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»Einen feinen Instinkt habt ihr«, sagte Thomas zu den Amerikanern. »Ihr fallt also auch auf blonde Haare, blaue Augen und Strammstehen herein! Von jetzt an wollen wir mal vor allem die Herren mit den Pöstchen unter die Lupe nehmen …«

Das geschah.

Als Thomas am 3. Januar 1947 nach Moosburg kam, besaß er bereits das volle Vertrauen der beiden CIC-Agenten, die ihn begleiteten. Sie führten ihn in das schwer bewachte Archiv des Lagers und ließen ihn vor Kästen mit 11 000 Vernehmungsprotokollen allein. 11 000 Mann saßen damals in Moosburg!

Thomas fand auch unter ihnen drei SD-Leute, an die er böse, ganz böse Erinnerungen hatte. Er fand natürlich auch die Protokolle über den Major Brenner und den Oberst Werthe.

Am Abend des 6. Januar verließ Thomas Lieven das Camp mit den Dossiers von Werthe und Brenner unter seinem Hemd. Er wohnte in einem kleinen Bauerngasthof. Hier arbeitete er lange in dieser Nacht.

So wie er es bei dem genialen Reynaldo Pereira in Lissabon gelernt hatte, fälschte er die Dossiers von Brenner und Werthe. Zuerst stellte er einen neuen Gummistempel her. Mit Schusterahle und Federmesser bördelte er sodann vorsichtig die Ösen auf, welche die Fotos hielten, und entfernte die Bilder von der Unterlage, indem er den Klebstoff auflöste und vorsichtig wegpinselte. Dann tippte er auf einer mitgebrachten Maschine neue Dossiers. Als der Morgen graute, prangten die Fotos seiner Freunde auf den neuen Dossiers. Wie anders sahen diese jetzt aber aus! Werthe und Brenner waren nicht länger böse SD-Leute, sondern harmlose, unbelastete Offiziere der deutschen Militärverwaltung in Frankreich. Es bestand kein Grund, sie weiter in Haft zu halten, wenn ihre Kategorie freigelassen wurde.

Am Morgen des 7. Januar brachten die beiden CIC-Agenten Thomas wieder ins Camp. Diesmal trug er die neuen Dossiers unter dem Hemd. Die alten hatte er im Kachelofen seines Gastzimmers verbrannt. Ohne Schwierigkeit gelang es ihm im Laufe des Tages, die gefälschten Bogen wieder an den richtigen Platz in den richtigen Kasten zu bringen. Seine Arbeit war damit beendet.

Noch vor Ende Januar 1947 wurden Brenner und Werthe entlassen. Seltsames Spiel des Schicksals: Zu dem Zeitpunkt, da Brenner und Werthe »raus«kamen, saß Thomas Lieven schon wieder einmal »drin« …

Und das kam so:

Nachdem sie das Lager Moosburg absolviert hatten, fuhren die CIC-Agenten mit Thomas noch zu den Lagern in Dachau, Darmstadt und Hohenasperg. Hier saß die Nazi-Diplomatie. Noch einmal gelang es Thomas, ein paar alte SD-Verbrecher zu entdecken. Die CIC-Agenten sprachen ihm ihre Anerkennung aus. Am 23. Januar kehrten sie nach München zurück. Spätabends kamen sie an. Thomas war müde. Sie brachten ihn nach Grünwald hinaus, zu seiner Villa. Als er das Gartentor aufsperrte, fuhren sie winkend fort.

Dunkel, ohne ein erleuchtetes Fenster, lag das Haus da. Bastian treibt sich wieder herum, dachte Thomas. Kein Mensch daheim. Das war ein Irrtum, den er bemerkte, als er die Halle der Villa betrat. Etwas glitt in der Dunkelheit an ihm vorbei. Plötzlich flammte Licht auf.

Ein amerikanischer Militärpolizist stand vor ihm, einer hinter ihm. Sie hielten beide schwere Pistolen in den Händen. Ein Zivilist kam aus der Bibliothek, auch er hielt eine Pistole in der Hand.

»Die Pfoten hoch, Lieven!« sagte er.

»Wer sind Sie?«

»CID«, sagte der Zivilist. Der CID, das »Criminal Investigation Department«, war die Kriminalpolizei der Armee; der CIC, das »Counter Intelligence Corps«, interessierte sich nur für politische Verbrechen und Spionage.

Der Zivilist sagte: »Sie sind verhaftet! Wir warten hier seit fünf Tagen auf Sie!«

»Wissen Sie, ich war gerade ein paar Wochen für Ihr Konkurrenzunternehmen unterwegs.«

»Schnauze! Mitkommen!«

»Moment mal«, sagte Thomas. »Ich warne Sie! Ich habe viele Freunde beim CIC! Ich habe diesen Leuten gerade einen großen Dienst erwiesen. Ich verlange sofort eine Erklärung. Warum verhaften Sie mich?«

»Kennen Sie einen gewissen Bastian Fabre?«

»Ja.«

»Und eine gewisse Christine Troll?«

»Ach, ja!« O Gott, dieses Vorgefühl, dieses ungute Vorgefühl …

»Na also. Die sitzen schon.«

»Aber warum? Verflucht, warum?«

»Herr Lieven, Sie werden beschuldigt, im Auftrag einer Werwolf-Organisation einen Mordanschlag gegen den General Lynton ausgeführt zu haben – gemeinsam mit Ihren beiden Freunden.«

»Lynton? Der amerikanische General Lynton?« Thomas bekam einen Lachanfall. »Und wie wollte ich ihn ermorden, bitte?«

»Sie wollten ihn in die Luft sprengen!«

»Aaah – aah!«

»Das Lachen wird Ihnen vergehen, Lieven. Ihnen allen. Sie stellen Kosmetika her, wie?«

»Ja.«

»Sie produzieren sogenannte ›Beauty Milk‹, nicht?«

»Ja, und?«

»Eine Packung dieses Mord-Präparates explodierte vor fünf Tagen mit ungeheurer Wucht im Schlafzimmer von General Lynton. Nur durch eine glückliche Fügung war zur Zeit der Explosion niemand in der Nähe. Es ist völlig klar: Sie haben in der Packung Sprengstoff eingeschmuggelt. Na also, jetzt halten Sie die Schnauze, wie? Legt dem Mann Handschellen an, boys …«

2. Kapitel

1

»Nichts lag mir ferner als die Absicht, den ehrenwerten General Lynton in die Luft zu sprengen«, sagte Thomas Lieven. Er sagte es zum elftenmal in drei Tagen.

Amüsiert lächelnd zuerst, später wütend und erbittert, wies Thomas alle Verdächtigungen weit von sich.

Jedoch: »Sie lügen!« sagte CID-Investigator James Purnam. Zum elftenmal in drei Tagen sagte er es. Mehr und mehr ging sein störrischer Gefangener ihm auf die Nerven.

Die Zentralheizung im Vernehmungszimmer strahlte eine trockene Hitze aus, die James Purnam den Schweiß auf die Stirn und Schmerzen in den Schädel trieb.

»Ich lüge nicht«, sprach Thomas Lieven.

»Hören Sie mal zu, Lieven !«

»Herr Lieven, bitte!«

»Hören Sie mal zu, Herr Lieven: Ich habe jetzt die Schnauze voll von Ihnen! Ich schließe dieses Verhör ab und sperre Sie ein, bis Sie schwarz werden.«

Thomas seufzte.

»Es ist schrecklich für mich, zu sehen, wie Sie schwitzen, Mr. Purnam. Aber wenn Sie Ihren Job behalten wollen, müssen Sie mir noch ein Weilchen zuhören. Denn wenn Sie mir nicht zuhören, und wenn ihr eure Räume weiter so überheizt, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge bereits eine ganze Reihe von Sprengstoff-Anschlägen.«

»Eine … ganze … Reihe …«

»Wohlan denn«, sprach Thomas wie ein geduldiger Lehrer zu einem idiotischen Schüler. »Sie haben mich verhaftet. Sie haben meinen Freund Bastian Fabre verhaftet, Sie haben meine Geschäftspartnerin Christine Troll verhaftet. Warum? Wir haben in der provisorisch aufgebauten Fabrik von Fräulein Trolls Eltern Kosmetika hergestellt. Auch eine ›Beauty Milk‹. Ein Fläschchen dieser Schönheitsmilch ist nun im Schlafzimmer von General Lynton explodiert …«

»Verdammt, ja. Ihr Werk, Lieven, und das Ihrer Werwolf-Gangster!«

»Nein, nicht mein Werk, bloß das von Schimmelpilzen und Kohlendioxyd.«

»Ich werde wahnsinnig«, stöhnte der Agent.

»Bevor Sie mir diese Freude bereiten, beantworten Sie meine dringende Anfrage: Teilt der verehrte General sein Schlafzimmer mit der verehrten Frau General?«

Purnam schluckte, stierte Thomas an und flüsterte: »Jetzt wird der wahnsinnig!«

»Nein, wird der nicht«, sagte Thomas. »Ich kombiniere lediglich: Die Frau General besaß einen Schminktisch im Schlafzimmer. Mit Spiegel und so weiter. Er stand neben dem Fenster …«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil sich unter Fenstern im allgemeinen die Körper der Zentralheizung befinden …«