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Für den zweiten Angeklagten, den Hamburger Bankier Walter Pretorius, fand der Richter keine derart milden Worte. Er erhielt vier Jahre Gefängnis. Seine Bank mußte den Konkurs anmelden. Eine weitere Ausübung seines Berufes verhinderte für alle Zeit die »deutsche Bankenaufsicht«, die den Namen Walter Pretorius in der Kartei der seriösen Bankiers löschte.

Zweierlei machte den Frankfurter Prozeß pikant. Obwohl die Angeklagten einander, wie wir wissen, intim kannten, gaben sie eine solche Bekanntschaft vor Gericht mit keinem Wort, mit keiner Geste zu erkennen.

Die zweite Pikanterie bestand darin, daß der Vorsitzende bereits am ersten Verhandlungstag die Öffentlichkeit ausschloß, und zwar nachdem der Angeklagte Lieven angekündigt hatte, im Detail den Trick erklären zu wollen, mit dem er die Sperrmark freibekommen hatte. Solcherart war eine ausführliche Berichterstattung über den Prozeß gegen Lieven und Pretorius unmöglich. Die Publicity, die Thomas, verschiedener internationaler Geheimdienste wegen, gefürchtet hatte, blieb ihm erspart.

In einem gewissen Sinn hatte er sein Ziel erreicht: Walter Pretorius, alias Robert E. Marlock, war ruiniert für alle Zeit. Bleich und bebend, ein nervöses Wrack, so stellte er sich dem Gericht.

Nicht ein einziges Wort sprachen die beiden Angeklagten während des Prozesses miteinander. Das Urteil nahmen sie beide schweigend auf. Thomas Lieven blickte danach lächelnd zu seinem ehemaligen Kompagnon hinüber. Und vor diesem Lächeln mußte Robert E. Marlock sich abwenden, denn er ertrug es nicht …

Marlock kam in die Strafanstalt Frankfurt-Hammelgasse. Thomas Lieven schaffte es, in die Haftanstalt Düsseldorf-Derendorf verlegt zu werden. Dafür, daß es ihm im Gefängnis wohl erging und er keinen Mangel an irdischen Gütern litt, sorgte sein Freund Bastian – nun wohnhaft Düsseldorf, Cecilien-Allee – mit großen Paketen. Als Thomas sich allzusehr zu langweilen begann, stellte er ein Lexikon der Gaunersprache zusammen. Aus diesem Lexikon präsentieren wir hier einer möglicherweise interessierten Öffentlichkeit aus Tausenden von Worten dieses Alphabet zur Kostprobe:

ABKLINGER: ein Mann, der bei einem geplanten Wohnungseinbruch festzustellen hat, ob der Wohnungsinhaber daheim ist. Zu diesem Behufe betätigt er die Wohnungsklingel in Abständen von fünf Minuten viermal. Wenn niemand öffnet, gibt er den Komplicen bekannt, daß die Luft rein ist.

BEISS: der Raum, von dem gerade die Rede ist. Meibelbeiß ist eine Bedürfnisanstalt, Seibelbeiß das Zuchthaus, Trallienbeiß das Gefängnis.

CUPERN: Betrug beim Kartenspiel.

DUFTEMANG: ein Ganoventeam, das sich gut versteht.

ENTERN: das Bestehlen eines hilflosen Betrunkenen, den man unter dem Vorwand, ihm behilflich zu sein, heimbegleitet.

FREISIEBER: ein Mann, der kurz vor der Entlassung aus dem Zuchthaus steht.

GERANIE: der Direktor einer Strafanstalt.

HEIERMANN: ein 5-Mark-Stück.

IGOW: ein nicht ernstzunehmender Krimineller.

JUSTAV, EISERNER: ein besonders geformter Magnet, der über eine elektrische Zähluhr gehängt wird, wodurch diese zum Stillstand kommt (Stromdiebstahl).

KLAVIERSPIELEN: der Vorgang der zwangsweisen Fingerabdrucknahme bei der Kriminalpolizei.

LEBERSTÜCK: der Arzthelfer in der Krankenabteilung einer Strafanstalt.

MASCHORRES: Wachtmeister im Zuchthaus.

NATHAN: ein Gefangener, der Mithäftlinge juristisch und in allen Lebensfragen berät, sich aber dafür nicht bezahlen läßt.

OFFENBACH: ein Mann, der sich auf den Diebstahl von Musikinstrumenten spezialisiert.

PULSIEREN: wenn ein Betrug oder Einbruch gut abläuft.

QUACKE: ein Mensch im Zuchthaus, der jedermann mit Gesprächen über ein angebliches Wiederaufnahmeverfahren belästigt.

ROSENKRANZ: ein Bund Dietriche. Ein einzelner heißt Sesam.

SCHWÄRMER: 1 Jahr Zuchthaus.

SÜLZE: Ergebnis eines Einbruchs, das den Erwartungen nicht entspricht.

TREWEGEHEN: unter den schlechtesten Voraussetzungen auf der Flucht sein.

UG: Untersuchungsgefängnis.

VERTREIBER: ein Mann, der die Kripo auf eine falsche Spur lenkt.

WOLF: ein Mann, der in der Zelle Selbstmord markiert und dann den herbeigeeilten Beamten überfällt.

ZENOBEL: eine gar nicht vorhandene Geldsumme, mit der aber operiert wird, um Kredit zu erhalten.

21

Am 14. Mai 1954 wurde Thomas Lieven aus der Haft entlassen. Sein Freund Bastian erwartete ihn vor dem Gefängnis. Die beiden fuhren sogleich an die Riviera, wo sich Thomas ausgiebig auf Cap Ferrat erholte.

Erst im Sommer 1955 kehrte Thomas Lieven heim und zog in sein schönes Haus in der Cecilien-Allee zu Düsseldorf. Noch hatte er einiges Geld, noch besaß er ein Bankkonto bei der »Rhein-Main-Bank«. Seine Nachbarn hielten ihn für einen soliden bundesdeutschen Geschäftsmann, wenngleich sie ein wenig unmutig darüber waren, daß sich so wenig Konkretes über ihn erfahren ließ.

Monatelang tat Thomas nichts anderes, als nachzudenken und sich auszuruhen.

»Mensch, aber irgend etwas müssen wir doch tun«, sagte Bastian Fabre. »Ewig wird unser Geld nicht reichen. Woran denkst du?«

Darauf antwortete Thomas Lieven schlicht: »Ich denke an eine große Aktion mit Aktien. Es soll dabei aber niemand geschädigt werden …« Die große Aktienaktion bereitete Thomas Lieven danach liebevoll durch viele Monate vor. Erst am 11. April 1957 startete er seinen neuen Coup durch die Einladung des fetten, mit Schmissen behafteten Herrn Direktor Schallenberg, der eine Papierfabrik besaß.

Thomas hatte herausgefunden, daß Schallenberg im Kriege unter dem Namen Mack Wehrwirtschaftsführer im sogenannten Warthegau gewesen war und noch immer auf einer Auslieferungsliste der polnischen Regierung stand. Herrn Direktor Schallenberg blieb solcherart nichts anderes übrig, als zähneknirschend zu tun, worum Thomas ihn bat: Er stellte ihm fünfzig Großbogen eines Spezial-Wasserzeichenpapiers zur Verfügung, wie es für die Herstellung von Aktien verwendet wurde.

Was Thomas Lieven mit diesem Papier tat und wie er in Zürich das große Geschäft mit den DESU-Aktien erledigte, ist bekannt. Wir haben es zu Beginn dieses Berichtes ausführlich erzählt. 717 850 Schweizer Franken waren sein Gewinn, als er mit der schönen, jungen Hélène de Couville, die er in Zürich kennengelernt hatte, an die Riviera fuhr.

In der Nacht, in welcher die süße Hélène im Luxushotel »Carlton« zu Cannes seine Geliebte wurde, erlebte Thomas – auch dies berichteten wir bereits – eine grauenvolle Überraschung. Mit erschreckender Wildheit schluchzte Hélène plötzlich los: »Ich habe dich angelogen! Ach, mein geliebter Thomas, ich muß es dir sagen, ich arbeite für den amerikanischen Geheimdienst … Ich … wurde auf dich angesetzt … Der FBI will dich unter allen Umständen anheuern … Und wenn du nicht für uns arbeitest, dann lassen sie dich hochgehen …«

Thomas ließ die Verzweifelte allein. In seinem Schlafzimmer setzte er sich an das offene Fenster und sah empor zu den Sternen, die über dem Mittelmeer glänzten. Über sein wildes, wirres Leben sann Thomas Lieven nach, über dieses tolle Abenteuer, das sich nun vollends im Kreise gedreht hatte, seit jenem warmen Tag im Mai 1939, an dem alles begann …

3. Kapitel

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Schöne und charmante Leserin, kluger und geistreicher Leser! Was unserem Freund zwischen Mai 1939 und Mai 1957 widerfuhr, haben wir Ihnen auf den vergangenen Seiten erzählt.

Ein großer, ein riesengroßer Kreis, der viele Menschen, Länder und Abenteuer, einen Weltkrieg und die Zeit danach umspannt, hat sich soeben geschlossen. Die Geschichte unseres Freundes aber ist noch nicht zu Ende.

Durchaus nicht! Und so berichten wir denn weiter, was sich noch begab …