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Thomas dachte: Ihr seid so nett mit eurem Mut und euren Plänen. Hoffentlich werdet ihr mir später nicht böse sein. Aber kann ein anständiger Mensch in meiner Lage anders handeln? Ich will nun mal nicht, daß französische Agenten sterben. Aber ich will auch nicht, daß deutsche Landser sterben! Es gibt nicht nur Nazis in meinem Land!

Thomas sagte: »Es ist eine reine Frage der Vernunft, Monsieur Débras. Sie sind ein von allen Hunden gehetzter Mann. Ich bin für die Deutsche Abwehr noch immer ein unbeschriebenes Blatt …«

6

Ein seltsames Spiel des unergründlichen Zufalls wollte es, daß etwa zur gleichen Zeit an diesem Abend der General Otto von Stülpnagel, Militärbefehlshaber in Frankreich, im »Hôtel Majestic«, dem deutschen Stabsquartier zu Paris, sein Sektglas hob, um mit zwei Herren anzustoßen. Einer dieser Herren war der Chef der Deutschen Abwehr, Admiral Wilhelm Canaris, der andere war der kleine, grauhaarige Panzerkorpsgeneral Erich von Felseneck.

Silberhell klangen die Kristallgläser. Vor einem großen Gemälde Napoleons I. prosteten die Herren einander zu. Bunt leuchteten Uniformen aller Waffengattungen. Ordensspangen blitzten.

General von Stülpnagel sagte: »Auf die Leistung der unbekannten, unsichtbaren Helden Ihrer Organisation, Herr Canaris!«

»Auf die ungleich größere Ihrer Soldaten, meine Herren!«

General von Felseneck hatte schon ein bißchen viel getrunken, er lachte verschmitzt: »Seien Sie nicht so bescheiden, Admiral! Ihr Kerle wart schon verflucht gerissen!« Er amüsierte sich. »Darf Ihnen das leider nicht erzählen, Stülpnagel. Wurde nämlich zum Geheimnisträger gemacht. Aber: Er hat schon ein Köpfchen, unser Canaris!«

Sie tranken.

Die Generäle Kleist und Reichenau traten heran und entführten den Kollegen Stülpnagel.

Canaris betrachtete den General von Felseneck mit plötzlichem Interesse. Er offerierte Zigarren und erkundigte sich beiläufig: »Wovon sprachen Sie eben, Herr von Felseneck?«

Felseneck kicherte: »Bin Geheimnisträger, Herr Canaris! Aus mir bekommen Sie kein Wort heraus!«

»Wer hat Ihnen denn dieses absolute Schweigen auferlegt?« wollte der Admiral wissen.

»Einer Ihrer Leute – toller Junge, also wirklich, Hut ab!«

Canaris lächelte, aber seine Augen blieben ernst. »Nun erzählen Sie schon! Ich möchte doch wissen, welcher unserer kleinen Tricks solchen Eindruck auf Sie gemacht hat!«

»Na schön. Wäre ja auch zu dämlich, wenn man mit Ihnen nicht darüber reden dürfte! Also, ich sage nur: die schwarze Tasche!«

»Aha!« Canaris nickte freundlich. »Jaja, die schwarze Tasche!«

»Das war vielleicht ein Kerl, Herr Canaris! Wie der vor mir als amerikanischer Diplomat auftrat. Die Sicherheit! Die Ruhe, nachdem ihn einer meiner Leute verhaftet hatte!« Von Felseneck lachte herzlich: »Bringt zwei französische Spione und die gesamten Dossiers des ›Deuxième Bureau‹ für uns in Sicherheit und nimmt sich noch die Zeit, mir zu erklären, wie man Kartoffelgulasch kocht! Immer wieder muß ich an den Jungen denken. Wollte wahrhaftig, ich hätte so etwas in meinem Stab!«

»Ja«, sagte Canaris, »es gibt schon ein paar fixe Knaben in der Branche. Ich erinnere mich an die Geschichte …« Er hatte natürlich keine Ahnung von der Geschichte. Aber sein Instinkt sagte ihm: Hier mußte etwas Fürchterliches passiert sein! Gespielt harmlos überlegte er: »Warten Sie mal, wie hieß der Mann doch gleich?«

»Lieven, Thomas Lieven! Leitstelle WBK Köln. Er zeigte mir zuletzt seinen Ausweis. Thomas Lieven! Werde den Namen nie vergessen!«

»Lieven, natürlich. Das ist auch ein Name, den man sich merken muß!« Canaris winkte eine Ordonnanz heran und nahm zwei Gläser voll Champagner von einem schweren Silbertablett. »Kommen Sie, lieber General, trinken wir noch einen Schluck. Setzen wir uns in diesen Alkoven. Erzählen Sie mir mehr von Ihrer Begegnung mit Freund Lieven. Ich bin gern stolz auf meine Leute …«

7

Unbarmherzig schrillte das Telefon. Schweißgebadet fuhr Major Fritz Loos in seinem Bett hoch. Immer diese Aufregungen, dachte er schlaftrunken. Sauberuf, den ich habe!

Endlich fand er den Schalter der Nachttischlampe, endlich hatte er den Hörer am Ohr. Er krächzte: »Loos!«

In der Leitung knisterte und krachte es: »Führungsblitzgespräch aus Paris. Verbinde mit Herrn Admiral Canaris …«

Bei dem letzten Wort zuckte ein stechender Schmerz durch des Majors Leib. Die Galle, dachte er bitter. Na fein. Also das auch noch.

Dann hörte er eine bekannte Stimme: »Major Loos?«

»Herr Admiral?«

»Hören Sie mal, da ist eine ungeheure Schweinerei passiert …«

»Schweinerei, Herr Admiral?«

»Kennen Sie einen gewissen Thomas Lieven?«

Der Hörer entglitt der Hand des Majors und fiel auf die Bettdecke. Die Membrane quakte. Aufgeregt nahm Major Loos den Hörer wieder ans Ohr und stammelte: »Jawohl, Herr Admiral, kenne den – den Namen …«

»Sie kennen also den Kerl? Haben Sie ihm einen Abwehrausweis gegeben?«

»Jawohl, Herr Admiral!«

»Warum?«

»Er … Lieven wurde von mir angeworben, Herr Admiral. Aber es – es hat nicht funktioniert … Er ist verschwunden. Ich habe mir bereits Sorgen gemacht …«

»Mit Recht, Major Loos, mit Recht! Nehmen Sie den nächsten Zug, das nächste Flugzeug. Ich erwarte Sie im ›Hôtel Lutetia‹! So bald wie möglich, verstanden?«

Das »Hôtel Lutetia« am Boulevard Raspail war das Hauptquartier der militärischen Abwehr Paris.

»Jawohl, Herr Admiral«, sagte Major Loos ergeben. »Ich komme, so schnell ich kann. Was – wenn ich Herrn Admiral fragen darf –, was hat der Kerl denn angestellt?«

Canaris sagte, was der Kerl angestellt hatte. Major Loos wurde bleich und bleicher. Zuletzt schloß er die Augen. Nein, nein, nein, das ist doch nicht möglich! Und ich bin an allem schuld …

Die Stimme aus Paris dröhnte wie eine der Posaunen von Jericho: »… Der Mann besitzt Listen mit den Namen, Adressen und Erkennungszeichen aller französischen Agenten! Wissen Sie, was das bedeutet? Der Mann ist lebenswichtig und lebensgefährlich für uns! Wir müssen ihn kriegen, koste es, was es wolle!«

»Jawohl, Herr Admiral, ich nehme meine fähigsten Leute …« Kriegerisch richtete sich Major Loos im Bett auf. Das Nachthemd verwischte die eindrucksvolle Pose. »Wir kriegen die Listen. Wir machen den Mann unschädlich. Und wenn ich ihn persönlich niederknallen muß …«

»Sie sind wohl wahnsinnig geworden, Major Loos!« sagte die Stimme aus Paris sehr leise. »Den Mann will ich lebend haben! Der ist viel zu gut zum Erschießen!«

8

20. August 1940, 02 Uhr 15:

 – achtung ssg – achtung ssg – dringlichkeit römisch eins – von chef abwehr – an alle dienststellen geheime feldpolizei frankreich – gesucht wird deutscher staatsangehöriger thomas lieven – 30 jahre alt – schlank – schmales gesicht – dunkle augen – kurzgeschnittenes, schwarzes haar – elegant zivil gekleidet – spricht fließend deutsch, englisch, französisch – besitzt echten ausweis der deutschen abwehr, ausgestellt von major fritz loos, wbk köln – echten reisepaß deutsches reich nr 54 32 3 11 serie c – falschen amerikanischen diplomatenpaß auf den namen william s. murphy – gesuchter verließ paris am 15. juni 1940 in schwarzem chrysler mit cd-zeichen und amerikanischer flagge auf dem dach – besaß passierschein, ausgestellt von general erich von felseneck – reiste in begleitung einer jungen französin und eines franzosen – gesuchter im besitz wichtigster feinddokumente – fahndung sofort aufnehmen – informationen und fehlanzeigen sofort melden an major loos, leiter sondergruppe z, hauptquartier gfp paris – bei verhaftung lievens nur in äußerstem notfalle von waffe gebrauch machen – ende –