Weiter dachte er nicht, denn da traf ihn die Faust des Riesen im Bauch. Das war Thomas zuviel. Er tauchte unter dem russischen Tarzan durch und riß ihm die Beine unter dem Leib weg. Zum zweitenmal an einem Tag Jiu-Jitsu. Diesmal der »Segler-Trick«. Da der Othello aus Rußland vor der Barriere der Garderobe gestanden hatte, fiel er jetzt über dieselbe und verschwand hinter ihr. Aus den Augenwinkeln sah Thomas, wie ein sowjetischer Unteroffizier die Pistole zog.
Mut ist eine Frage der Intelligenz. Man muß wissen, wann man genug hat. Thomas duckte sich und raste zum Ausgang und auf die Straße hinaus. Rotarmisten waren zum Glück keine zu sehen. Die Deutschen kümmerten sich nicht um Thomas. Wenn ein Deutscher rannte, hatte er von vornherein ihre Sympathie.
Thomas rannte bis zum Schwanenteich. In dem schönen alten Park fiel er keuchend auf eine Bank. Erholte sich nach einer Weile. Und schlich dann vorsichtig in sein Hotel.
Anderntags, Punkt neun Uhr, ließ der Dolmetscher einen rasierten, eleganten, zuversichtlichen Thomas Lieven in das Büro des Stadtkommandanten von Zwickau treten. Danach allerdings rührte unseren Freund fast der Schlag. Denn der Stadtkommandant von Zwickau, der sich hinter seinem Schreibtisch erhob, war niemand anderer als jener eifersüchtige Sowjettarzan, den Thomas am Nachmittag zuvor mit dem »Segler-Trick« hinter die Garderobenbarriere des Palast-Cafés befördert hatte …
Heute trug der Riese Uniform. Auf seiner Brust gab es viele Orden zu bewundern. Er musterte Thomas schweigend.
Indessen überlegte jener: Büro im dritten Stock. Durchs Fenster ab? Hat keinen Zweck. Ade, Europa. Es gibt ja Leute, die behaupten, Sibirien wäre sehr reizvoll …
Da sprach Oberst Wassili L. Melanin endlich in guttural akzentuiertem Deutsch: »Gospodin Scheuner, ich bitte, Benehmen von gestern zu verzeihen.« Thomas konnte ihn nur anstarren.
»Es tut mir leid. Dunja sein schuld daran.« Melanin brüllte plötzlich wie von Sinnen: »Diese verfluchte Teufelin!«
»Herr Oberst sprechen von der verehrten Frau Gemahlin?«
Durch die Zähne stieß Melanin hervor: »Diese Chündin! Könnte ich sein Brigadegeneral. Zweimal sie mich chaben degradiert … ihretwegen … weil ich mich chabe geprügelt.«
»Herr Oberst, Sie müssen sich fassen«, sagte Thomas beruhigend. Melanin schlug auf den Tisch. »Dabei liebe ich Täubchen Dunja. Aber Schluß jetzt damit, zum Geschäft. Nun, vorcher wir müssen etwas trinken, Cher Scheuner …«
Also tranken sie ein Fläschchen Wodka miteinander, und nach einer Stunde war Thomas Lieven volltrunken und Oberst Melanin stocknüchtern, und sie redeten beide fließend und geistreich über das Geschäftliche, aber sie kamen keinen Schritt weiter.
Oberst Melanin vertrat den Standpunkt: »Sie wollten verkaufen den Tschechen das Zielgerät MKO. Chaben Sie geschickt Ihren Freund hierher. Sie können mit ihm in den Westen, wenn Sie übergeben uns die Pläne.«
»Verkaufen«, korrigierte Thomas mit Betonung.
»Übergeben. Wir bezahlen nicht«, sagte der Oberst. Und dann mit hintergründigem Grinsen: »Sie sind doch sonst nicht auf den Kopf gefallen – Thomas Lieven!«
Manchmal fühlen Knie sich an wie Kirschgelee, dachte Thomas. Er murmelte schwach. »Was sagten Sie eben, Herr Oberst?«
»Sagte ich Lieven, Thomas Lieven – so cheißen Sie doch! Brüderchen, glauben Sie, wir sind Idioten? Glauben Sie, unser Geheimdienst chat nicht gechabt Einsicht in alliierte Akten? Unsere Leute in Moskau, die chaben sich totgelacht über Ihre Aktionen.«
Thomas fing sich. Er sagte: »Wenn Sie … wenn Sie schon wissen, wer ich bin – warum lassen Sie mich dann überhaupt noch laufen?«
»Was sollten wir mit Ihnen anfangen, Brüderchen? Sie sind doch – nicht böse sein – lächerlich schlechter Agent!«
»Vielen Dank.«
»Wir brauchen erstklassige Agenten, nicht komische Figuren wie Sie.«
»Sehr aufmerksam.«
»Chöre ich, Sie kochen gerne. Na, und ich esse gerne! Kommen Sie zu uns. Dunjascha wird sich freuen. Ich machen die Blini. Kaviar chabe ich genug. Und dann wir plaudern weiter. Wie ist das?«
»Das ist eine ausgezeichnete Idee«, sagte Thomas Lieven. Und dachte zerknirscht: Ein ganz schlechter Agent. Eine komische Figur. Das muß man sich sagen lassen! Was denn?
Also machte er in der Küche einer requirierten Villa ein Kotelett Maréchal. Es war ihm recht unheimlich dabei. Oberst Melanin ließ sich nicht blicken. Aber als er gerade eine große Hühnerkeule für das Kotelett entbeinte, kam die Frau Oberst herein.
Menu • Zwickau, 28. Mai 1947
Mit einem Hühnerbein tritt Dunja, die Russenfrau,
in Lievens Leben.
Blini mit Kaviar
Kotelett Maréchal mit Erbsen und Pommes frites
Caramelpudding
Blini mit Kaviar: Man nehme pro Person zwei in Butter frischgebackene dünne Eierkuchen von Handgröße, richte sie auf vorgewärmten Tellern an. Man bestreiche den ersten Eierkuchen mit einer Schicht Kaviar, decke den zweiten Eierkuchen darüber, übergieße mit heißer zerlassener Butter und überziehe mit dicker saurer Sahne. – (Man stellte die echten Blini aus Buchweizenmehl her, das aber bei uns schwer erhältlich ist.)
Kotelett Maréchaclass="underline" Man entbeine die Schenkel eines zarten Masthuhnes, ohne die Haut zu verletzen. – Man stelle ein Farce her aus gehackter Hühnerbrust, einem Eßlöffel Butter, je ein viertel Teelöffel gehackter Schalotte, Petersilie und Estragon, eine viertel Tasse in Weißwein eingeweichter Weißbrotkrume, einem Eßlöffel gehackter Champignons, Pfeffer und Salz. – Man drehe diese Masse zweimal fein durch den Wolf, lasse sie mit je einem Eßlöffel Butter und süßer Sahne auf kleiner Flamme unter ständigem Rühren langsam durchkochen, ohne sie fest werden zu lassen. – Man fülle die Hühnerschenkel mit der abgekühlten Farce, nähe sie zu, wende sie in feinen Semmelbröseln um und brate sie in Butter goldbraun. Man kann die beiden Brusthälften in gleicher Weise füllen und zusammennähen, verwendet dann für die Farce ein feines, fett- und sehnenfreies Kalbsbrät.
Caramelpudding: Man nehme einen Liter Milch und lasse sie mit 100 Gramm Zucker und einer kleinen Vanilleschote kochen. Man verquirle fünf Eier und gebe sie mit einer Prise Salz in die leicht abgekühlte Milch. – Man brenne 200 Gramm Zucker zu einem nicht zu dunklen Caramel, lösche es mit wenig Wasser ab, gieße es in eine vorgewärmte Puddingform und verteile es schnell auf alle Seiten, bevor es erstarrt. Man gebe die Milchmasse hinein und koche die geschlossene Form dreiviertel Stunden im Wasserbad. – Man stelle die Form einige Stunden sehr kalt, stürze den Pudding dann auf eine runde Platte, wobei sich das Caramel als Sauce darumlegt.
Sie trat sozusagen in Thomas Lievens Leben – er wußte es nur noch nicht! Eine sehr schöne Frau. Das Haar – die Augen – die Lippen – die Formen – Donnerwetter! Und eine Haut wie Marzipan. Eine Frische, eine Gesundheit, eine Kraft. Die Dame war einmalig! Man sah sofort: Dunja konnte auf Mieder, Büstenhalter und andere lebenswichtige Hilfskonstruktionen normaler Damen verzichten. Sie kam herein und schloß die Tür und sah Thomas stumm und brütend an. Ihre Lippen öffneten sich halb, und ihre Augen schlossen sich halb …
Eine wunderschöne Verrückte, durchzuckte es Thomas. Allmächtiger Vater, hilf! Ich glaube, wenn ich sie nicht küsse, erwürgt sie mich mit bloßen Händen. Oder sie ruft einen NKWD-Offizier herein und erklärt mich zum Saboteur.
Draußen in der Villa erklangen Schritte. Sie fuhren auseinander. Es ist auch höchste Zeit, dachte Thomas.
Dunja tastete abwesend nach seiner Hühnerkeule. »Rette mich«, flüsterte sie. »Flieh mit mir. Mein Mann liebt mich nicht mehr. Er tötet mich. Ich töte ihn. Oder du fliehst mit mir.«