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Nachdem Thomas und Bastian die Zustände in der kleinen Stadt eine Woche lang beobachtet hatten, hielten sie in einem eingeschneiten Landgasthof Kriegsrat ab. Thomas sagte: »Hier gibt’s Fräulein, hier gibt’s Soldaten, hier gibt’s DPs, mein Alter. Aber vor allem gibt’s hier eines: Nazis! Hergeflüchtete und bodenständige, das weiß ich jetzt. Die Amis scheinen es nicht zu wissen. Aber wir zwei, du und ich, wir dürfen es niemals vergessen! Unser Ziel lautet: Uran und die Konstruktionspläne.«

»Wenn das Zeug noch hier ist!«

»Aller Wahrscheinlichkeit ist es noch hier. Und ich glaube, ich habe eine erstklassige Methode, um das festzustellen.«

»Na, schieß mal los«, sagte Bastian.

Thomas schoß los. Sein Plan war ebenso einfach wie genial. Am 28. Februar entwickelte Thomas ihn zum erstenmal. Am 19. April befanden sich in seinem Besitz:

28 Würfel aus Uran 238, jeweils 5 Zentimeter Kantenlänge, 2,2 Kilo schwer, ohne Ausnahme gekennzeichnet mit dem Prägestempel des »Kaiser-Wilhelm-Instituts« in Berlin; ein Exemplar des geheimen Zielgeräts MKO und genaue Konstruktionspläne dieses geheimen Zielgeräts aus dem Dritten Reich, das nur in wenigen Mustern hergestellt und nicht mehr eingesetzt worden war. Es handelte sich um eine Konstruktion für Jagdflugzeuge, die es ermöglichte, den Gegner präzis in dem Moment zu treffen, da er im Fadenkreuz auftauchte, ohne daß der Schütze die übliche Vorhalteberechnung anzustellen brauchte … Wie hat Thomas Lieven das geschafft?

Wie hat dieser angebliche Peter Scheuner das geschafft, fragten sich Mitte April 1947 mit Recht französische, amerikanische, englische und andere Agenten, die sich in dieser Zeit im Süden Deutschlands in Rudeln tummelten und, gleich Thomas Lieven, alias Peter Scheuner, versucht hatten, die verschwundenen Zielgeräte und deren Konstruktionspläne aufzustöbern.

Wir haben auf den letzten Zeilen viele Wochen hurtig übersprungen. Eigentlich schreiben wir noch den 28. Februar. Und darum wollen wir den Trick Thomas Lievens noch eine ganz kleine Weile für uns behalten und in kurzen Worten berichten, was sich in diesen drei Monaten rund um die geheimnisvolle »Schwarze Lucie« ereignete. Und rund um Thomas Lieven.

5

In den drei Monaten, zwischen Winter- und Frühlingsanfang, nahmen die Rauschgiftoperationen der »Schwarzen Lucie« und ihres amerikanischen Geliebten ungeheuerliche Ausmaße an. Sie zierten sich, spielten Aufkäufer gegen Aufkäufer aus und trieben die Preise in die Höhe. Wußte die »Schwarze Lucie«, daß sie mit ihrem Leben spielte?

Schriftsteller Lippert saß weiter im Gefängnis in München. Sosehr Thomas sich bemühte, ihm zu helfen: er fand vorerst keine Möglichkeit dazu. Ein Ring des Schweigens, eine Verschwörung umgab den unglücklichen Lippert, der es gewagt hatte, sich der »Schwarzen Lucie« zu widersetzen.

»Geduld«, sagte Thomas zu der armen, wehr- und hilflosen Elsa Lippert. »Haben Sie Geduld. Hier geschieht Unrecht. Das Unrecht währt niemals ewig. Manchmal währt es lange – aber ewig nie. Es kommt der Tag, da werden wir Ihrem armen Mann helfen können.«

Sosehr jeder Versuch fehlschlug, den Schriftsteller Lippert zu rehabilitieren, so zufriedenstellend entwickelten sich Thomas Lievens private Aktionen. Am 19. April besaß er, wie gesagt, Uranwürfel, ein Exemplar des Zielgerätes MKO und dessen Konstruktionspläne.

Bald sprach es sich bei den Agenten der verschiedenen Nationen herum, daß er solcherlei Schätze sein eigen nannte. Sie kamen mit Kaufangeboten zu ihm – zuerst für die Uranwürfel. Hier fiel Thomas Lievens Wahl auf einen argentinischen Geschäftsmann und persönlichen Vertrauten von Juan Domingo Perón, der ein Jahr zuvor Staatspräsident seines Landes geworden war.

Zu seinem Freund Bastian sagte Thomas: »Das ist unser Mann, mein Alter. Raus aus Europa mit dem Zeug! Weit weg! Dorthin, wo man keine Bomben damit baut!«

Der Argentinier bezahlte in amerikanischen Dollars – 3200 Dollar für jeden Würfel, also 89 600 Dollar insgesamt. Das Uran wurde, als Diplomatengepäck deklariert, nach Argentinien geflogen.

Der geneigte Leser erinnert sich vielleicht noch an den Skandal um das erste argentinische Atomkraftwerk, der im Jahre 1954 die Schlagzeilen der internationalen Presse füllte. Damals wurde bekannt, daß ein angeblicher Atomforscher deutscher Herkunft, ein »Professor« Ronald Richter, seit dem Jahre 1948 für Perón Atomexperimente auf der Insel Huemul durchgeführt hatte mit dem Ziel, Argentinien zur Atommacht aufsteigen zu lassen. 300 Millionen Mark hatte Perón dem seltsamen Professor zur Verfügung gestellt. Jedoch infolge technischer Unzulänglichkeiten funktionierte das Millionenprojekt nicht. Die Stäbe im Inneren des Atommeilers waren unter anderem aus Uranwürfeln hergestellt worden, die allesamt den Prägestempel des »Kaiser-Wilhelm-Instituts« in Berlin getragen hatten …

Es begann das Werben der Agenten um Thomas Lievens Zielgerät MKO. Guter Pazifist, der er war, hatte er die Pläne natürlich ein wenig verändert – so weit, daß selbst geniale Techniker sich vergeblich die Köpfe über den Konstruktionspausen zerbrochen hätten. Guter Kaufmann, der er war, hatte er die Pläne natürlich auch vervielfältigt, denn es schwebte ihm vor, sie nicht nur an einen, sondern an mehrere Interessenten zu verkaufen.

Er war gerade im schönsten Feilschen, als Herr Gregor Marek auftauchte. Herr Marek stammte aus Böhmen. Thomas hatte ihn oft im »Bristol« gesehen. Herrn Marek schien es glänzend zu gehen. Er war immer elegant gekleidet, klein, untersetzt und hatte die breiten Backenknochen und die schrägen Augen der slawischen Rasse. Er sprach mit dem entsprechenden Akzent: »Sagen S’ mir bittschön, meine Herren, könnt’ ich mich a bissel mit Ihnen unterhalten? Hörr’ ich, Sie ham was zu verkaufen …«

Thomas und Bastian konnten ihn zunächst nicht verstehen.

Herr Marek wurde deutlicher: »Hab’ ich Leut’ driben in Tschechoslowakei, gute Freinde, zahlen prima. Also zeigen S’ mir schon amol das Zeug und die Pläne.« Nach einigem Hin und Her zeigten Thomas und Bastian Herrn Marek amol das Zeug und die Pläne. Dem Tschechen traten die Augen aus dem Kopf. »Nicht zum Fassen! Ein Jahr bin ich hinter dem Zeug hergewesen. Nix gefunden. Sagen S’ mir bittschön, wie ham S’ das geschafft?«

Thomas antwortete: »Das war ganz einfach, lieber Herr Marek. Ich kalkulierte die politische Einstellung der Bevölkerung mit ein. Es gibt so viele Nazis hier. Mein Freund und ich zogen ein paar Wochen lang herum. Von Nazi zu Nazi. Wir ließen durchblicken, daß wir einer Werwolf-Organisation angehörten …«

»Jeschuschmariaundjosef, san S’ narrisch wordn?«

»Mitnichten, mein Lieber. Sie sehen, wie gut es funktionierte. Als Nazis zu Nazis sprachen wir mit Ansässigen oder auch mit Zugereisten. Wo war das Uran? Wo waren die Pläne der Wunderwaffen? Unsere Organisation brauchte Geld. Wir mußten das Uran und die Pläne verkaufen. Das sahen die Herren sogleich ein. Einer wies uns an den anderen … Voilà, Monsieur!«

»Ach du liebe Zeit, und zahln ham Sie nix missen dafir?«

»Nicht einen Tupf. Es waren lauter Idealisten. Also, was bieten Ihre Freunde im Osten?«

»Muß ich rieberfahrn, bissel rumhören.« Der Agent verschwand für drei Tage, dann sah Thomas ihn wieder. Marek war bester Laune: »Soll ich Ihnen schöne Grieße ausrichten. Kommen S’ doch heute zu mir zum Essen. Hörr’ ich, Sie kochen gern. Ich hab’ alles zu Haus. Reden wir in Ruhe iebers Geschäft.«

Bastian und Thomas erschienen gegen elf Uhr vormittags am 6. Mai 1947 in der Wohnung des Volksdemokraten, die luxuriös eingerichtet war. Thomas wunderte sich: »Sind Ihre tschechischen Freunde so großzügig?«

Marek grinste: »Ich bitt’ Sie, das is doch nicht mein Hauptgeschäft! Kommen S’ amol mit.« Marek führte seine Besucher in einen großen Raum neben der Küche. Hier lagen, meterhoch gestapelt, Hunderte von Bildbänden aus dem »Tausendjährigen Reich«. »Der Führer und die Kinder«, »Der Reichsparteitag in Nürnberg«, »Die Straßen des Führers«, »Der Sieg im Westen«, »Der Sieg im Osten«, so und anders lauteten die Titel.