Und dann, dachte Thomas besorgt, und dann? Ach, wäre die Welt schön, wenn es keine Geheimdienste gäbe!
»Der Major sitzt in Toulouse?«
»Ich habe keine Ahnung, wo er sich jetzt aufhält«, antwortete der Oberst. »Es ist unbestimmt, wann er eintrifft – und wie. Ich habe Befehl, unseren Briefkasten in Toulouse aufzusuchen.«
»Was für einen Briefkasten?« fragte Mimi.
»Briefkasten nennt man einen Menschen, der Nachrichten empfängt oder weitergibt.«
»Aha.«
»Der Mann ist absolut zuverlässig. Gérard Perrier heißt er, ein Garagenbesitzer …«
Auf den mit Flüchtlingen und Truppen verstopften Straßen waren sie viele Tage unterwegs. Der Passierschein, den Thomas von General von Felseneck erhalten hatte, wirkte Wunder. Die deutschen Kontrollen bewiesen exemplarische Höflichkeit! Zuletzt fuhr Thomas sogar mit Wehrmachtsbenzin. Ein Hauptmann in Tours hatte ihm fünf Kanister zur Verfügung gestellt.
Vor Toulouse hielt Thomas an und nahm an seinem Wagen gewisse Veränderungen vor: Er schraubte die CD-Schilder ab und entfernte den amerikanischen Stander und die Fahne auf dem Dach. Diese Utensilien verwahrte er für eventuellen späteren Gebrauch im Kofferraum, aus dem er zwei französische Kennzeichentafeln holte.
»Ich bitte euch, daran zu denken, daß ich von jetzt an nicht mehr Murphy, sondern Jean Leblanc heiße«, sagte er zu Mimi und Siméon. Auf diesen Namen war der falsche Paß ausgestellt, den ihm sein Lehrer Jupiter in der Spionenschule bei Nancy gegeben hatte …
Toulouse war eine Stadt von 250 000 Einwohnern – im Frieden. Nun hausten über eine Million Menschen in ihr. Die Stadt glich einem einzigen hektisch-tragischen Rummelplatz. Riesige Gruppen von Flüchtlingen kampierten im Freien, unter den alten Bäumen der Plätze an der Rue des Changes und in Saint-Sernin. Thomas sah Autos mit Kennzeichen aus ganz Frankreich – und aus halb Europa. Er erblickte einen städtischen Autobus der Pariser Verkehrsbetriebe, der als Fahrtziel noch immer »Arc de Triomphe« angab, und einen Lieferwagen mit der Aufschrift: »Sodawasser- und Kracherlfabrik Alois Schildhammer & Söhne, Wien XIX, Krottenbachstraße 32«.
Während der Oberst seinen »Briefkasten« aufsuchte, bemühten sich Mimi und Thomas, Zimmer aufzutreiben. Sie versuchten es in Hotels, Pensionen und Fremdenheimen. Sie versuchten es überall. Es gab kein einziges freies Zimmer in Toulouse. In den Hotels lebten Familien in Hallen, Speisesälen, Bars und Waschräumen. Die Zimmer waren zwei- oder dreifach überbelegt.
Mit schmerzenden Füßen trafen Mimi und Thomas nach Stunden wieder am Standplatz ihres Wagens ein. Der Oberst saß auf dem Trittbrett des Chryslers. Er sah verstört aus. Die schwarze Tasche hielt er unter dem Arm.
»Was ist passiert?« fragte Thomas. »Haben Sie die Garage nicht gefunden?«
»Doch«, sagte Siméon müde. »Aber Monsieur Perrier nicht mehr. Der Mann ist tot. Es lebt nur noch eine Halbschwester von ihm, Jeanne Perrier. Sie wohnt in der Rue des Bergères 16.«
»Fahren wir hin«, sagte Thomas. »Vielleicht hat sich Major Débras bei ihr gemeldet.«
Die Rue des Bergères lag in der Altstadt, die sich mit ihren engen Kopfsteinstraßen und -gassen und malerischen Häusern seit dem 18. Jahrhundert kaum verändert hatte. Kinder kreischten, Radios spielten, und über die Straßen waren Stricke gespannt, von denen bunte Wäsche flatterte.
In der Rue des Bergères mit ihren Bistros, winzigen Restaurants und kleinen Bars gab es sehr viele hübsche Mädchen. Sie waren ein wenig zu grell geschminkt und ein wenig zu offenherzig angezogen, und sie trippelten hin und her, als ob sie auf etwas Bestimmtes warten würden.
Das Haus Nummer 16 erwies sich als kleines, altmodisches Hotel mit einem verwitterten Restaurant zur ebenen Erde. Über dem Eingang hing eine Messingtafel in Form einer weiblichen Silhouette, und darauf stand:
CHEZ
JEANNE
In einer engen, dunklen Loge fanden sie einen Portier mit brillantinefunkelndem Haar. Eine steile Treppe führte in den ersten Stock des Hotels empor. Der Portier sagte, Madame würde sogleich erscheinen. Wenn die Herrschaften vielleicht inzwischen im Salon Platz nehmen wollten …
Im Salon gab es Kronleuchter, Plüsch und Pleureusen, Topfpflanzen, die verstaubt aussahen, ein Grammophon und einen großen Spiegel, der eine ganze Wand bedeckte. Es roch nach Parfüm und Puder und kaltem Zigarettenrauch.
Ein wenig beklommen sagte Mimi: »O Gott, glaubst du, das ist hier ein …«
»Mhm«, sagte Thomas.
Puritanisch gequält sagte der Oberst: »Wir gehen ja gleich wieder!«
Eine hübsche Frau von fünfunddreißig Jahren kam herein. Sie trug kurzgeschnittenes, löwenfarbenes Haar und war raffiniert geschminkt. Sie sah energisch aus, eine Frau, die das Leben kannte und die es – per saldo – sehr komisch fand. Die Dame hatte Formen, welche sofort das Interesse Thomas Lievens fanden.
Die Stimme der Dame klang ein wenig heiser: »Willkommen, die Herrschaften. Oh, zu dritt! Reizend. Ich bin Jeanne Perrier. Darf ich Ihnen ein paar von meinen kleinen Freundinnen vorstellen?«
Sie klatschte in die Hände.
Eine rotseidene Tapetentür öffnete sich, und drei junge Mädchen kamen herein, unter ihnen eine Mulattin. Sie waren alle drei hübsch und alle drei nackt. Lächelnd marschierten sie zu dem großen Spiegel und drehten sich im Kreise. Die interessante Dame mit dem löwenfarbenen Haar sprach indessen: »Darf ich bekannt machen? Von links nach rechts: Sonja, Bébé, Jeanette …«
»Madame«, unterbrach der Oberst schwach.
»… Jeanette kommt aus Sansibar, sie hat …«
»Madame«, unterbrach der Oberst stärker.
»Monsieur?«
»Hier herrscht ein Mißverständnis. Wir wollen Sie allein sprechen, Madame!« Der Oberst stand auf, trat zu Jeanne Perrier und fragte leise: »Was sagte die Ameise zur Grille?«
Jeanne Perriers Augen verengten sich, als sie leise antwortete: »Tanze nur, tanze, im Winter wirst du bitterlichen Hunger leiden.« Danach klatschte sie wieder in die Hände und sagte zu den Hübschen: »Ihr könnt gehen!« Die drei verschwanden kichernd.
»Sie müssen entschuldigen, ich hatte keine Ahnung …« Jeanne lachte und sah Thomas an. Er schien ihr zu gefallen. Mimi hatte plötzlich eine ärgerliche Falte auf der Stirn. Jeanne sagte: »Zwei Tage vor seinem Tod weihte mein Bruder mich ein. Er nannte mir auch die Erkennungssätze.« Sie wandte sich an Siméon. »Sie sind also der Herr, der die Tasche bringt. Aber der Herr, der die Tasche holen soll, hat noch nichts von sich hören lassen.«
»Dann muß ich auf ihn warten. Es kann noch eine Weile dauern, bis er kommt. Seine Situation ist sehr gefährlich.«
Thomas dachte: Und sie wird noch gefährlicher werden, wenn der Herr auftaucht. Denn er soll die schwarze Tasche nicht bekommen. Siméon hat sie jetzt. Er wird sie nicht behalten. Ich werde dafür sorgen. Ich werde verhindern, daß neues Unheil geschieht, daß noch mehr Blut fließt … Ihr hättet mich in Ruhe lassen sollen, ihr alle! Nun ist es zu spät, nun spiele ich mit – aber auf meine Weise!
Er sagte zu Jeanne: »Madame, Sie wissen, Toulouse ist überfüllt. Könnten Sie uns nicht zwei Zimmer vermieten?«
»Hier?« Mimi fuhr auf.
»Mein Kind, es ist die einzige Möglichkeit, die ich sehen kann …«
Thomas schenkte Jeanne ein werbendes Lächeln: »Bitte, Madame!«
»Ich vermiete meine Zimmer eigentlich nur stundenweise …«
»Madame, erlauben Sie, daß ich Ihrem Herzen einen ganz zarten patriotischen Stoß versetze?« erkundigte sich Thomas.
Jeanne seufzte verträumt. »Ein charmanter Mieter – also gut.«
4
Der Major Débras ließ auf sich warten. Eine Woche verstrich, eine zweite – er tauchte nicht auf. Wie schön, dachte Thomas, alias Jean, wenn er überhaupt nie mehr auftauchen würde!
Er begann, sich im »Chez Jeanne« häuslich einzurichten. Wann immer es seine Zeit erlaubte, ging er der appetitlichen Hotelbesitzerin mit dem löwenfarbenen Haar zur Hand.