pudding. So etwas Gutes habe ich noch nie gegessen!«
Thomas blühte auf. Ach, was für ein Mädchen!
Menu • München, 16. Juli 1946
Beim Kochen für die Amis entflammt Thomas Lievens Herz …
Parmesanpudding
Rehrücken Baden-Baden
Russische Creme
Parmesanpudding: Man nehme 120 Gramm Butter, rühre sie schaumig, menge sechs Eigelb, 80 Gramm geriebenen Parmesankäse, einen viertel Liter saure Sahne, etwas Salz, 140 Gramm Mehl und zuletzt den steifen Eiweißschnee der sechs Eier darunter. – Man fülle die Masse in eine gebutterte und bemehlte Puddingform, lasse sie fünfundvierzig Minuten im Wasserbad kochen. – Man stürze den Pudding auf eine große runde Platte, umgebe ihn mit 150 Gramm feingehacktem Schinken und mit buttergeschwenkten grünen Böhnchen, die man mit gehackter Petersilie bestreut.
Rehrücken Baden-Baden: Man nehme einen abgehäuteten und gespickten Rehrücken, pfeffere und salze ihn, übergieße ihn mit kochendheißer Butter und schiebe ihn in den vorgeheizten Backofen. – Man brate ihn unter fleißigem Begießen fünfundvierzig bis sechzig Minuten, das Fleisch muß aber noch saftig und am Knochen leicht rosa sein. – Man nehme etwas Bratensaft, mache darin Ananasstücke, eingemachte Kirschen und frische Weinbeeren heiß, umlege damit den Rehrücken. – Man koche den restlichen Saft und den Bratenfond mit saurer Sahne zu einer Sauce auf, die man gesondert serviert.
Russische Creme: Man nehme pro Person ein Eigelb, einen Eßlöffel Zucker, rühre sie schaumig, füge Arrak oder Rum – auf drei Eier einen Eßlöffel voll – hinzu und gebe sehr steif geschlagene Schlagsahne darunter. – Man verziere die Creme mit kleinen Makronen, die mit Arrak oder Rum getränkt wurden.
Als der Rehrücken kam, berichtete Mademoiselle Daniella ge rade von dem berühmt-historischen Buch »Schedels Weltchronik«, gedruckt im Jahr 1493. »… einer unserer Leute fuhr vor zwei Wochen durch Troibach bei Kraiburg am Inn. Bei einem Bauern ging er auf die – wie sagt man? – auf das ›Häusl‹ …« Gelächter. »Wie er sich – pardon, ich bin entsetzlich, ich weiß –, wie er sich bedienen will, kommen ihm die Schrift und das Papier so komisch vor …« Neues Gelächter. »Meine Damen, meine Herren, was soll ich Ihnen sagen – es waren die zerschnittenen Seiten der berühmten Weltchronik aus dem Mittelalter, dem ersten gedruckten weltlichen Buch überhaupt, auf einem rostigen Nagel in einem Häusl in Troibach bei Kraiburg am Inn …« Schallendes Gelächter.
Traurig dachte Thomas: Und keiner sagt etwas zu meinem Rehrücken. Da sagte Christine leise: »Phantastisch, auch der Rehrücken. Sie sind ein Genie. Ist das ein besonderes Rezept?«
»Mein eigenes. Ich habe es Rehrücken Baden-Baden getauft. In Erinnerung an … hm … dort verlebt schöne Stunden.«
»Das müssen Sie mir alles ganz genau erzählen, bitte.«
Thomas rückte näher heran. »Aber mit Vergnügen!«
Der Abend war gerettet!
Nach dem Essen sang Mademoiselle Daniella Chansons. Man trank weiter. Einzelne Pärchen verschwanden. Neue Besucher kamen. Ein Grammophon spielte ohne Unterlaß. Thomas trank reihum mit sämtlichen Herren. Ich habe jetzt etwas im Magen, beruhigte er sich, es kann nichts passieren.
Dann lernte er den CIC-Agenten »Mister Smith« kennen, jenen tierliebenden Herrn, der tatsächlich mit der Armbrust auf die Jagd ging. Dabei stellte sich heraus, daß Thomas nicht nur eingeladen worden war, weil er so gut kochte.
»Hören Sie mal zu, Mr. Lieven. Ich weiß, Sie waren kein Nazi … aber Sie haben so viele Nazis gekannt … Sie könnten uns helfen …«
»Nein, danke.«
»Lieven, das ist Ihr Land! Ich werde nicht ewig hier sein. Sie vielleicht schon. Wenn wir jetzt nicht achtgeben, sperren wir die Falschen ein und lassen die Falschen frei … und alles kommt wieder, alles kommt wieder!«
»Trotzdem«, sagte Thomas. »Ich will nichts mit Geheimdiensten zu tun haben. Nie mehr!«
Mr. Smith sah ihn von der Seite an und lächelte …
Schummriger wurde die Beleuchtung, sentimentaler die Musik. Thomas tanzte mit Christine. Thomas flirtete mit Christine.
Christine erzählte von sich: »Eigentlich habe ich Chemie studiert. Meine Eltern hatten eine kleine Fabrik hier in München, kosmetische Präparate …«
»Was heißt hatten?«
»Sie sind tot. Und die Fabrik ist ausgeplündert worden. Ich war nicht da in diesen Tagen. Wenn ich bloß jemanden finden könnte, der mir etwas Geld gibt.« Sie sprach so ernst! Thomas fand sie ungeheuer sympathisch. »Ach, etwas Kapital bloß. Man könnte verdienen, was man will. Millionen Frauen schreien nach kosmetischen Präparaten. Sie haben nichts, um sich schön zu machen …«
Das leuchtete Thomas ein. Ein wenig schwerzungig sagte er: »Wir müssen uns unbedingt unterhalten, Fräulein Christine.« Neuer Anlauf: »Komme Sie morgen besuchen. Ich … ich … könnte mir vorstellen, daß mich Ihre Fabrik interessiert …«
»Oh!« Ihre Augen leuchteten auf.
Mademoiselle Daniella sang wieder. Thomas trank und tanzte mit Christine, tanzte und trank. Dann sang er selber. Und dann war es soweit: Er war blau, ganz ungeheuerlich blau. Liebenswürdig. Freundlich. Charmant. Aber eben blau. Es fiel nur keinem Menschen auf. Denn alle waren blau, alle im Hause der toten Eva. Nur der Blutordensträger nicht. Der lag mit Leibschmerzen in seiner Mansarde und knirschte mit den Zähnen.
14
Als Thomas erwachte, fand er sich in seinem Bett. Er hörte Bastians Stimme: »Das Frühstück, Pierre. Wach auf. Es ist halb zwölf!«
Thomas öffnete die Augen und stöhnte. In seinem Schädel tobten Preßlufthämmer. Er sah Bastian an, der mit einem Tablett vor ihm stand. Er richtete sich auf. Und dann erstarrte er. Neben ihm lag ein Mädchen und schlief, tief und friedlich. Die süße, dunkle Christine Troll …