»Und nach Deutschland geschmuggelt?«
»Ach woher, Junge! Richtig deklariert und mit der Bahn rübergefahren!«
»Es darf aber doch kein ausländischer Wein in Deutschland verkauft werden!«
»Dieser Wein wird ja in Deutschland auch nicht verkauft – angeblich.« Luigi rieb sich die Hände, schlug sich auf den Bauch und schrie vor Lachen: »Das ist Meßwein!«
»Meßwein?«
»Ja, Baby, ja. Meßwein! Ein Geschenk katholischer italienischer Bürger an die katholischen Kirchen in Deutschland! Geschenk! Verstehst du, wie genial der Trick ist?« Luigi konnte sich gar nicht beruhigen. »Geschenke fallen nicht unter die Importbestimmungen der Amerikaner! Mit Geschenken werden ja keine Geschäfte gemacht! Für Geschenke gibt es Einfuhrlizenzen bei der JEIA!« Thomas fühlte, wie ihm plötzlich kühl wurde. Er fragte leise: »Und wer ist der Empfänger in Deutschland?«
Luigi verschluckte sich vor Lachen: »Der Wein geht an die Adressen von drei Klöstern in Bayern. Aber eigentlicher Bestimmungsort und Empfänger ist in allen Fällen der Abt eines Stiftes, er heißt …«
»Waldemar Langauer«, sagte Thomas erstickt.
»Ja«, sagte Luigi, »woher weißt du das?«
Der Abt Waldemar Langauer – verstrickt in eine gigantische Weinschiebung? Thomas konnte es nicht fassen. Er hatte den Abt gesehen, er hatte mit ihm gesprochen. Er irrte sich nicht. Das war kein Mann, der schmutzige Sachen machte!
Aber was ging dann hier vor? Wer mißbrauchte den Namen des geistlichen Würdenträgers in so schamloser Weise?
Thomas fuhr nach Norditalien. Tagelang trieb er sich herum, bestach Eisenbahner, Zöllner, Transportarbeiter, sah die Einfuhrlizenzen der JEIA.
Thomas stellte fest, daß der deutsche Umschlagbahnhof für die Weintransporte ein Ort namens Rosenheim war. Er führte ein paar lange Telefongespräche. Daraufhin tauchte am 28. September auf dem Bahnhof von Rosenheim ein freundlicher Geselle mit roten Bürstenhaaren und Bärenkräften auf. Er nannte sich Gustave Aubert und wies Papiere auf diesen Namen vor. Er sah Bastian Fabre ähnlich wie aus dem Gesicht geschnitten. Und das war kein Wunder …
Der arbeitswillige Franzose – »Isch bin eine ehemalige Fremdarbeiter, die bleiben möchte in Deutschland, weil isch mich fühle wohl ’ier in Bayern!« – gewann sogleich die Sympathie der einheimischen Arbeiter. Er belud Lastautos. Mit Fässern voll italienischem Wein. Er lernte die Chauffeure dieser Lastautos kennen. Sie kamen nachts. Sie holten den italienischen Wein ab. Angeblich zu drei bayerischen Klöstern. Sie waren sehr wortkarg. Und verprügelten den Franzosen einmal, als er zu neugierig wurde. Er ließ sich – zum erstenmal in seinem Leben – verprügeln. Er dachte an die Maxime seines Freundes Thomas Lieven: »Mut beweist man nicht mit der Faust allein. Man braucht auch den Kopf dazu.« Er hatte etwas herausgefunden, das besser und wertvoller war als ein Sieg über deutsche Chauffeure nach den klassischen Regeln des technischen K. o. Er hatte die Fahrbefehle und Fahrzeugbriefe der Chauffeure gesehen. Er wußte jetzt, wem jeder einzelne Laster gehörte, der den »Meßwein« abholte. Er wußte jetzt, in wessen Auftrag die Chauffeure fuhren.
17
»Mein Freund Bastian Fabre, Hochwürden, ist bereit zu beeiden, daß alle diese Chauffeure im Auftrag von Herrn Herbert Rebhahn fuhren und fahren«, sagte Thomas Lieven. Es war hoher Mittag am 19. Oktober 1948. Thomas stand vor dem Fenster des großen Zimmers, in dem Abt Langauer zu arbeiten pflegte.
Der Gottesmann sah um Jahrzehnte gealtert aus. Seine Hände öffneten und schlossen sich mechanisch. In seinem Gesicht zuckte es. »Furchtbar«, sagte er. »Das ist die größte menschliche Enttäuschung meines Lebens. Ich bin betrogen worden. Ich wurde das Opfer eines Schurken.«
Und der Abt erzählte …
Im Mai 1946 war Herbert Rebhahn zum erstenmal bei ihm erschienen und hatte 20 000 R-Mark für die armen Flüchtlinge gespendet. Danach war er immer wieder gekommen, mit immer neuen Gaben und Spenden – ein ganzes Jahr lang.
Im Sommer 1947 hatte Langauer protestiert: »Wir können nicht andauernd Geld von Ihnen nehmen, Herr Rebhahn! Das ist unmöglich!«
»Es ist Christenpflicht zu spenden, Ehrwürdiger Vater!«
»Aber es geht Ihnen doch selbst nicht gut, Herr Rebhahn … Sie haben Sorgen … Wenn ich wüßte, was das Stift tun könnte, um zu Geld zu kommen …«
Nun, sagte Herbert Rebhahn, was das Stift beträfe – da hätte er einen Vorschlag zu machen! Da gäbe es in der Verwaltung der JEIA in Frankfurt einen gewissen Major Jolsen.
Rebhahn sprach mit Engelszungen: »Gewiß würde der Major dem Ehrwürdigen Vater Einfuhrlizenzen für – gewisse Mengen von italienischem Meßwein geben. Geschenksendungen. Der Wein würde Sie nichts kosten. Ich habe Freunde in Italien, die es sich zur Ehre anrechnen würden, den Wein zu kaufen und dem Ehrwürdigen Vater zu schicken.«
»Aber ist das nicht ungesetzlich?«
»Das wäre vollkommen gesetzlich. Ich würde es dann übernehmen, den Wein in Deutschland zu verkaufen. Und den Erlös dem Ehrwürdigen Vater zu übergeben – für die armen Flüchtlinge …« Auf dieses Angebot ging Waldemar Langauer ein. Er gab seinen Namen für ein Geschäft, von dessen Ausmaß und dessen kriminellem Einschlag er nichts ahnte. Ein Jahr lang verkaufte Herbert Rebhahn für ihn und seine Flüchtlinge »gewisse Mengen von italienischem Meßwein«. Herbert Rebhahn lieferte aus dem Erlös 125 000 R-Mark an Abt Langauer ab.
Am Mittag des 19. Oktober 1948 sagte Thomas Lieven: »Nach meinen Berechnungen hat Rebhahn allein im letzten Jahr an seinen Weinschiebungen rund einskommafünf Millionen Mark verdient!«
Der Abt sagte tonlos: »Ich danke Ihnen für alles, was Sie herausgefunden haben, Herr Lieven. Es ist furchtbar, was ich jetzt zu tun habe – aber ich muß es tun.«
Er griff nach dem Telefonhörer, wählte und sagte dann: »Geben Sie mir die Kriminalpolizei …« Verhaftet wurde am gleichen Tag der Weinhändler Herbert Rebhahn. Zu den Beamten, die ihn aus seiner luxuriösen Wohnung holten, sagte er: »Die machen mir nie einen Prozeß! In der Geschichte hängen zu viele Großkopferte drin.«
Sein Selbstvertrauen verließ ihn jedoch in den folgenden Wochen und Monaten, und zur Jahreswende 1948/49 bequemte er sich zu Geständnissen, die den Polizeipräsidenten Katting hinter schwedische Gardinen brachten. Zu Beginn des Jahres 1949 präsentierte sich die Situation dem Oberstaatsanwalt Dr. Offerding dann folgendermaßen: Rebhahn und Katting hatten den Fürsten von Welkow 1946 erfolgreich mit dessen dunkler Nazi-Vergangenheit erpreßt und erreicht, daß ihnen der belastete Fürst in seiner Angst das große Gut Wickerode und die dazugehörenden Wälder überschrieb; gleichzeitig mit der Überschreibung jedoch hatte der schlaue Fürst wieselflink Hypotheken auf den überschriebenen Besitz aufgenommen, so daß er für die neuen Eigentümer weitgehend belastet und wertlos war.
Rebhahn und Katting hatten eine Kunststeinfabrik angekurbelt, von der sie sich Millionengewinne versprachen. Der Betrieb artete jedoch infolge laienhafter Führung zu einer Millionenpleite aus. Nun saßen Katting, Rebhahn und der Fürst, wie Rebhahn es auszudrücken beliebte, »in einem Boot«. Sie mußten sehen, wie sie alle finanziell wieder flott wurden. Rebhahn organisierte das große »Meßweingeschäft«. Er war Zweiter Vorsitzender des Interessenverbandes der Weinindustrie. Als solcher war es ihm möglich gewesen, gegen Weinhändler, die er in seine Abhängigkeit bringen wollte, einen geheimen Boykott durchzuführen. Nach seiner Verhaftung distanzierte sich der Verband von ihm. Und das Geschäft von ehrlichen Männern wie Erich Werthe blühte plötzlich auf …
Der Exoberst konnte Thomas dafür nur schriftlich danken. Denn zu jener Zeit im Frühjahr 1949, da der Oberstaatsanwalt Dr. Offerding eine vielhundertseitige Anklageschrift gegen Herbert Rebhahn und Genossen zusammenstellte, lebte unser Freund mit Bastian Fabre in einem gemieteten Appartement in Zürich.