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Nun will ich dir ein bißchen Bewegung verschaffen, mein Alter, dachte Thomas, in ein Taxi springend. Auch Loos sprang. Zwei Taxis sausten los, dem Zentrum der Siebenhügelstadt entgegen. Von sechs herrlichen Urlaubswochen her kannte Thomas die imposante Hauptstadt Portugals recht gut.

Auf dem Praça Dom Pedro ließ er das Taxi halten und stieg wieder aus. Hinter ihm hielt das Taxi des Majors. Die Kaffeehäuser mit ihren Straßengärten rund um den großen Platz quollen über von Portugiesen und Emigranten, die leidenschaftlich miteinander debattierten. Im Vorübergehen hörte Thomas Lieven sämtliche Sprachen Europas.

Er ließ sich in dem Menschenstrudel ebenso treiben wie der Major, der sich verzweifelt bemühte, ihn nicht aus den Augen zu verlieren.

Jetzt, sagte Thomas in Gedanken zu dem Major, wollen wir ein bißchen laufen, mein Alter; Bewegung ist gut für die Gesundheit. Und so marschierte Thomas denn eilig hinab zu den engen, winkeligen Straßen am Meer und wieder empor zu den steil ansteigenden Hauptverkehrsadern, benützte Durchgänge und Arkaden, bog unerwartet um Ecken, sorgte jedoch stets dafür, daß er dem Major nichts Übermenschliches zumutete. Dieser sollte ihn verfluchen – aber nicht verlieren.

Über eine Stunde trieb Thomas Lieven solcherlei Hasch-mich-Spiel, dann nahm er wieder ein Taxi und fuhr, gefolgt von dem Major, zu dem Fischerdorf Cascais in der Nähe des Luxusbadeortes Estoril hinaus. Hier kannte er ein elegantes Terrassenrestaurant.

Die Sonne versank blutrot im Meer, der Abend kam mit lauen Winden. Das kleine Fischerdorf in einer Bucht der Tejo-Mündung war der malerischste Ort in der Umgebung von Lissabon. Thomas Lieven freute sich darauf, ein Schauspiel zu genießen, das man hier allabendlich verfolgen konnte: die Heimkehr der Fischerflotte. Vor dem Restaurant stieg er aus seinem Taxi. Hinter ihm bremste der alte, klapprige Wagen des Majors. Der deutsche Abwehroffizier kletterte, nach Luft schnappend, ins Freie. Er sah elend aus.

Thomas beschloß, das grausame Spiel zu beenden. Er ging auf Loos zu, lüpfte den Homburg und sprach freundlich wie zu einem verlorenen Kind: »Hier wollen wir uns erst einmal ein wenig ausruhen. Die letzten Tage waren gewiß sehr anstrengend für Sie.«

»Das kann man wohl sagen.« Der Major versuchte den Nimbus seines Berufes zu wahren. Er schnarrte: »Und wenn Sie bis ans Ende der Welt fahren, mir entkommen Sie nicht mehr, Lieven!«

»Nicht doch, mein Alterchen, nicht doch! Wir sind nicht mehr in Köln. Hier gilt ein deutscher Major nicht besonders viel, mein lieber Loos!«

Der Major in Zivil schluckte schwer. »Wenn Sie mich freundlicherweise Lehmann nennen wollten, Monsieur Leblanc.«

»Na also! Der Ton gefällt mir schon wesentlich besser. Nehmen Sie Platz, Herr Lehmann. Sehen Sie mal hinunter, ist das nicht wundervoll?«

In der Tiefe kehrte die Fischerflotte, ein Gewimmel von Booten mit lateinischen Segeln, einem gewaltigen Schmetterlingsgeschwader gleich, in die Tejo-Mündung heim. Wie vor tausend Jahren zogen die Schiffer ihre Boote über Holzrollen an Land, schreiend und singend. Frauen und Kinder halfen mit, und überall auf dem dunklen Strand wurden Feuer in kleinen Tonöfen entzündet.

Zum Strand hinabblickend, erkundigte sich Thomas: »Wie haben Sie mich eigentlich gefunden?«

»Wir konnten Ihre Spur bis Toulouse verfolgen. Alle Achtung übrigens! Die Damen bei Madame Jeanne haben sich hervorragend benommen. Weder mit Drohungen noch mit Versprechungen war etwas aus ihnen herauszubekommen.«

»Wer hat mich verraten?«

»Ein übles Subjekt … Alfonse heißt er … Dem müssen Sie einmal etwas angetan haben.«

»Der armen Bébé wegen, ja, ja.« Thomas erinnerte sich träumerisch. Er sah den Major offen an. »Portugal ist ein neutrales Land, Herr Lehmann. Ich möchte Sie warnen. Ich werde mich wehren.«

»Aber, lieber Herr Lieven … pardon, Monsieur Leblanc, Sie leben unter vollkommen falschen Vorstellungen. Ich habe Auftrag von Admiral Canaris, Ihnen volle Straffreiheit zuzusichern, wenn Sie nach Deutschland zurückkehren. Und ich habe ferner den Auftrag, Ihnen die bewußte schwarze Tasche abzukaufen.«

»Oh.«

»Was verlangen Sie dafür?« Der Major neigte sich über den Tisch. »Ich weiß, daß Sie die Listen noch haben.«

Thomas senkte den Blick. Dann stand er auf und entschuldigte sich kurz. »Ich muß telefonieren.«

Er ging aber nicht zum Telefon des Restaurants. Unter den Umständen schien ihm das nicht sicher genug zu sein. Er wanderte ein paar Schritte die Straße entlang zu einer Fernsprechzelle und rief das Hotel »Palacio do Estoril-Parque« an. Er verlangte Miß Hastings. Die amerikanische Stewardeß meldete sich sofort. »Oh, Jean, wo bleibst du bloß? Ich habe solche Sehnsucht nach dir!«

»Es wird wohl spät werden, hm, hm. Eine geschäftliche Besprechung. Mabel, heute morgen, als ich dir in Marseille packen half, habe ich aus Versehen eine schwarze Ledertasche in deinen Koffer gelegt. Sei ein Schatz und trage sie hinunter zum Portier. Er soll sie in den Tresor legen.«

»Gerne, Darling … Und bitte, bitte, sieh zu, daß es nicht zu spät wird. Ich muß doch morgen nach Dakar fliegen!«

Während er noch diese Worte vernahm, hatte Thomas Lieven plötzlich das untrügliche Gefühl, daß jemand vor der Zelle stand und lauschte. Er stieß die Tür jäh auf. Mit einem Aufschrei taumelte ein hagerer Mann zurück und hielt sich die schmerzende Stirn.

»O pardon«, sagte Thomas Lieven. Dann hob er die Brauen und lächelte gottergeben. Er kannte diesen Mann, der aussah wie ein naher Verwandter des Majors Loos. Auf dem Flughafen von London war Thomas ihm begegnet, damals im Mai 1939, als er ausgewiesen wurde. Ausgewiesen von diesem Mann.

3. Kapitel

1

Es ist soweit, dachte Thomas Lieven: Ich habe den Verstand verloren! Ich glaube in dem Mann, dem ich soeben eine portugiesische Telefonzellentür gegen den Schädel gerammt habe, Mr. Lovejoy vom »Secret Service« wiederzuerkennen. So etwas ist natürlich nur als ganz und gar verrückt zu bezeichnen. Denn dieser Mann kann nicht Lovejoy sein. Wie käme Lovejoy aus London wohl hierher an die Peripherie von Lissabon? Was hätte er wohl hier zu suchen?

Thomas beschloß, ein äußerstes Experiment zu wagen. Er überlegte: Ich werde dieses Phantom, diese Ausgeburt meiner anormalen Phantasie mit »Lovejoy« anreden. Dann wird sich sogleich herausstellen, ob ich wirklich verrückt geworden bin.

Thomas Lieven hob die Brauen und sagte: »Wie geht es Ihnen, Mister Lovejoy?«

»Schlechter als Ihnen, Mister Lieven«, antwortete der Hagere darauf prompt. »Glauben Sie, das war ein Vergnügen, Ihnen durch ganz Lissabon nachzulaufen? Und jetzt auch noch die Tür!« Lovejoy wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Nacken. Auf seiner Stirn wuchs langsam, aber unaufhörlich eine Beule.

Also nicht ich bin irrsinnig, die Welt, in der ich lebe, ist es! Und der Irrsinn geht weiter! Und jetzt bekommt er anscheinend auch noch Methode, dachte Thomas. Er holte tief Luft, lehnte sich an die Telefonzelle und sagte: »Wie kommen Sie nach Lissabon, Mister Lovejoy?«

Der Vertreter großbritannischer Interessen verzog das Gesicht und meinte: »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mich Ellington nennen würden. So heiße ich nämlich in Portugal.«

»Eine Hand wäscht die andere. Dann nennen Sie mich aber auch Leblanc. So heiße ich nämlich in Portugal. Im übrigen ist damit noch nicht meine Frage beantwortet.«

Der Mann, der sich gerade Ellington nannte, erkundigte sich aufgebracht: »Sie halten uns Leute vom Geheimdienst wohl immer noch für Idioten, was?«

Der Mann, der sich gerade Leblanc nannte, antwortete höflich: »Ich bitte herzlich, mir die Antwort auf diese Suggestivfrage zu erlassen.«