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Menu • München, 6. Mai 1947

Nach diesem Essen platzte beinahe die Militärregierung von Bayern.

Aal in Salbei

Kalbscroquettes

Haselnußpudding

Aal in Salbei: Man schneide einen gut gereinigten Aal in Stücke, mariniere diese mindestens eine Stunde mit Zitronensaft, Pfeffer, Salz und feingehackten Kräutern, darunter etwas Salbei. – Man wickle dann jedes Stück in frische Salbeiblätter, brate sie zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten in brauner Butter, serviere sie mit Zitronenscheiben garniert und mit Bratbutter übergossen. – Man reiche dazu neue, mit gehackter Petersilie bestreute Kartoffeln und Gurkensalat.

Kalbscroquettes: Man nehme sehnenfreies Kalbfleisch, drehe es mit eingeweichtem, ausgedrücktem Weißbrot ohne Rinde, in Butter hell vorgedünsteten Schalotten und Petersilie durch den feinsten Wolf. – Man gebe zu der Masse verquirlte Eier, würze sie mit Pfeffer, Salz, ganz wenig Sardellenpaste und Worcestersauce und schlage sie tüchtig. Man forme dann flache Medaillons, wälze sie in Semmelbröseln und brate sie in heißer Butter goldbraun. – Man richte sie auf Scheiben von hellgelb geröstetem Kastenweißbrot an und serviere mit Tomatenketchup.

Haselnußpudding: Man nehme vier Eigelb, rühre sie mit 75 Gramm Zucker, Saft und Schale einer halben Zitrone schaumig, menge 145 Gramm gemahlene Haselnüsse und zuletzt den steifen Schnee der vier Eiweiß darunter. – Man fülle die Masse in eine wie üblich vorbereitete Puddingform und koche sie eine Stunde im Wasserbad. – Man reiche zu dem Pudding Fruchtsaft oder heiße Weinschaumsauce.

Thomas hob einen Band auf und blätterte. Ganzseitige Fotos zeigten Paraden, Bonzen, Generäle und immer wieder ihn, den »Führer«.

»Is nur a klaner Teil hier herobn, ich hab’ den ganzen Keller voll. Dazu SS-Dolche, Orden, Totenkopfringe – was Sie wolln! Machen sich keine Vorstellung, wie das weggeht. Also, reinweg narrisch sind die Amis mit dem Dreck! Nehmen’s nach Hause mit, als Souvenirs!«

Sie gingen in die Küche, woselbst sich der Lohn der verkauften Souvenirs in Form von Konservendosen, Fleisch und Whiskyflaschen präsentierte. »Ich hab’ gekauft an schönen Aal, Herr Scheuner. Können S’ mir machen Aal in Salbeiblättern? Is sich Lieblingsspeise von mir.«

»An die Arbeit«, sagte Thomas. Er begann den Aal zu putzen und schnitt ihn in Stücke. Dabei berichtete Marek: »Was meine Auftraggeber sind, die mechten gern mit einem von Ihnen persönlich redn. Is sich alles arrangiert. Wenn S’ rüber wolln, kommt a Grenzer. Natierlich nehmen S’ Pläne nicht mit. Und ich bleib’ hier. Bei dem von Ihnen, wo dableibt.«

Thomas und Bastian gingen in den Garten und hielten eine kurze Beratung ab. Bastian meinte: »Ich fahre. Du läßt Marek nicht aus den Augen. Wenn was passiert, übergibst du ihn den Amerikanern. Hoffentlich sprechen die da drüben Französisch!«

Darüber befragt, äußerte Marek: »Wie die Pupperln. Fließend, meine Herren, fließend!«

Thomas untersuchte den Aal. »Er muß noch eine Stunde marinieren«, sagte er. »Wenn Sie erlauben, sehe ich mich inzwischen in Ihrer Bibliothek ein bißchen um.«

»Aber bittschön, mit Vergniegen, bedienen S’ Ihnen«, meinte Marek.

Thomas bediente sich. Bildband um Bildband führte er sich zu Gemüte, sah und staunte: »Junge, Junge, was ist bei uns nicht alles dabeigewesen …«

Fünfzehn Bücher durchblätterte er, zwanzig. Das einundzwanzigste hieß »Der Führer und seine Getreuen«. Thomas schlug die Seiten um. Holte plötzlich rasselnd Atem. Und schrie nach Bastian. Der kam erschrocken.

»Schau dir das an …« Thomas wies auf ein großes Foto, das zwei Männer in SA-Uniform zeigte. Der eine war fett und aufgeschwemmt. Der andere war blond, schlank, groß und hochmütig. Er trug einen Schmiß auf der linken Wange. Darunter stand:

STABSCHEF DER SA ERNST RÖHM

UND SEIN STURMFÜHRER FRITZ EDER

Thomas schlug das Impressumblatt des Buches auf. »Gedruckt 1933«, sagte er. »Da war Herr Röhm noch am Leben. Er wurde erst 1934 umgelegt. Vielleicht ist es Herrn Eder gelungen, nach Amerika zu fliehen. Es dürfte nicht allzu schwer sein, festzustellen, ob SA-Sturmführer Eder und Captain Wallace ein und derselbe Mensch sind!«

6

Nein, allzu schwierig war es nicht!

Eine Woche brauchte der CIC dazu. Danach stand fest: Captain Wallace war in der Tat identisch mit dem ehemaligen SA-Sturmführer Eder. Er war in der Tat nach dem Röhm-Putsch in die Staaten geflohen und hatte seinen Namen gewechselt.

Wallace, alias Eder, wurde verhaftet, desgleichen der Property Control Officer Captain Hornblow. Sie wurden später zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt.

Verlassen wir für einen Moment unseren Freund Lieven und berichten in Stichworten über das Ende der größten Schwarzmarktzentrale Europas:

Am 20. Mai 1947 wurde der Schriftsteller Walter Lippert aus der Haft entlassen. Am 29. Mai flog Seine Ehren Richter Earl Rives aus dem Staate North Carolina nach Deutschland, um im Auftrag des Armeestaatssekretärs Kenneth Royall die Untersuchung der gewaltigen Schiebungen zu übernehmen. Am 5. Juni wurden 14 amerikanische Soldaten und 25 deutsche Staatsbürger, darunter die »Schwarze Lucie«, in Haft genommen und verhört. Die »Schwarze Lucie« wurde am 2. Juli wieder in Freiheit gesetzt, durfte jedoch ihren Heimatort nicht verlassen. Das tat sie auch nicht; sie führte ihre Geschäfte weiter. Allerdings scheint sie dabei ihre Geschäftstüchtigkeit übertrieben zu haben, denn am 23. Dezember wurde sie mit durchschnittener Kehle in ihrem Schlafzimmer gefunden. Nichts von ihrem Besitz fehlte. Der Mörder wurde nie entdeckt.

Am 12. Januar 1948 schrieb die amerikanische Soldatenzeitung »Stars and Stripes« unter der Überschrift

HUGE DOPE RING PROBED IN BAVARIA

By Tom Agoston

FRANKFURT, Jan. 12 (INS) – Postwar Germany’s biggest black market scandal, involving a gang of international narcotic peddlers … threatened to blow up in the lap of U.S. Military Government today …

Zu deutsch:

RIESIGER RAUSCHGIFTRING IN BAYERN WIRD UNTERSUCHT

Bericht von Tom Agoston

FRANKFURT, 12. Jan. (INS) – Der größte Schwarzmarktskandal Nachkriegsdeutschlands, in welchen eine internationale Bande von Rauschgifthändlern verwickelt ist … drohte heute direkt im Schoß der amerikanischen Militärregierung zu explodieren.

Der Fall kam ans Licht durch das Verbrechen an einer Deutschen namens Lucie W., die vor knapp drei Wochen brutal ermordet wurde. Wie es heißt, werden schwerste Anklagen gegen zwei Offiziere der amerikanischen Militärregierung in Bayern erhoben. Der Skandal droht die deutsch-amerikanischen Beziehungen zu gefährden. Es geht um Werte von 3 bis 4 Millionen Dollar …

Na ja, das wäre dies!

Nun kehren wir in das Jahr 1947 zurück.

Am 9. Mai verließ Bastian Fabre seinen Freund Thomas Lieven in Richtung Tschechoslowakei. Er wollte bis zum 15. Mai zurück sein. Er kam nicht zurück, nicht am 15. Mai und nicht in den Tagen danach.

Unruhiger als Thomas wurde Herr Marek: »Da is sich was passiert … hat’s noch nie gegeben … sind korrekte Leut’, meine Auftraggeber …«

»Marek, wenn meinem Freund etwas zustößt, dann gnade Ihnen Gott!«

Am 22. Mai bekam Marek den Besuch eines Landsmannes, der einen Brief überbrachte und sich danach in größter Eile verabschiedete. Bleicher und bleicher wurde Herr Marek bei der Lektüre des Schreibens.

Unverwandt sah Thomas ihm dabei zu. »Was ist los?« fragte er ungeduldig.