In Wiesbaden nannte Thomas Lieven sich Ernst Heller – mit entsprechend falschen Papieren natürlich. Auf den Namen seines ausländischen Mitarbeiters hatte er die »Offene Handelsgesellschaft Achazian« gegründet. Dieses Unternehmen kaufte gewaltige Mengen der verschiedensten Güter auf und stapelte sie in den Lagern der ZVG vor der zerstörten Stadt.
Nicht nur früherer Besitz der Deutschen Wehrmacht lag in den riesigen Depots der ZVG, auch Jeeps, Trucks und Vorräte der amerikanischen Armee gab es da zu kaufen – Material, das veraltet war oder dessen Rücktransport nach Amerika zuviel gekostet hätte.
Thomas erklärte seinen Freunden: »Mit Amerika können wir keine Geschäfte machen, dazu haben wir alle eine zu dunkle Vergangenheit. Wir müssen uns schon an andere Länder halten, und zwar an kriegführende, denn diese dürfen bei der ZVG nicht kaufen. Das ist verboten.«
»Ich habe einen Herrn Aristoteles Pangalos als Vertreter griechischer Partisanen an der Hand und einen Herrn Ho Irawadi aus Indochina«, sagte Reuben Achazian.
»Aber ihr könnt den Kerlen doch keine Waffen verkaufen!« entsetzte sich Bastian.
Da hielt Thomas Lieven eine kleine Grundsatzrede: »Wenn wir ihnen keine Waffen verkaufen, werden es andere tun. Darum werden wir es tun – aber die Herren werden keine Freude an den Waffen haben.«
»Ich verstehe kein Wort.«
»Laß mich reden! Vor Mainz habe ich eine leere Fabrikhalle gemietet. Wir werden das Pulver aus der Munition herausholen und es durch Sägemehl ersetzen. Die Maschinenpistolen sind in Kisten mit bestimmten Brandschriftzeichen verpackt, vernagelt und plombiert. Ich habe eine Tischlerei gefunden, die uns genau dieselben Kisten mit genau derselben Brandschrift herstellen wird. Auch Plomben kann man nachmachen. Und Schmierseife wird den Kisten das rechte Gewicht geben …«
»Und was geschieht mit dem Pulver und den Maschinenpistolen?«
»Die Ware wird über Hamburg verschifft«, sagte Thomas. »Vor Hamburg ist das Wasser tief. Brauche ich noch weiterzusprechen?«
Dieser August 1947 (103. Lebensmittelkartenperiode) brachte Wiesbaden den absoluten Tiefpunkt der Versorgungslage. Die Kalorienzahl sank auf 800. Die Kartoffelnot wurde immer ärger. Nur noch Krankenhäuser und Lager erhielten Zuteilungen. An Nährmitteln standen fast ausschließlich die wegen ihres bitteren Geschmacks unbeliebten Maiserzeugnisse zur Verfügung. Die Fettbelieferung mußte von 200 auf 150 Gramm herabgesetzt werden. An Zucker wurde je ein halbes Pfund weißer und ein halbes Pfund gelber ausgegeben. Vier Eier zusätzlich gab es für den »wegen der großen Trockenheit denkbar schlechten Anfall von Obst und Gemüse«. Die Milchversorgung brach völlig zusammen. Zwei Drittel der Erwachsenen von Wiesbaden erhielten keine Zuteilungen mehr.
Merke: Ein fürchterlicher Krieg ist noch lange nicht zu Ende, wenn man ihn verloren hat …
11
Als erstes verkaufte die »Offene Handelsgesellschaft Achazian« den Herren Pangalos und Ho Irawadi je 2000 Kilogramm des Malariamittels Atebrin aus den Beständen der Deutschen Wehrmacht. Auf den Packungen gab es noch den deutschen Adler mit dem Hakenkreuz. Der mußte weg! Mit Lastern karrten Thomas und seine Partner das Atebrin in eine pharmazeutische Fabrik. Hier wurde es umgepackt. Nun konnte es verschifft werden.
Was beim Atebrin ein Kinderspiel war, erwies sich in einem anderen Fall zunächst als schier unlösbares Problem. Herr Pangalos und Herr Ho Irawadi wollten Tropenhelme kaufen. Jeweils 30 000 Stück. Da waren die Helme! Mit Hakenkreuzen darauf. So gut eingearbeitet, daß sie nicht zu entfernen waren. Unter solchen Umständen sahen sich die Herren natürlich gezwungen, von einem Kauf Abstand zu nehmen.
Was machen wir bloß mit den Sch…helmen, grübelte Thomas. Er grübelte tagelang. Dann hatte er die rettende Idee! In den Helmen gab es herrliche Schweißbänder. Völlig neu, prima Qualität. In der ganzen deutschen Hutindustrie gab es kein einziges Schweißbandleder mehr.
Thomas setzte sich mit den führenden Männern der Branche in Verbindung. Plötzlich gingen die Tropenhelme weg wie warme Semmeln!
Mehr, weit mehr verdiente die »Offene Handelsgesellschaft Achazian« an dem Verkauf der Bänder, als sie an dem Verkauf der Helme verdient hätte. Und Thomas war es gelungen, die deutsche Nachkriegs-Hutindustrie anzukurbeln.
Trotzdem, er hatte Sorgen – keine geschäftlichen. Thomas fühlte, wie Dunja an ihm zehrte, mehr und mehr. Sie machte ihm Szenen. Aus Liebe. Aus Eifersucht. Sie war aufregend und anstrengend. Thomas stritt und versöhnte sich mit ihr. Es war die verrückteste Zeit seines Lebens.
Bastian machte sich auch Sorgen. »Das kann nicht so weitergehen, mein Junge. Du ruinierst dich mit der Dame.«
»Was soll ich tun? Ich kann sie nicht rausschmeißen. Sie geht nicht.«
»Sie wird schon gehen!«
»Ja, zur Polizei.«
»Verflucht«, sagte Bastian. »Aber du mußt dir doch irgendwelche Gedanken über die Zukunft machen, Mensch!«
»Mache ich mir ja, mache ich mir dauernd. Das hier läuft ohnehin nicht mehr lange gut. Dann müssen wir weg. Es wird ganz plötzlich gehen, verstehst du – zu plötzlich für Dunja …«
»Na, ich weiß nicht«, sagte Bastian.
Dann verkauften sie an Griechen und Indochinesen Kugellager. Und Trucks. Und Jeeps. Und Pflüge. Und anderes landwirtschaftliches Gerät. »Damit können sie keinen Unfug anrichten«, sagte Thomas Lieven, aus den Fenstern seines Büros über die trostlosen Schutt- und Ruinengebirge Wiesbadens blickend.
Die Stadt sah aus, als ob sie sich niemals mehr erheben wollte. Vor dem Krieg hatten hier nur reiche Leute gelebt. Jetzt war Wiesbaden eine Stadt der armen Rentner, die in Trümmern hausten. Die »Gesamttrümmermasse« wurde später offiziell mit 600 000 Kubikmetern festgelegt. Bis zur Währungsreform gab Wiesbaden für die Beseitigung von Schutt und Trümmern 3,36 Millionen R-Mark aus. Arbeiter und »Trümmerfrauen« schufteten Schulter an Schulter mit den anderen Bürgern der Stadt, die turnusmäßig Dienst taten. Auch Thomas Lieven, Bastian Fabre und Reuben Achazian buddelten tagelang im Dreck. Sie empfanden es als eine Art Ausgleichssport zu ihrer sonstigen Tätigkeit.
Im Herbst 1947 kamen sie darauf, daß man aus jeweils einem amerikanischen Schlafsack ein Paar Hosen schneidern konnte. Sie hatten 40 000 amerikanische Schlafsäcke. Anzugfabriken in Süddeutschland erinnern sich heute noch an jene Flut von Material und Aufträgen, die im November 1947 über sie hereinbrach …
Im Frühling des Jahres 1948 drehten sie dann, als Abschluß, ihre Munitionsgeschäfte. Die Munition hatten sie bis zu diesem Zeitpunkt »vorbehandeln« lassen. Nun wurde sie verschifft, ebenso wie die mit Schmierseife gefüllten Kisten, in denen angeblich Maschinenpistolen lagen.
Die Schiffe mit Ladungen für Griechenland und Indochina stachen in See. Sie werden eine gute Weile unterwegs sein, dachte Thomas. Er konnte in aller Ruhe darangehen, seine Büros in Wiesbaden zu schließen – etwa zur selben Zeit, da verschiedene Filmfirmen ihre Büros in der Stadt eröffneten.
Die Filme, die in Wiesbaden gedreht wurden, hatten alle die unverfänglich-belanglosen, trostlos-munteren oder garantiert unverfänglichen Themen und Titel der deutschen Umerziehungsperiode, zum Beispiel »Wenn eine Frau liebt«, »Hochzeitsnacht im Paradies«, »Der Tiger Akbar« und »Die tödlichen Träume« …
»Jetzt wird es langsam Zeit für uns, abzuhauen, alter Junge«, sagte Thomas am 14. Mai 1948 zu Bastian.
»Was glaubst du, was die Griechen und Indochinesen machen werden, wenn sie draufkommen, was passiert ist?«
»Sie werden uns umlegen, wenn sie uns erwischen«, sagte Thomas Lieven.