Wohl ergehen ließen es sich Thomas und Bastian in Zürich. Ihre tägliche Lieblingslektüre war der Börsenteil der »Neuen Zürcher Zeitung«.
Aus den Gewinnen seiner letzten Operationen hatte Thomas große Mengen von deutschen Aktien erworben. Diese waren nach Kriegsende äußerst niedrig gehandelt worden, weil damals noch kein Mensch wußte, wie weit und wie vollkommen die Siegermächte die deutschen Wirtschaftszentren zerschlagen würden.
Die wertvollsten Anlagen waren demontiert, die größten Konzerne aufgelöst worden. 1946/47 wurden die Aktien der »Vereinigten Stahlwerke« nur mit rund 15 Prozent gehandelt, AEG-Aktien mit 30 Prozent; I.G.-Farben-Aktien durften überhaupt nicht gehandelt werden.
Reichlich wurden nun Leute, die solche und andere Aktien trotzdem gekauft hatten, für ihren Optimismus belohnt! Nachdem aus den R-Mark-Aktien D-Mark-Aktien geworden waren, kletterten die Kurse von Monat zu Monat höher empor. In einem Zürcher Appartement saß ein Herr, der sich nicht beklagen konnte über das, was geschah …
Bis dann jener 14. April 1949 kam, an dem Thomas mit Bastian ins Zürcher Scala-Kino ging. Sie wollten den berühmten italienischen Film »Fahrraddiebe« sehen. Sie sahen die Reklamen. Sie sahen vor dem Hauptfilm die Wochenschau. Und in dieser einen Beitrag über das Hamburger Frühjahrsderby.
Elegante Pferde, Herren im Cut, bezaubernde Frauen waren zu bewundern. Die Kamera erging sich in Großaufnahmen der prominenten Zuschauer. Dicker Herr. Faszinierende Dame. Noch eine faszinierende Dame. Noch eine. Das Wirtschaftswunder hatte begonnen. Noch ein illustrer Herr …
Plötzlich schrie in Loge 5 ein Mann laut auf: »Marlock!«
Thomas Lieven rang nach Atem. Denn da, auf der Leinwand, stand er, überlebensgroß, sein schurkischer Kompagnon, den er für tot gehalten hatte, sein verbrecherischer Partner, der seine friedliche Existenz vernichtet, ihn in die Mühlen der internationalen Geheimdienste geschleudert hatte – da stand er, untadelig gekleidet, im Cut, Fernglas vor der Brust.
»Er ist es … Ich bringe ihn um, das Schwein!« lärmte Thomas. »Ich habe gedacht, er schmore schon längst in der Hölle – aber er lebt … Jetzt werde ich abrechnen mit ihm!«
18
»Bitte, ich habe Sie wohl eben nicht ganz richtig verstanden, mein Herr«, sagte der Besitzer des Scala-Kinos. »Was möchten Sie?«
»Sie haben mich eben durchaus richtig verstanden, mein Herr«, sagte Thomas Lieven mit einer feinen Verneigung. »Ich möchte mir nach der letzten Vorstellung die Wochenschau-Filmrolle ausleihen, die Sie heute zeigen.«
»Ausleihen? Aber warum?«
»Weil ich sie mir noch einmal vorführen lassen möchte. Privat. Denn ich habe auf dem Streifen einen Bekannten entdeckt, den ich bei Kriegsbeginn aus den Augen verlor.«
Stunden später brauste Thomas mit der Filmrolle durch das nächtliche Zürich. Hinaus zu den Studios der »Praesens-Film«. Hier hatte er einen Schneideraum und einen Cutter organisiert. Der Cutter ließ die Wochenschaukopie auf dem Schneidetisch vor- und zurücklaufen, so lange, bis Thomas rief: »Halt!«
Der kleine Bildschirm über dem Tisch zeigte nun ein stillstehendes Bild vom Hamburger Frühjahrsderby. Ein paar dicke Herren, ein paar elegante Damen auf der Tribüne. Und im Vordergrund deutlich zu erkennen: Robert E. Marlock.
Thomas ballte die Hände zu Fäusten. Er fühlte, wie ihm vor Erregung der Schweiß auf die Stirn trat. Ruhig, sagte er zu sich selbst, ganz ruhig jetzt, wenn du Rache nimmst.
»Können Sie das Kaderbild da kopieren und mir bis morgen früh ein paar Abzüge davon machen – so stark vergrößert wie möglich?«
»Na klar, mein Herr«, sagte der Cutter.
Am nächsten Tag um 11 Uhr 45 nahm Thomas Lieven den Expreß nach Frankfurt am Main. Hier suchte er zwei leitende Beamte im Gebäude der »Deutschen Bankaufsicht« auf. Ihnen zeigte er Fotos von Robert E. Marlock. Eine halbe Stunde später lag vor Thomas eine Personalkarte, wie es sie hier über jeden Menschen in Deutschland gab, der Bankgeschäfte machte.
Am Abend des 15. April 1949 sagte Thomas zu seinem Freund Bastian Fabre in seiner Zürcher Wohnung: »Der verfluchte Hund lebt in Hamburg. Walter Pretorius nennt er sich. Und eine kleine Bank besitzt er wieder. An der Innenalster. Die Frechheit! Die ungeheure Frechheit, die der Erzlump hat!«
Bastian drehte ein bauchiges Kognakglas hin und her. Er meinte: »Er wird ohne Zweifel in dem Glauben leben, daß du tot bist. Oder hast du ihn aufgesucht?«
»Bist du verrückt? Nein, nein, Marlock soll ruhig weiter glauben, ich sei tot!«
»Ich denke, du willst dich rächen …«
»Ich werde mich rächen! Aber schau mal, Marlock hat eine deutsche Banklizenz bekommen. Ohne Scheu und Furcht lebt er in Hamburg. Soll ich da vor ein deutsches Gericht gehen und sagen: Dieser Herr Pretorius heißt in Wirklichkeit Marlock. Dieser Herr hat mich 1939 hineingelegt. Soll ich das sagen? Wenn ich klage, muß ich als Thomas Lieven klagen, denn als Thomas Lieven war ich Bankier in London. Mein Name wird in allen Zeitungen stehen …«
»Auwei.«
»Jawohl, auwei. Meinst du, ich will unbedingt von irgendeiner Roten, Grünen, Blauen oder Schwarzen Hand umgelegt werden? Ein Mann mit meiner Vergangenheit muß es auf das peinlichste vermeiden, in die Öffentlichkeit zu treten.«
»Na, aber wie willst du Marlock schaffen?«
»Ich habe einen Plan. Ich brauche einen Strohmann dazu. Ich habe ihn auch schon: Herr Reuben Achazian, mit dem wir die ZVG-Geschäfte gemacht haben. Ich habe ihm geschrieben. Er kommt her.«
»Und ich? Was mache ich?«
»Du, mein Alter, mußt dich jetzt eine Zeitlang von mir trennen«, sagte Thomas und legte dem Freund eine Hand auf die Schulter: »Schau mich nicht so unglücklich an; es ist nötig, es steht zuviel auf dem Spiel … Du nimmst alles Geld, das ich nicht brauche, und fährst nach Deutschland. Nach Düsseldorf am besten. Dort, wo die reichsten Leute wohnen, kaufst du uns eine Villa. Einen Wagen. Und so weiter. Wenn ich bei dieser Sache Pech habe und alles verliere, dann brauche ich Kredit. Und Vertrauen. Und muß angeben. Kapiert?«
»Kapiert.«
»Cecilien-Allee«, sagte Thomas verträumt. »Das wäre eine Gegend für uns. Da sieh dich mal um. Da wollen wir uns ansiedeln. Da wohnen die ganz feinen Leute.«
»Na ja«, sagte Bastian, »dann ist es natürlich sonnenklar, daß auch wir dorthin müssen …«
19
Wir berichten nun über Thomas Lievens größtes und riskantestes Börsenmanöver. Wir wollen bemüht sein, so zu berichten, daß jedermann begreifen kann, wie raffiniert sein Racheplan war.
Blicken wir zuerst nach Stuttgart. Vor den Toren jener schönen Stadt lag das Gebäude der »Excelsior-Werke AG«. Im Krieg hatte diese Gesellschaft mit einer Belegschaft von über 5000 Menschen Armaturen und Instrumente für Görings Luftwaffe hergestellt. 1945 war das Geschäft vorbei. In Deutschland wurden – für ein kurzes Weilchen – gerade mal keine Kriegsflugzeuge gebaut.
Also stellten die »Excelsior-Werke« in kleinstem Rahmen verschiedene technische Geräte her. Aber nach der Währungsreform im Sommer 1948 schien der Konkurs unabwendbar. Weit unter dem Nominalwert wurden Excelsior-Aktien gehandelt, zu einem Kurs von 18 bis 25. Der Zusammenbruch war für Experten im Frühsommer 1949 nur noch eine Frage von Wochen.
In dieser verzweifelten Situation machten die Herren vom Vorstand der »Excelsior-Werke« am 9. Mai 1949 die Bekanntschaft eines Armeniers namens Reuben Achazian, der sie in Stuttgart aufsuchte.
Herr Achazian, ausgezeichnet gekleidet, Besitzer eines brandneuen Cadillac, Modell 1949, erklärte den Versammelten: »Meine Herren, ich besuche Sie im Auftrag eines Schweizer Unternehmens, das aber anonym zu bleiben wünscht. Dieses Unternehmen ist stark interessiert, einen Teil seiner Produktion nach Deutschland zu verlegen …«