Выбрать главу

Purnam blinzelte nervös. Und nervös blinzelnd lauschte er dem munter weiter dozierenden Thomas. Seine »Beauty Milk«, berichtete dieser, war nach einem alten Familienrezept der Firma Troll hergestellt worden: aus Zitrone, Magermilch und wenig Fett. Allerdings hatte man noch nicht steril arbeiten können. Auch die Fläschchen, in welche das Mittel abgefüllt worden war, ließen zu wünschen übrig. Schlechtes, altes Glas.

»Sehen Sie, Mr. Purnam, nicht ohne Grund klebt auf jedem unserer Fläschchen ein Zettel mit der Aufschrift: Kühl aufbewahren! Die verehrte Frau General Lynton hat dies offensichtlich nicht getan und die ›Beauty Milk‹ auf ihren Toilettentisch gestellt. Neben die Zentralheizung. Neben die überheizte Zentralheizung …«

»Fangen Sie nicht schon wieder an!«

»Keine Unterbrechung, bitte. Weil wir nicht steril arbeiten konnten, kamen mit der Milch Schimmelpilze in die Lösung. In der Wärme entwickelten sie Kohlendioxyd. Das ist ein Gas. Durch das Gas stieg der Innendruck im Fläschchen der sehr verehrten Frau General. Der Druck stieg und stieg und dann – wummmmm! Muß ich noch weitersprechen?«

Bleich sagte Purnam: »Schwindel und Lüge. Kein Wort glaube ich Ihnen!«

»Na, dann warten Sie es doch ab, mein Bester! Bald explodiert gewiß das nächste Fläschchen bei dem nächsten General …«

Purnam schrie: »Halten Sie den Mund!«

»Bei den deutschen Damen, die unser Mittel erwarben, wird bestimmt nichts passieren«, sagte Thomas. »Deutschen Damen bleibt nämlich in diesem dritten Nachkriegswinter gar nichts anderes übrig, als ihre Kosmetika kühl aufzubewahren.«

Das Telefon läutete. Purnam hob ab, meldete sich und lauschte eine Weile. Er wurde rot im Gesicht und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Zuletzt sagte er. »Okay, Boß, ich fahre gleich raus. Aber reden Sie nicht weiter von Werwolf und so – ich fürchte, wir blamieren uns damit.« Er hängte ein und sah Thomas mit einem schiefen Grinsen an.

»Darf ich fragen, ob schon wieder eines meiner Fläschchen hochgegangen ist?« erkundigte sich dieser.

»Im Fliegerhorst Neubiberg, ja. Vor einer Viertelstunde. In der Wohnung von Major Roger Rapp.«

2

Drei Tage später wurde Thomas Lieven dem »Provost Marshal« Münchens, einem klugen, älteren Colonel, vorgeführt. Im (überheizten) Büro des Obersten sah Thomas seine beiden Freunde wieder – den Marseiller Ex-Ganoven Bastian Fabre und die schwarzhaarige, schwarzäugige Christine Troll.

Der Colonel sprach: »Mr. Lieven, eine chemische Untersuchung verschiedener ›Beauty Milk‹-Proben aus der Fabrik Troll hat die Richtigkeit Ihrer Schimmelpilz-Theorie bestätigt. Aus diesem Grund werden Sie und Bastian Fabre sofort aus der Haft entlassen.«

»Moment mal«, sagte Thomas nervös, »und was ist mit Fräulein Troll?«

Der Colonel sprach: »Durch ihre Fingerabdrücke haben wir festgestellt, daß Christine Troll unter dem Namen Vera Fross über ein Jahr lang Mitglied der berüchtigten Kaiser-Bande in Nürnberg war. Die jugendlichen Gangster stahlen Autos, überfielen Soldaten und raubten amerikanische Villen aus. Die weiblichen Mitglieder der Bande machten sich an Offiziere heran. Diese wurden dann mit Alkohol und Schlafmitteln betäubt und ausgeplündert …«

Thomas starrte Christine Troll an, die sanfte, gut erzogene Christine, das Mädchen aus bürgerlichem Hause; dieses so sauber, so anständig, so moralisch wirkende Geschöpf; seine Geschäftspartnerin, die er als Dame geachtet und wie ein unschuldiges Mädchen behandelt hatte.

Christine Troll fuhr herum. Ihr blasses, ebenmäßiges Madonnenantlitz war verzerrt. Laut und ordinär klang nun ihre Stimme: »Guck nicht so vertrottelt, Mensch! Was glaubst du denn, warum ich mich an dich rangemacht habe?«

»Rangemacht …«, wiederholte Thomas schwach, während er dachte: Werde ich alt? Bin ich bereits halbstarken Gören nicht mehr gewachsen?

»Na klar, Mensch! Rangemacht! Als die Chose in Nürnberg aufflog, mußte ich untertauchen! Nahm mir wieder meinen alten Namen! Ließ mich bei den Amis anstellen und wartete auf einen Narren wie dich, der mir das Geld gab für die Fabrik!«

»Christine«, sagte Thomas, »was habe ich Ihnen getan? Warum reden Sie so mit mir?«

Das junge Mädchen sah plötzlich alt aus, verlebt, verbraucht und zynisch: »Ich habe die Schnauze voll von euch allen! Allen Männern! Amis und Deutschen! Schweine seid ihr, gemeine Schweine – alle!« Ihre Stimme überschlug sich.

»Shut up«, sagte der Colonel grob. Christine Troll verstummte. Der Colonel sagte zu Thomas: »Die Fabrik, alle Einkünfte und die gesamte Produktion sind natürlich beschlagnahmt.«

»Aber hören Sie, das ist nicht ihr Besitz allein! Mit meinem Geld wurde die Fabrik wieder in Gang gebracht!«

»I am sorry, Mr. Lieven, die Fabrik ist im Handelsregister allein auf den Namen von Christine Troll eingetragen. Ich fürchte, da haben Sie einen Fehler gemacht.«

Thomas dachte: Da hast du also wieder einmal deine Strafe vom Schicksal dafür, daß du versucht hast, anständig zu sein und ehrlich zu arbeiten. Dein Geld ist futsch! Hättest du ein krummes Ding gedreht, wärst du sicherlich reich geworden damit, wärst ausgezeichnet worden, belobt, geliebt – aber nein, du Idiot, du mußtest es auf die ehrliche Tour versuchen. Du hast noch immer nichts gelernt aus deinem Leben.

Am Abend dieses Tages saß er mit Bastian in der Halle seiner Villa vor dem Kamin, in dem ein Feuer flackerte. Sie tranken beide »Pastis« – den Schnaps, mit welchem sie in Frankreich jenes Geld verdient hatten, von dem nun wieder so viel verloren war.

»Ich habe dich gleich gewarnt«, sagte Bastian. »Nun sind wir ziemlich pleite. Was machen wir jetzt? Die Villa verkaufen?«

»Mitnichten«, sagte Thomas und streckte sich. »Jetzt werden wir Uran suchen gehen.«

»Was werden wir?«

»Du hast richtig gehört, mein Alter. Ich saß bei den Amis mit einem interessanten Menschen in einer Zelle. Walter Lippert heißt er. Der hat mir eine Geschichte erzählt. Eine phantastische Geschichte …«

3

Verbittert, blaß und abgemagert war Walter Lippert, als er in seiner Zelle Thomas Lievens Lebensweg kreuzte. Ein Mensch von hoher Intelligenz. Ein Mensch von untadeligem Charakter. Schriftsteller von Beruf. Antifaschist aus Überzeugung. Jahre hatte er im Konzentrationslager Dachau zugebracht. Hatte gehungert. Gefroren. Sich foltern lassen. War beinahe verreckt. Befreit worden im Jahre 1945 von Amerikanern. Und nun wieder eingesperrt worden von Amerikanern.

»Wegen der ›Schwarzen Lucie‹«, sagte Walter Lippert zu Thomas Lieven.

»Wer ist die ›Schwarze Lucie‹?«

»Die größte Schleichhändlerin und Schwarzmarktkönigin Süddeutschlands«, antwortete Walter Lippert. Und berichtete: Vor seiner Verhaftung durch den CID hatte er in einer Stadt im Süden Deutschlands gelebt. In derselben Stadt lebte die »Schwarze Lucie«, eine schöne, leidenschaftliche Frau, der die amerikanischen Offiziere in Scharen nachliefen.

»Wie heißt diese Frau wirklich?« fragte Thomas den gefangenen Schriftsteller.

»Lucie Maria Wallner. Sie ist geschieden. Mit ihrem Mädchennamen heißt sie Felt.«

Diese Dame besaß ein Lokal mit Namen »Goldener Hahn«. Das Etablissement hatte ein großdeutscher Gauleiter für sie im Krieg erworben und eingerichtet. Die »Schwarze Lucie« war seine ebenso wilde wie untreue Freundin gewesen. Der Gauleiter hatte noch vor Kriegsende das Zeitliche gesegnet. Und die »Schwarze Lucie« war nach Kriegsende die ebenso wilde wie untreue Geliebte eines gewissen Captain William Wallace geworden.

»Wer ist Captain Wallace?« fragte Thomas Lieven seinen Zellengenossen.

Captain Wallace, berichtete Lippert, war Kommandant eines Internierungslagers am Rande der kleinen Stadt. Hier saßen viele Nazi-Bonzen, die man an der österreichischen Grenze aus den letzten sogenannten »Absetz-Zügen« herausgeholt hatte.