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Thomas schloß die Augen. Thomas öffnete die Augen wieder. Es war kein Spukbild, das ihn narrte. Christine lag noch immer da. Jetzt murmelte sie etwas und lächelte. Räkelte sich. Allmächtiger! Schnell deckte Thomas sie wieder zu.

Entsetzt sah er Bastian an, der keine Miene verzog. »Was ist passiert? Wie kommt die Dame hierher?«

»Mensch, frag mich doch nicht! Wie soll ich das wissen!«

»War ich … waren diese Dame und ich … schon … hm … zu Hause, als du kamst?«

»Jawohl. Du hast geschnarcht wie eine ganze Kompanie.«

»Um Gottes willen.«

»Total besoffen, was?«

»Und wie! Junge, Junge, also mir fehlen glatt acht oder neun Stunden. Ich habe nicht die geringste Erinnerung.«

»Na hör mal, das ist aber jammerschade!«

»Halt den Mund! Stell das Tablett weg. Ich will machen, daß ich hier rauskomme, bevor sie aufwacht. Vielleicht war sie auch betrunken. Und dann kann ich ihr die Peinlichkeit ersparen.«

Er konnte es nicht. Denn in diesem Moment schlug Christine Troll ihre schönen schwarzen Augen auf und blickte um sich. Lange um sich. Dann blickte sie an sich hinab. Wurde dunkelrot. Und sagte: »Ach, ist das unangenehm. Nein, also wirklich! Das ist ja ganz entsetzlich! Mein Herr, wer sind Sie, wenn ich bitten darf?«

Thomas verneigte sich im Sitzen. »Mein Name ist Lieven. Thomas Lieven.«

»Ach Gott, ach Gott. Und wer … wer ist dieser Herr?«

»Mein Diener Bastian.«

»Guten Morgen, Mademoiselle«, sagte Bastian und verneigte sich höflich.

Da begann die junge Dame zu weinen …

Nach dem Frühstück gingen Thomas und Christine im Isartal spazieren. Langsam ließen ihre Kopfschmerzen nach.

»Und Sie haben keine Erinnerung?« fragte er.

»Nicht die allergeringste.«

»Ich auch nicht.«

»Herr Lieven!«

»Unter den gegebenen Umständen kannst du vermutlich ruhig Thomas zu mir sagen!«

»Nein, ich möchte beim Sie bleiben! Unter den Umständen, Herr Lieven, gibt es nur eine einzige Möglichkeit für uns: Wir gehen auseinander und sehen uns nie wieder.«

»Entschuldigen Sie, warum?«

»Herr Lieven, ich bin ein anständiges Mädchen. So etwas ist mir noch nie passiert.«

»Mir auch nicht. Vorschlag zur Güte: Wir reden nicht mehr davon. Und ziehen Ihre Kosmetikfabrik neu auf.«

»Daran erinnern Sie sich?«

»Genau. Und ich halte mein Wort. Was Sie an Kapital brauchen, steht Ihnen zur Verfügung.«

»Herr Lieven, also das kann ich unter gar keinen Umständen annehmen.«

15

Am 15. August 1946 wurde in der Kosmetikfabrik Troll die Produktion wiederaufgenommen. Mit einigen wenigen Arbeitern zunächst. Unter schwierigsten Bedingungen. Im September ging es schon besser. Durch seine Beziehungen zu den Amerikanern gelang es dem Geschäftspartner von Christine Troll, größere Mengen von Chemikalien zu beschaffen, die für die Produktion unentbehrlich waren. Im Oktober 1946 erzeugte die Fabrik bereits Seife, Hautcreme, ein Toilettenwasser und, als Verkaufsschlager, eine »Beauty Milk«, die reißend Absatz fand. Neue Arbeiter wurden angestellt.

Christine Troll sagte zu ihrem Partner immer noch eisern »Herr Lieven«.

Thomas Lieven sagte zu seiner Partnerin immer noch eisern »Fräulein Troll«.

Zu Bastian sagte er: »Nie wieder ein krummes Ding, verstehst du? Mit Ehrlichkeit und Fleiß werden wir es schaffen. Anständig, alter Junge, kapiert? Anständig!«

Bastian grinste …

Um diese Zeit, an einem tristen Oktoberabend, erschien eine kleine, verschreckte Frau in Thomas Lievens Villa. Sie entschuldigte sich immer wieder dafür, daß sie sich nicht angemeldet hatte, ohne zu sagen, was sie wollte und wie sie hieß: »… aber ich war so aufgeregt, Herr Lieven, ich war so furchtbar aufgeregt, als ich Ihren Namen las …«

»Wo haben Sie meinen Namen gelesen?«

»Im Register vom Grundbuchamt – da arbeitet meine Schwester. Ich und die Kinder leben ja noch immer in Freilassing. Dahin haben sie uns ’45 verlagert. Es ist ein Elend – kein Platz – die Bauern sind widerlich zu uns, und jetzt auch noch dieses Wetter …«

»Liebe Dame«, sagte Thomas geduldig, »darf ich nun vielleicht endlich Ihren Namen erfahren?«

»Emma Brenner.«

Thomas zuckte zusammen. »Brenner! Sie sind die Frau von Major Brenner?«

Die kleine Frau begann zu weinen.

»Ja, Herr Lieven! Die Frau von Major Brenner … Er hat so oft geschrieben über Sie, aus Paris. Er war so begeistert von Ihnen … Herr Lieven, Sie kannten meinen Mann! War er ein schlechter Mensch? Hat er Unrecht begangen?«

»Wenn Sie so fragen, Frau Brenner, dann kann das nur eines bedeuten: Ihr Mann wurde verhaftet, stimmt’s?«

Schluchzend nickte die kleine Frau. »Zusammen mit Oberst Werthe. Den kennen Sie doch auch …«

»O Gott«, sagte Thomas. »Werthe auch?«

»Seit Kriegsende sitzen sie im Lager Moosburg – und werden da sitzenbleiben, bis sie verhungern oder erfrieren …«

»Frau Brenner, beruhigen Sie sich. Erzählen Sie mir.«

Das tat die kleine Frau, von Schluchzen unterbrochen. Die Lage für Werthe und Brenner schien tatsächlich hoffnungslos. Thomas kannte beide gut. Er wußte, es waren anständige Leute, die sich jahrelang mit der Gestapo herumgeschlagen hatten. Aber 1944 wurde Admiral Canaris abgesetzt, und die militärische Abwehr wurde Heinrich Himmler unterstellt. Werthe und Brenner waren plötzlich Himmler-Leute!

Und das blieben sie, bis die Amerikaner kamen und sie verhafteten. Die Amerikaner machten keinen Unterschied. Himmler-Leute waren für sie SD-Leute. Und SD-Leute waren »Securitiy Threats«, »Bedrohungen der Sicherheit«, die unter den »Automatic Arrest« fielen.

Im Internierungslager Moosburg gab es Dossiers über jeden Gefangenen. Diese Dossiers, eingestuft nach verschiedenen Kategorien, wanderten von Zeit zu Zeit durch die Büros der Entlassungsstelle. Immer neue Kategorien wurden enthaftet. Eine Kategorie durfte darauf warten bis in alle Ewigkeit: die »Security Threats«.

»Können Sie mir nicht helfen?« schluchzte Frau Brenner. »Mein armer Mann … der arme Herr Oberst …«

»Ich will sehen, was ich tun kann«, sagte Thomas nachdenklich.

»Mr. Smith«, sagte er am nächsten Tag zu dem tierliebenden CIC-Agenten, der so darauf erpicht war, ihn als Mitarbeiter zu gewinnen, »ich habe es mir überlegt. Sie sehen genau wie ich, was los ist in meinem Land. Diese braune Pest ist nicht ausgerottet. Sie ist noch höchst lebendig. Wir müssen alle wachsam sein, um zu verhindern, daß sie jemals wiederkommt …«

Mr. Smith holte erfreut Luft. »Heißt das, daß Sie nun doch für uns arbeiten wollen?«

»Heißt es, ja. Auf diesem einen bestimmten Sektor der Faschistenbekämpfung. Sonst nicht. Da schon. Wenn Sie wollen, fahre ich in die Camps.«

»Okay, Lieven«, sagte Mr. Smith, »that’s a deal!«

Die nächsten sechs Wochen verbrachte Thomas Lieven auf Reisen. Er besuchte die Internierungslager Regensburg, Nürnberg-Langwasser, Ludwigsburg und schließlich Moosburg.

In den ersten drei Lagern studierte er tagelang Hunderte von Dossiers, eng beschriebene Schreibmaschinenseiten, die Fotos der Verhafteten sowie den Stempel des vernehmenden Agenten trugen.

Thomas sah sich diese Bogen ganz genau an. Die Stempel waren primitiv, leicht nachzumachen. Ebenso primitiv waren die Fotos befestigt. Es wurden Schreibmaschinen aller Marken benutzt.

In den ersten drei Lagern entdeckte Thomas Lieven 34 Angehörige der Gestapo, die er in Frankreich kennen- und hassen gelernt hatte, unter ihnen den Chef des SD Marseille, den Hauptsturmführer Heinrich Rahl, und ein paar seiner Gehilfen. Hauptsturmführer Rahl war im Lager »Kulturwart« geworden und genoß alle möglichen Erleichterungen.

Überhaupt kam Thomas bald darauf, daß die größten Schufte von einst sich bereits wieder, selbst in den Lagern, ihre Pöstchen zugeschoben hatten: in der Küche, im Krankenrevier, in der Schreibstube. Viele von ihnen waren zu »Vertrauensleuten« und »Lagersprechern« avanciert. Sie terrorisierten die andern. Sie waren schon wieder obenauf.