Der britische Agent trat dicht an ihn heran: »Glauben Sie, wir wissen nicht, daß Admiral Canaris persönlich hinter Ihnen her ist? Glauben Sie, wir hören in London die deutschen Funksendungen nicht ab?«
»Ich dachte, sie senden chiffriert?«
»Wir haben ihren Dechiffrier-Code.«
»Und die Deutschen haben euren«, sagte Thomas, plötzlich unendlich erheitert. »Warum setzt ihr euch eigentlich nicht zusammen und spielt ›Schwarzer Peter‹?«
Grimmig sagte der Engländer: »Ich weiß, Sie sind ein Zyniker, ohne Herz. Ich weiß, Ihnen ist nichts heilig. Ich habe Sie sofort durchschaut – schon damals auf dem Flughafen in London. Sie sind ein Subjekt ohne Ehrgefühl, ohne Moral, ohne Verstand, ohne Charakter …«
»Schmeichler!«
»Und darum habe ich sofort gesagt: Laßt mich mit dem Burschen verhandeln! Der versteht nur eine Sprache, die!« Lovejoy rieb Daumen und Zeigefinger gegeneinander.
»Moment mal, immer hübsch der Reihe nach! Sagen Sie mir jetzt endlich, wie Sie hierherkommen!«
Lovejoy sagte es.
Wenn man ihm glauben wollte – und das mußte man wohl –, dann hatte der britische Geheimdienst in der Tat alle Funksprüche abgehört, die mit der Fahndung des Majors Loos nach Thomas Lieven zusammenhingen. Die letzte Funkmeldung hatte die frohe Kunde gebracht, daß Loos dem Gesuchten nach Lissabon folgen würde.
»… nach Lissabon!« schloß Lovejoy seinen Bericht. »Ich flog sofort mit einer Kuriermaschine los. Ich kam zwei Stunden vor Ihnen an. Ich verfolgte Sie vom Flughafen bis hierher. Sie und den anderen Herrn, der jetzt da drüben auf der Terrasse des Restaurants sitzt. Ich nehme an, das ist Major Loos.«
»Welcher Scharfsinn! Sie kennen den Major noch nicht persönlich?«
»Nein.«
»Mein Gott, dann kommen Sie doch mit hinüber in das Restaurant. Ich mache Sie miteinander bekannt. Wir essen zusammen, Muscheln natürlich, in Cascais muß man Muscheln essen …«
»Hören Sie mit dem Quatsch auf! Wir wissen, daß Sie ein doppeltes Spiel treiben!«
»Aha.«
»Sie besitzen eine Tasche mit den Listen der wichtigsten französischen Agenten in Frankreich und Deutschland. Ich werde nicht zulassen, daß Sie diese Listen an den famosen Major Loos verschachern! Er wird Ihnen Geld bieten, gewiß, viel Geld …«
»Ihr Wort in Gottes Ohr!«
»… aber ich biete ebensoviel, ich biete mehr!« Lovejoy lachte verächtlich auf. »Denn ich weiß, Sie interessiert nur Geld! Für Sie gibt es nicht Ehr’ und Glauben, nicht Gewissen und nicht Reue, keinen Idealismus, keine Anständigkeit …«
»So«, sagte Thomas Lieven gemessen, »jetzt reicht es, jetzt halten Sie aber schnell die Schnauze. Wer hinderte mich denn, nach England zurückzukehren und weiterzuleben wie ein friedlicher Bürger? Wer hat denn mitgeholfen, meine Existenz zu zerstören? Sie und Ihr dreimal verfluchter Geheimdienst. Glauben Sie, daß ich Sie sehr sympathisch finde, Sir?« Und er dachte: Jetzt sollt ihr aber was erleben, ihr verflixten Kerle. Alle miteinander!
»Entschuldigen Sie die Unterbrechung«, sagte Thomas Lieven, als er drei Minuten später zu Major Loos zurückkehrte, den man für einen nahen Verwandten seines angelsächsischen Berufskollegen halten konnte.
»Haben einen Bekannten getroffen, was? Ich sah Sie drüben bei der Telefonzelle stehen.«
»Einen alten Bekannten, ach ja! Und einen Konkurrenten von Ihnen, Herr Lehmann.«
Auf der Terrasse des Restaurants brannten jetzt Dutzende von Windlichtern, und aus der Tiefe klang noch immer der kehlige, feierliche Gesang der Fischer. Sanfter Südwestwind blies von der Mündung des Tejo her, der in der Dämmerung die Farbe von rauchigem Perlmutter angenommen hatte.
Loos wiederholte nervös: »Konkurrenten?«
»Der Herr arbeitet für den ›Secret Service‹.«
Loos schlug auf den Tisch und rief unbeherrscht: »Sie verfluchter Hund!«
»Nicht doch«, sagte Thomas rügend, »nicht doch, Lehmann. Wenn Sie sich nicht manierlich benehmen können, werde ich Sie allein lassen!«
Der Major nahm sich sehr zusammen. »Sie sind Deutscher. Ich appelliere an Ihr Vaterlandsgefühl …«
»Lehmann, zum letztenmaclass="underline" Sie sollen sich anständig benehmen!«
»Kommen Sie mit mir zurück in die Heimat. Sie haben mein Ehrenwort als Abwehroffizier: Es geschieht Ihnen nichts! Am Ehrenwort eines Abwehroffiziers soll man nicht drehen und deuteln …«
»Sondern es am besten von vornherein nicht glauben«, sagte Thomas sanft.
Der Major schluckte schwer. »Dann verkaufen Sie mir die schwarze Tasche. Ich biete dreitausend Dollar.«
»Der Herr aus London bietet jetzt schon das Doppelte.«
»Und wieviel wollen Sie?«
»Dämliche Frage. Soviel ich kriegen kann.«
»Sie sind ein Schuft ohne Charakter.«
»Ja, das hat Ihr Kollege auch eben konstatiert.«
Von einem Moment zum anderen wechselte der Gesichtsausdruck des Majors. Er murmelte bewundernd: »Mensch, daß wir Sie nicht haben können …«
»Wieviel, Lehmann, wieviel?«
»Ich darf … Ich muß erst in Berlin rückfragen, neue Weisungen erbitten …«
»Erbitten Sie, Lehmann. Erbitten Sie, und beeilen Sie sich. Mein Schiff läuft in ein paar Tagen aus.«
»Sagen Sie mir nur eines: Wie haben Sie die Tasche ins Land gebracht? Sie wurden doch von den portugiesischen Zollbeamten bis auf die Haut durchsucht?«
»Ich habe mich fremder Hilfe versichert.« Thomas Lieven dachte dankbar an sein scheues Rehlein. »Wissen Sie, Lehmann, für solche Tricks braucht man eine für Sie und Ihresgleichen unerschwingliche Kleinigkeit.«
»Nämlich was?«
»Nämlich Charme.«
»Sie hassen mich, ja?«
»Herr Lehmann, ich habe ein glückliches Leben geführt, ich war ein zufriedener Bürger. Sie und Ihre Kollegen aus England und Frankreich sind schuld daran, daß ich heute hier sitze. Soll ich Sie dafür lieben? Ich wollte mit euch nichts zu tun haben. Nun seht zu, wie ihr mit mir fertig werdet. Wo wohnen Sie?«
»In der Casa Senhora de Fatima.«
»Ich wohne im Hotel ›Palacio do Estoril-Parque‹. Der Herr aus London übrigens auch. Fragen Sie Ihren Chef, wieviel ihm die schwarze Tasche wert ist. Ihr Kollege fragte heute nacht seinen Chef … So, und jetzt will ich endlich essen!«
2
Die Nacht blieb warm.
In einem offenen Taxi fuhr Thomas Lieven nach Lissabon zurück. Er sah, wie die mondbeschienenen Schaumkronen des Meeres sich an der Küste brachen, sah Luxusvillen am Rand der breiten Autostraße, sah dunkle Pinienwälder, Palmen und auf sanften Hügeln romantische Lokale, aus denen Frauenlachen und verwehte Tanzmusik zu ihm drangen.
Vorbei an dem Modebadeort Estoril fuhr er, vorüber an dem lichterfunkelnden Spielkasino und den beiden großen Hotels.
Europa versank in Schutt und Asche, mehr und mehr – aber hier lebte man noch wie im Paradies.
In einem vergifteten Paradies, dachte Thomas Lieven, einem tödlichen Garten Eden, angefüllt mit den Reptilien vieler Nationen, die einander bespitzelten und bedrohten. Hier in Portugals Hauptstadt war ihr Treffpunkt. Hier machten sie sich wichtig und trieben ihr Unwesen zu Scharen, die Herren der sogenannten »Fünften Kolonnen«, diese Harlekine des Teufels …
Im Herzen von Lissabon, auf dem prunkvollen Praça Dom Pedro, mit seinem schwarz-weißen Mosaikpflaster, stieg Thomas Lieven aus. Die Straßengärten der großen Kaffeehäuser, die den riesigen Platz säumten, waren noch immer voll besetzt von Einheimischen und Fremden.
Mit gewaltigen Schlägen verkündeten die Kirchturmuhren ringsum die elfte Nachtstunde. Indessen die Glocken noch hallten, sah Thomas zu seiner Verblüffung, wie Portugiesen und Flüchtlinge aus Österreich, Deutschland, Polen, Frankreich, Belgien, der Tschechoslowakei, Holland und Dänemark zu Hunderten von ihren Stühlen aufsprangen und zum unteren Ende des Praça Dom Pedro stürzten. Thomas ließ sich mitreißen in dem Meer von Menschenleibern.