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»Ma-ma-ma – hrm!!! Madame, wie kommen Sie auf den Gedanken, daß Ihr Mann Sie nicht liebt?«

Dunja lachte dämonisch. »Du hast ihn gestern im Café besiegt. Früher hat er Männer halb totgeschlagen. Mich auch. Jetzt schlägt er mich überhaupt nicht mehr. Das ist keine Liebe … Ich spreche gut deutsch – nicht?«

»Sehr gut.«

»Deutsche Mutter. Du warst mir gleich sympathisch. Ich mache dich glücklich. Nimm mich mit nach drüben …«

Die Schritte kamen näher.

Dunja streichelte immer noch Thomas’ Keule, als der Oberst hereinkam. Er lächelte undurchsichtig: »Ach, chier bist du, mein Täubchen. Lernst kochen wie im kapitalistischen Westen, wo die Arbeiter unterdrückt werden? Was chaben Sie, Herr Lieven, ist Ihnen nicht gut?«

»Es geht gleich vorüber, Herr Oberst. Könnte ich … könnte ich wohl einen Wodka haben?«

9

Eines war Thomas völlig klar: Er mußte zusehen, daß er so schnell wie nur möglich wieder zurück in den Westen kam. Diesem Pärchen war er nicht gewachsen.

Die Sowjets würden also die gefälschten Pläne umsonst bekommen. Ein Glück, daß sie wenigstens wertlos waren …

Bei Tisch kämpfte er noch verbissen, aber nur zum Schein, weil er wußte, daß die Russen derartige Tauziehereien lieben. Der Oberst widersprach ihm auch entzückt und mit Feuer. Dunja saß zwischen ihnen und betrachtete beide Herren brütend. Und es wurde fürchterlich gegessen und fürchterlich getrunken, aber nach den fetten Blini behielt Thomas diesmal einen klaren Kopf.

»Also gut, Herr Oberst, ich mache Ihnen einen anderen Vorschlag: Sie bekommen die Pläne umsonst, und dafür lassen Sie meinen Freund und noch einen anderen Herrn in den Westen.«

»Anderen Cherrn?«

»Herrn Reuben Achazian. Ich weiß nicht, ob Sie ihn kennen. Noch ein bißchen von meiner Keule, gnädige Frau?«

»Noch sehr viel von Ihrer Keule, Cherr Lieven.«

»Ob ich diesen Cherrn Achazian kenne!« sprach der Oberst verächtlich. »Diesen Lumpen. Diesen Geschäftemacher. Was Sie wollen mit dem?«

»Geschäfte machen«, sagte Thomas bescheiden. »Entschuldigen Sie, Herr Oberst, aber wenn die Rote Armee mir gerade eines kaputtgemacht hat, muß ich doch sehen, wie ich weiterkomme.«

»Wocher Sie kennen dieses armenische Schwein?«

»Dieses armenische Schwein habe ich in Zwickau kennengelernt, Herr Oberst.«

In der Tat war Herr Reuben Achazian klein, fett, mit Haifischaugen und kleinem Schnurrbart im »Hotel zum Hirschen« erschienen, als Thomas an diesem Morgen gerade beim Frühstück saß. Ohne Umschweife war Herr Achazian zur Sache gekommen: »Passen Sie auf, lassen Sie mich reden, unterbrechen Sie mich nicht, ich habe es eilig, Sie auch; ich weiß, wer Sie sind .«

»Woher?«

»Reuben Achazian weiß alles. Nicht unterbrechen. Ich habe hier Schwierigkeiten. Mit den Russen. Bin ganz ehrlich: Habe in einer recht großen HO-Schiebung mitgemacht. Sie lassen mich nicht arbeiten.«

»Hören Sie mal, Herr Achazian …«

»Pst. Helfen Sie mir rüber in den Westen, und ich mache Sie zum reichen Mann. Schon mal was von der ZVG gehört?«

»Na klar.«

Die ZVG, die »Zentrale Verwertungs-Gesellschaft«, hatte ihren Sitz in Wiesbaden und war von den Amerikanern eingerichtet worden. In riesenhaften Lagern sammelte die ZVG die an Wert in Millionen Dollar gehende Nachsaat des Großen Krieges: Waffen und Munition, Lokomotiven und Lastkraftwagen, Verbandstoff, Schrott, Holz, Stahl, ganze Brückenkonstruktionen, Medikamente, Flugzeuge und Stoffe. Die Verwaltung der ZVG war Deutschen übertragen worden. Aber sie durften nur an Ausländer verkaufen – das war die Bedingung der Amerikaner!

»… die ZVG darf nur an Ausländer verkaufen«, sprach darum wieselflink Herr Reuben Achazian zu Thomas Lieven, »nicht an Deutsche. Ich bin Ausländer! An mich darf die ZVG verkaufen! Ich habe einen Vetter in London, der schießt uns Geld vor. Wir gründen eine Handelsfirma, Sie und ich. Ich mache Sie zum Millionär in einem Jahr – wenn Sie mir in den Westen helfen.«

»Darüber, Herr Achazian«, antwortete Thomas Lieven, »muß ich einmal nachdenken.«

Thomas hatte darüber nachgedacht. Nun, bei einem üppigen Mittagessen in einer beschlagnahmten Nazi-Villa in Zwickau sagte er darum zu dem sowjetischen Stadtkommandanten Wassili Melanin: »Lassen Sie Herrn Achazian mit mir reisen, und Sie bekommen die Pläne.«

»Herr Achazian bleibt chier. Ich bekomme die Pläne trotzdem.«

»Hören Sie, ich habe Herrn Marek – Sie kennen diesen tschechischen Agenten natürlich – beim amerikanischen CIC in Hof zurückgelassen. Der Mann bleibt in Haft, wenn ich nicht zurückkomme und ihn auslöse.«

»Na, wenn schon. Bricht mir mein Cherz. Sie geben Pläne, oder Sie bleiben auch chier!«

»Na, schön, dann bleibe ich auch hier«, sagte Thomas.

10

Am 1. Juni 1947 trafen die Herren Thomas Lieven, Bastian Fabre und Reuben Achazian müde, aber wohlbehalten in München ein. Sie fuhren sogleich zu jener Villa in Grünwald hinaus, die Thomas gehörte. Er hatte noch ein paarmal mit Oberst Melanin essen und sehr oft mit Oberst Melanin trinken müssen, bevor es ihm gelungen war, diesen Herrn umzustimmen. Zuletzt waren sie sogar als Freunde geschieden. Nur die Pläne, die Pläne waren jetzt natürlich in Zwickau …

Die drei Herren weilten nur wenige Tage in der bayerischen Landeshauptstadt. Thomas erklärte Bastian: »Wir haben die Pläne an Engländer, Franzosen und Russen weitergegeben. Sie werden bald herausbekommen, daß wir sie hereingelegt haben. Wir nehmen uns andere Namen und gehen für eine Weile nach Wiesbaden.«

»Ist recht, mein Alter. Wenn mir bloß dieser Achazian nicht so widerlich wäre. Das ist doch ein richtiger Schieber, der jetzt auch noch Waffen und Munition verkaufen will!«

»Er wird es nicht tun«, sagte Thomas. »Laß uns erst mal nach Wiesbaden kommen. Herr Achazian wird überrascht sein.«

Weil wir gerade von Überraschungen sprechen: Am Abend bevor die drei Herren München verließen, tranken sie noch ein bißchen Wein. Da klingelte es – gegen halb acht Uhr abends. Bastian ging, um zu öffnen. Wachsbleich kam er zurück. Er konnte nur stottern: »Ko-ko-komm doch mal, bitte!«

Thomas ging in die Diele hinaus. Als er sah, wer in der Diele stand, mußte er die Augen schließen und sich am Türbalken festhalten.

»Nein«, sagte er, »nein!«

»Doch«, sagte die weizenblonde, wunderschöne Gemahlin des Obersten Melanin aus Zwickau, »doch, doch, ich bin es.«

Sie war es. Da stand sie. Mit einem Riesenkoffer. Jung und gesund.

»Wie … wie bist du … wie sind Sie herübergekommen?«

»Geflohen. Mit einer ganzen Gruppe. Ich bin ein politischer Flüchtling. Es ist mir Asylrecht gewährt worden. Und ich will bei dir bleiben. Und mit dir gehen, wohin du gehst.«

»Nein.«

»Ja. Und wenn du mich nicht bei dir läßt – dann gehe ich in meinem Schmerz sofort zur Polizei und erzähle ihr, daß du meinem Mann Pläne gebracht hast … und was ich noch alles über dich weiß …«

»Aber warum – aber warum willst du mich verraten?«

»Weil ich dich liebe«, hatte sie die Stirn zu behaupten …

Andererseits ist der Mensch ein Gewohnheitstier.

Zwei Monate später, im August 1947, äußerte Thomas Lieven in einer Riesenwohnung, die er mit den Herren Bastian Fabre und Reuben Achazian in der Parkstraße zu Wiesbaden zum Arbeiten und Leben gemietet hatte:

»Ich weiß gar nicht, was ihr gegen Dunja habt. Sie ist charmant. Sie kocht für euch. Sie ist fleißig. Ich finde sie hinreißend.«

»Aber sie beansprucht dich zu sehr«, sagte Bastian. »Schau dir doch nur mal deine Finger an. Wie die zittern!«

»Quatsch«, sagte Thomas – ohne Überzeugung, denn ein wenig anstrengend fand er seine neue Freundin doch. Dunja wohnte in einem möblierten Zimmer in der Nähe, sie kam auch gar nicht jeden Abend, aber wenn sie kam –. In seinen wenigen freien Minuten gedachte Thomas oft des Obersten Melanin. Er konnte gut verstehen, daß der es nie zum General gebracht hatte!