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Diese »Absetz-Züge«, die Ende April 1945 gen Süden rollten, waren überfüllt gewesen mit Spitzenfunktionären der Obersten SA- und SS-Führung, mit Diplomaten und Ministerialdirigenten. Gold und Juwelen führten diese Herren mit sich, Pläne von noch geheimen, nicht eingesetzten Waffen, riesige Mengen von Morphium, Kokain und anderen Rauschgiften aus Wehrmachtsbeständen und Uranwürfel aus dem »Kaiser-Wilhelm-Institut« in Berlin. Knapp vor der Grenze bekamen die Bonzen es mit der Angst zu tun, wenigstens, was das Uran betraf. Sie warfen die kostbaren Würfel aus den Zugfenstern. Nun berichtete Schriftsteller Lippert Thomas Lieven: »… an der Grenze wurden sie von Amerikanern verhaftet und in das Lager des Captain Wallace gesteckt. Da sitzen sie heute noch zum Teil. Das Gold, das Rauschgift und die Juwelen sind verschwunden. Ich behaupte, daß Captain Wallace sich alles unter den Nagel gerissen hat.«

»Und die Uranwürfel?« fragte Thomas.

»Sind nie wieder aufgetaucht. Ebensowenig die Pläne für die Wunderwaffen. Vielleicht liegen sie immer noch in irgendeiner Waldschneise unter dem Schnee. Vielleicht hat ein Bauer sie gefunden, was weiß ich …«

»Und was haben Sie mit der ›Schwarzen Lucie‹ erlebt?« fragte Thomas den mageren, hoffnungslosen Schriftsteller.

Bitter sagte Lippert: »Als ich aus dem KZ heimkam, stellten die Amis mich an in ihrer Special Operation Branch.« Der Schriftsteller lachte. »Weil ich ein so feiner Anti-Nazi war! Ein Mann mit einer völlig weißen Weste! Darum war es meine Aufgabe, die Bewohner unserer Stadt zu ›screenen‹, zu durchleuchten. Vor etwa einem Jahr kam auch die ›Schwarze Lucie‹ zu mir. Mit Captain Wallace …«

Groß und üppig, schön und hochmütig kam die »Schwarze Lucie« in Walter Lipperts Büro. Blond und schlank, mit blauen Augen und schmalen Lippen ging Captain Wallace an ihrer Seite.

Die »Schwarze Lucie« setzte sich auf Walter Lipperts Schreibtisch, warf drei Stangen Chesterfield-Zigaretten vor ihn hin, kreuzte die Beine und sagte: »Herr Lippert, oder wie Sie heißen, wie lange soll ich eigentlich noch auf meinen Screening-Schein warten?«

»Sie werden keinen Screening-Schein bekommen«, sagte Lippert. »Und nehmen Sie sofort die Zigaretten weg! Stehen Sie von meinem Schreibtisch auf. Setzen Sie sich in einen Sessel.«

Captain Wallace lief rot an. Er sprach beinahe fließend deutsch: »Hören Sie, Lippert, diese Dame ist meine Verlobte! Wir wollen heiraten! Ich erwarte von Ihnen, daß Sie schnellstens den Schein ausstellen. Verstanden?«

Bleich sagte Lippert: »Ich werde den Schein nicht ausstellen, Captain Wallace!«

»Und warum nicht?«

»Weil diese Dame außerordentlich schwer belastet ist. Sie war jahrelang die Geliebte eines Gauleiters. Sie hat Leute denunziert und ins KZ gebracht, sie hat sich bereichert. Es ist bekannt, daß sie den Screening-Schein nur deshalb braucht, weil sie das ›Bristol‹ übernehmen will …«

Das »Bristol« war ein Hotel, dessen Besitzer, ein belasteter Nazi, das Weite gesucht hatte.

»Na und wenn?« schrie Captain Wallace plötzlich los. »Was geht das Sie an? Bekommen wir den Schein – ja oder nein?«

»Nein«, sagte Walter Lippert still.

»Das wird Ihnen noch leid tun«, schrie der Captain. Er polterte aus dem Büro. Hüftenwackelnd und gummikauend folgte ihm die »Schwarze Lucie«.

Außer sich vor Wut rief Lippert sofort seinen Landrat Dr. Werner an, der jeden Screening-Schein mit unterschreiben mußte. Dem Landrat berichtete Lippert von seinem Erlebnis. Dr. Werner tobte: »Das ist ja allerhand! Dieses alte Nazi-Miststück! Haben Sie keine Angst, Lippert, ich stehe hinter Ihnen! Wir geben nicht nach! Das wäre ja noch schöner!«

Nein, sie gaben nicht nach, der Landrat Dr. Werner und der KZler Walter Lippert! Aber Captain Wallace gab ebenfalls nicht nach.

»… er erreichte, daß ich verhaftet wurde«, berichtete Walter Lippert im Januar 1947 seinem Zellengenossen Thomas Lieven. »Ich sitze hier seit 82 Tagen. Ich wurde noch nicht ein einziges Mal verhört. Meine Frau ist schon halb wahnsinnig vor Sorge und Angst. Sie hat einen Brief an Präsident Truman geschrieben. Aber nichts geschieht. Oder doch, ja, etwas ist geschehen: Die ›Schwarze Lucie‹ hat ihren Screening-Schein bekommen.«

»Von wem?«

Lippert zuckte müde die Schultern. »Von irgend jemandem. Sie hat so viele Freunde. Sie ist jetzt also auch die Pächterin vom ›Bristol‹. Jetzt werden dort die größten Schiebungen abgewickelt. Tja, Herr Lieven, so sieht das aus. Dafür habe ich mich im KZ halb lahmschlagen lassen. Es lebe die Demokratie! «

Solcherlei hörte Thomas am 26. Januar 1947 in einer Gefängniszelle. Und nun, am 29. Januar, sagte er vor dem flackernden Kaminfeuer in seiner Villa am Stadtrand von München zu seinem Freund Bastian: »So, jetzt weißt du alles. Ich habe für eine Weile die Schnauze voll von guten Werken und der anständigen Tour.«

»Gott sei Dank, endlich!«

»Wir fahren gen Süden. Zu Lucie, der Schwarzen. Wir suchen das Uran. Wir suchen die verschwundenen Pläne. Und um diesen armen Kerl, um diesen Walter Lippert, werde ich mich bei der Gelegenheit auch noch kümmern.«

4

»Das ist er«, sagte die verweinte, verhärmte Elsa Lippert. Neben Thomas Lieven stand sie am Fenster ihres Wohnzimmers und wies auf die Hauptstraße der kleinen Stadt hinunter. »Da geht er, dieser Schuft! Mit ihr … mit der ›Schwarzen Lucie‹!«

Thomas Lieven betrachtete das Paar interessiert: den blonden, schlanken Offizier, die Frau in dem kostbaren Bibermantel. Thomas zuckte zusammen. Captain Wallace trug einen Schmiß auf der linken Wange! Das war keine Operationsnarbe, nein, diese Narbe hatte eine Mensur zurückgelassen. Komisch. Seit wann schlugen sich die Amerikaner auf Mensuren?

Thomas betrachtete die Frau neben dem seltsamen Captain. Wie ein Raubtier sah sie aus, ein kraftvolles, stets zum Angriff bereites Raubtier.

»Die Dame hat also jetzt das ›Bristol‹?«

»Ja, Herr Scheuner«, sagte Frau Lippert.

Als Peter Scheuner hatte Thomas sich ihr vorgestellt. Auf den Namen Peter Scheuner besaß er ausgezeichnete falsche Papiere, die er selbst produziert hatte. Auch Bastian führte nun einen neuen Namen: Jean Lequoc …

Thomas sagte: »Frau Lippert, ich will versuchen, Ihrem Mann zu helfen. Aber dazu muß ich alles wissen. Sie sagen, das ›Bristol‹ gehörte einem Nazi, der geflohen ist?«

»Ja.«

»Dann ist das Hotel aber doch unter die Aufsicht des ›Property Control Office‹ geraten! Wie heißt der Leiter des ›Property Control Office‹?«

»Das ist ein gewisser Captain Hornblow.«

»Befreundet mit Captain Wallace?«

»Ja, sehr.«

»Aha«, sagte Thomas Lieven.

Die kleine Stadt war überfüllt mit Soldaten, Flüchtlingen und »Displaced Persons«. Es gab zuwenig Wohnraum; Gasthöfe und Hotels waren bis auf den letzten Platz besetzt.

Thomas und Bastian fanden zwei ruhige Zimmer bei einem Bauern in einem Dorf vor der Stadt. Hier mieteten sie sich unter ihren falschen Namen am Abend des 20. Februar 1947 ein, und hier blieben sie dann drei Monate. Das war eine lange Zeit, und die beiden waren alles andere als müßig.

Zuerst suchten sie ein paar Tage und ein paar Nächte lang das »Bristol« auf. Hier herrschte Hochbetrieb, wann man auch kam. Es wurde getanzt und getrunken, geflirtet und geschoben, geflüstert, gehandelt, telefoniert. Leichte Mädchen in Scharen fand man im »Bristol«, Soldaten, die ihre Löhnung loswurden, zwielichtige Polen, unheimliche Tschechen, ein paar ungarische Aristokraten, ein paar Wlassow-Russen und natürlich auch Deutsche.

Und immer, Tag und Nacht, konnte man die »Schwarze Lucie« sehen, geschminkt, dekolletiert und doch immer aufs Geschäft achtend. Und fast immer am Abend tauchte Captain Wallace auf – schmal, schlank, groß und blond. Mit einem Schmiß auf der linken Wange …