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Am Ende des Platzes befand sich ein gewaltiges Zeitungsgebäude. Unter dem Dach gab es ein Leuchtschriftband, über welches die letzten Nachrichten liefen. Tausende von Augen starrten gebannt zu der Lichtschrift empor, die für Unzählige gleichbedeutend war mit einer Entscheidung über Leben oder Tod.

Thomas las:

… (DNB): Deutscher Reichsaußenminister von Ribbentrop und italienischer Außenminister Ciano klären im Wiener Schloß Belvedere durch deutsch-italienischen Schiedsspruch endgültig die Frage der neuen ungarisch-rumänischen Grenzziehung …

(United Press): Deutsche Luftwaffe setzt ihre massiven Angriffe auf die britische Insel fort – Schwere Schäden und Verluste an Menschenleben in Liverpool – London – Weybridge und Felixtown …

(International News Service): Massiver Angriff italienischer Bomber auf Malta – Konzentrierte Angriffe auf britische Militärdepots in Nordafrika …

Thomas Lieven drehte sich um und blickte in die Gesichter der Menge. Er sah nur wenig gleichgültige, aber unzählige gepeinigte, geängstigte, verfolgte und hoffnungslose Menschen.

Auf seinem Weg zum Hotel wurde Thomas Lieven viermal von schönen jungen Frauen angesprochen, einer Wienerin, einer Pragerin, einer Pariserin. Der jüngsten, einem halben Kind, das aussah wie die Madonna, gab er Geld und wünschte ihr alles Gute. Sie sagte ihm, daß sie aus Spanien geflüchtet sei, vor Franco.

Betäubend dufteten die Blumen im Garten des sechsstöckigen Parque-Hotels. Auch die Halle glich einem exotischen Blütenmeer. Als Thomas sie durchschritt, folgten ihm Dutzende von aufmerksamen, lauernden, mißtrauischen und alarmierten Blicken.

Auch hier hörte er fast alle Sprachen Europas.

Aber hier saßen keine gepeinigten, geängstigten, hoffnungslosen Menschen. Hier saßen sie zu Haufen, Agenten und Agentinnen, die in Luxus und Wohlstand ihr ebenso gemeines wie idiotisches Handwerk betrieben – im Namen der jeweiligen Vaterländer.

Als Thomas sein Appartement betrat, schlangen sich weiche Arme um seinen Nacken, und er roch Mabel Hastings’ Parfüm. Die junge Stewardeß trug eine weiße Perlenkette und hochhackige Schuhe; sonst nichts.

»Ach, Jean, endlich – endlich … Wie habe ich auf dich gewartet!« Sie küßte ihn zärtlich, er erkundigte sich sachlich: »Wo ist die schwarze Tasche?«

»Deponiert im Hoteltresor – wie du mir aufgetragen hast …«

»So ist es gut«, sagte Thomas Lieven. »Dann wollen wir jetzt nur noch von der Liebe reden.«

Am nächsten Morgen um 8 Uhr 30 flog eine müde, aber heitere Mabel Hastings nach Dakar. Am nächsten Morgen um 10 Uhr machte sich Thomas Lieven, heiter und durchaus nicht müde, nach einem umfangreichen Frühstück daran, vor seiner Abreise aus Europa noch gründliche Rache an seinen Peinigern vom deutschen, englischen und französischen Geheimdienst zu nehmen …

In der größten Buchhandlung der Stadt, in der Avenida da India, suchte am Morgen des 31. August 1940 ein elegant gekleideter Herr nach Plänen von deutschen und französischen Städten. Tatsächlich fand er auch solche Pläne, unter anderem in einem Baedeker aus dem Jahre 1935. Danach wanderte Thomas Lieven zum Hauptpostamt. Seinem Charme und seiner Überredungskunst erlag eine ältere Beamtin. Eine Stunde lang standen ihm Telefonbücher von fünf deutschen und vierzehn französischen Städten zur Verfügung. Die Hauptpost der Weltstadt Lissabon besaß eine komplette Bibliothek aller europäischen Telefonverzeichnisse.

Aus diesen Telefonbüchern schrieb Thomas insgesamt 120 Namen und Adressen heraus. Dann kehrte er in sein Hotel zurück, holte die schwarze Tasche aus dem Tresor und begab sich in sein angenehm kühles Appartement im ersten Stock, vor dessen Fenstern sich ein Park mit märchenhaften Pflanzen und Bäumen, Springbrunnen und bunten Papageien ausbreitete.

Um in einen möglichst ausgeglichenen Geisteszustand zu geraten, ließ er sich vom Etagenkellner rasch noch einen Tomatencocktail kredenzen, dann machte er sich an die Arbeit.

Er öffnete die schwarze Tasche. Sie enthielt sein gesamtes Bargeldvermögen. Sie enthielt sechs engbeschriebene Listen sowie neue Konstruktionspläne von schweren Panzern, Flammenwerfern und einem Jagdbomber.

Am liebsten würde ich diesen verfluchten Dreck gleich ins Klo werfen, dachte Thomas, aber sicherlich weiß Major Débras von den Plänen und würde sie vermissen. Die Herren Lovejoy und Loos jedoch wissen nichts von ihrer Existenz, die wollen nur die Listen. Und Listen sollen sie haben …

Er sah die sechs Schreibmaschinenbogen an. Sie nannten die Namen der Offiziere und zivilen Angehörigen des »Deuxième Bureau«, von französischen Agenten in Deutschland, von Vertrauenspersonen in Deutschland und Frankreich – 117 Namen insgesamt.

Hinter den Namen standen die Adressen. Und hinter den Adressen standen jeweils zwei Sätze. Mit dem ersten war der Agent anzusprechen. Mit dem zweiten hatte der Agent zu antworten. Erst dann konnte man sicher sein, es mit ihm persönlich und keinem anderen zu tun zu haben.

Thomas Lieven las zum Beispieclass="underline" Willibald Lohr, Düsseldorf, Sedanstraße 34; 1. »Haben Sie vielleicht einen kleinen grauen Zwergpudel mit rotem Halsband gesehen?« 2. »Nein, aber in Lichtenbroich draußen wird noch Honig verkauft.«

Adolf Kunze-Wilke, Berlin-Grunewald, Bismarckallee 145; 1. »Sind das Ihre Tauben auf dem kupferfarbenen Dach des Gartenhäuschens?« 2. »Lenken Sie nicht ab. Ihre Garderobe ist nicht in Ordnung.«

Und so weiter.

Thomas schüttelte den Kopf und seufzte. Dann spannte er einen Bogen in die neue Schreibmaschine und entfaltete einen Stadtplan von Frankfurt am Main. Aus dem Münchner Telefonbuch hatte er unter anderen den Namen Friedrich Kesselhuth gewählt.

Diesen Namen tippte er nun, dann beugte er sich über den Stadtplan von Frankfurt.

Nehmen wir mal die Erlenstraße, dachte er. Die Erlenstraße lag an der Mainzer Landstraße. Es war eine kurze Straße. Thomas sah nach dem Kartenmaßstab – 1:16 000.

Wie viele Häuser können in der Erlenstraße stehen? überlegte Thomas. Dreißig. Vierzig. Aber niemals sechzig. Trotzdem. Sicher ist sicher.

Er tippte: Friedrich Kesselhuth, Frankfurt am Main, Erlenstraße 77. Und dahinter: 1. »Hat die kleine Verkäuferin bei Fechenheim eigentlich blonde oder schwarze Haare?« 2. »Sie müssen den Harzer Roller rasch essen, er verpestet die Luft.«

So, der nächste!

Einen Herrn Paul Giggenheimer aus Hamburg-Altona transportierte Thomas nach Düsseldorf in das Haus 51 der äußerst kurzen Rubensstraße. 1. »Galsworthy wurde 66 Jahre alt.« 2. »Wir müssen unsere Kolonien wiederhaben.«

Das wäre Nummer zwei, dachte Thomas Lieven. Jetzt brauche ich noch einhundertfünfzehn. Und den ganzen Mist muß ich dreimal tippen. Für Lovejoy. Für Loos. Für Débras. Ganz hübsche Arbeit. Wird aber auch gut bezahlt!

Er tippte weiter. Nach einer halben Stunde überfiel ihn plötzlich lähmende Niedergeschlagenheit. Er ging zum Fenster und sah in den Park hinab.

Verflucht noch mal, dachte er, so geht das ja überhaupt nicht!

Ich habe mir vorgenommen, die echten Listen aus der Welt zu schaffen, weil sie nur neues Unheil anrichten können, egal, wer sie bekommt, die Deutschen, die Engländer oder die Franzosen. Ich will nicht, daß durch diese Listen noch mehr Menschen sterben.

Andererseits will ich mich an all den Idioten rächen, die mein Leben zerstört haben. Aber räche ich mich so wirklich an ihnen? Verhindere ich so wirklich, daß neues Unheil angerichtet wird?

Wenn die Franzosen und die Engländer mit meinen gefälschten Listen arbeiten wollen, werden sie feststellen, daß nichts stimmt. Das wäre gut so! Aber die Deutschen!

Nehmen wir an, es gibt einen Namensvetter des Münchners Friedrich Kesselhuth in Frankfurt, er hat nur einfach kein Telefon. Oder nehmen wir an, die Erlenstraße in Frankfurt ist inzwischen verlängert worden, es gibt dort jetzt wirklich ein Haus Nr. 77 – die Gestapo wird alle Männer namens Kesselhuth holen. Man wird sie quälen, einsperren, töten …

Und das ist erst ein Name und eine Adresse. Und 116 andere stehen auf den Listen!