Vielleicht merken die Herren der drei Geheimdienste, daß ich sie hereingelegt habe, und werfen die Listen fort. Vielleicht sind sie wenigstens so intelligent. Ach, nach allem, was ich bisher erlebt habe, darf ich mich darauf nicht verlassen!
Aber verflucht, am 3. September kommt Débras und will die Tasche haben. Was mache ich bloß?
Wie einfach ist es, Menschen zu verraten und zu töten. Und wie umständlich, wie mühevoll ist es doch, Menschen zu bewahren und zu beschützen vor Schmerz, Verfolgung und Tod …
3
Das Telefon klingelte.
Thomas Lieven schrak aus seinen Gedanken auf und nahm den Hörer ans Ohr. Er schloß die Augen, als er die bekannte Stimme vernahm: »Hier Lehmann. Ich habe mit dem bewußten Herrn telefoniert. Also – 6000 Dollar.«
»Nein«, sagte Thomas.
»Was, nein?« Panik klang auf in der Stimme des Majors aus Köln. »Haben Sie schon verkauft?«
»Nein.«
»Was dann?«
Bedrückt sah Thomas auf das Blatt, das in der Maschine steckte. »Ich stehe noch in Verhandlungen. Ich nehme Ihr Angebot zur Kenntnis. Rufen Sie morgen wieder an.« Er hängte ohne ein weiteres Wort ein.
Fritz Loos müßte ich einen von den Kerlen auf meinen Listen nennen, dachte er wütend. Dann packte er alle Papiere in die schwarze Mappe und trug sie hinunter zum Chefportier, der sie in den Hoteltresor einschloß. Thomas hatte vor, einen kleinen Spaziergang zu machen und nachzudenken. Es mußte eine Lösung für sein Problem geben, mußte, mußte …
In der Halle saß der Agent Lovejoy. Er trug immer noch eine mächtige Beule auf der Stirn.
Lovejoy sprang auf und kam mit gierigen Augen heran. »Die Tasche, wie? Habe sie deutlich gesehen. Also, was ist?«
»Ich stehe noch in Verhandlungen. Fragen Sie mich morgen.«
»Hören Sie, ich biete mehr als Ihr Nazi, ich biete auf alle Fälle mehr!«
»Ja, ja, schon gut«, sagte Thomas Lieven und ließ ihn stehen. Tief in Gedanken trat er auf die sonnige Straße hinaus. Tief in Gedanken wanderte er durch die Stadt. In der Avenida da Liberdade wurde er aufgehalten. Unter den Palmen zog ein Leichenzug dahin. Polizisten sperrten den Verkehr. Ein bekannter Portugiese mußte da gestorben sein, denn Hunderte von schwarzgekleideten Männern und Frauen folgten ihm ergriffen auf seinem letzten Weg. Viele weinten. Passanten zogen den Hut. Es wurde laut gebetet, und es roch nach Weihrauch.
Hört! Aus dem Murmeln der Trauernden erklang heiseres Gelächter. Ein eleganter junger Herr war es, der da so ungeheuer taktlos störte.
»Schmutziger Ausländer«, sagte eine alte Frau und spuckte vor ihm aus.
»Ja, Mütterchen, ja«, sagte Thomas Lieven. Und dann eilte er, den Regenschirm geschultert, zum nahen Hauptbahnhof, so schnell er konnte.
In der Halle gab es einen großen Stand mit Zeitungen und Illustrierten aus der ganzen Welt. Churchill und Hitler, Göring und Roosevelt hingen hier friedlich nebeneinander, umrahmt von Pin-up-Girls, Freikörperkultur-Knaben und kriegerischen Schlagzeilen in vielen Sprachen.
»Zeitungen, bitte«, sagte Thomas Lieven außer Atem zu dem runzeligen alten Verkäufer. »Alle französischen, alle deutschen.«
»Sind aber von vorgestern.«
»Macht nichts! Geben Sie mir, was Sie haben. Auch die von voriger Woche. Und von vorvoriger Woche.«
»Sind Sie betrunken?«
»Völlig nüchtern. Los, Papa!«
Der alte Mann zuckte die Schultern. Und dann verkaufte er seinen gesamten Bestand an alten Nummern des »Reichs«, des »Völkischen Beobachters«, der »Berliner Zeitung«, der »Deutschen Allgemeinen Zeitung«, der »Münchner Neuesten Nachrichten« und an alten Nummern von »Le Matin«, »L’Œuvre«, »Le Petit Parisien«, »Paris Soir« und neun französischen Provinzblättern. Mit diesem Packen alter Zeitungen kehrte Thomas Lieven ins Hotel zurück und schloß sich in seinem Appartement ein. Und dann studierte er die alten, verstaubten Gazetten, aber immer nur die letzten Seiten, also immer nur jene Spalten, in denen – Todesanzeigen standen. Viele Leute starben täglich in Paris und Köln, in Toulouse und Berlin, in Le Havre und München. Den Toten konnte die Gestapo nichts mehr tun.
Thomas Lieven begann zu tippen. Die Arbeit ging ihm flott von der Hand. Denn nun konnte er mit gutem Gewissen sogar die richtigen Adressen verwenden …
Am 2. September 1940 erwarb unser Freund in einem Lederwarengeschäft der Avenida Duarte Pacheco zwei schwarze Taschen. Am frühen Nachmittag erschien er mit einer dieser Taschen in den eleganten Räumen des Herrn Gomes dos Santos.
Herr dos Santos, einer der besten Schneider Lissabons, schüttelte ihm zum Empfang persönlich und treuherzig lachend die Hand. Gelächter verlieh ihm ein wohlhabendes Aussehen. Herr Santos hatte sehr viel Gold im Mund.
In einem Umkleidezimmer mit rosafarbenen Seidentapeten traf Thomas Lieven den Major Loos, der einen schicken neuen Anzug aus dunklem Flanell trug.
»Gott sei Dank«, sagte Loos erleichtert, als er Lievens ansichtig wurde.
Seit drei Tagen kostete dieser Mensch ihn ohne Ende seine Nerven. Immer wieder war er mit ihm zusammengetroffen in Bars, in Hotelhallen, am Badestrand. Immer wieder hatte dieser Mensch ihn hingehalten: »Ich kann mich noch nicht entscheiden. Ich muß noch einmal mit dem Engländer reden.«
Dasselbe Spiel hatte Thomas Lieven mit Lovejoy getrieben. Auch diesen hatte er immer wieder vertröstet und darauf hingewiesen, daß sein Konkurrent mehr bot, immer noch mehr. Auf diese Weise war bei beiden Herren zuletzt ein Angebot von je 10 000 Dollar zu erreichen gewesen. Thomas wollte es dabei bewenden lassen.
Den beiden Herren hatte er ernst erklärt: »Es muß bis zu Ihrer Abreise absolut geheim bleiben, daß ich Ihnen die Tasche verkauft habe, sonst sind Sie Ihres Lebens nicht sicher. Die Übergabe muß darum an einem unauffälligen Ort stattfinden.«
Loos hatte sich für einen Umkleideraum im Reich des Herrn dos Santos entschieden. Er erklärte Thomas: »Toller Kerl, der Schneider! Macht Ihnen in drei Tagen einen tadellosen Maßanzug aus bestem englischem Stoff.« Er klopfte an seinen Ärmel. »Greifen Sie mal an!«
»Tatsächlich, ausgezeichnet.«
»Wir lassen alle hier arbeiten.«
»Wer ist alle?«
»Sämtliche Agenten, die in Lissabon wohnen.«
»Und dann nennen Sie das einen unauffälligen Ort?«
Loos zeigte sich begeistert von der eigenen Schlauheit: »Gerade! Verstehen Sie nicht? Keiner der lieben Herren Kollegen würde sich träumen lassen, daß ich dienstlich hier bin!«
»Aha.«
»Außerdem habe ich José hundert Escudo gegeben.«
»Wer ist José?«
»Der Zuschneider. Wir sind hier ungestört.«
»Haben Sie das Geld?«
»Selbstverständlich. In diesem Kuvert. Und die Listen?«
»In dieser Tasche.«
Danach sah sich der Major sechs Listen mit einhundertsiebzehn Adressen an und Thomas Lieven ein Kuvert mit zweihundert 50-Dollar-Noten. Beiden schien zu gefallen, was sie sahen.
Der Major schüttelte Thomas die Hand. »Meine Maschine geht in einer Stunde. Viel Glück, alter Schurke. Ich habe Sie richtig liebgewonnen. Vielleicht sehen wir uns wieder.«
»Hoffentlich nicht.«
»Na dann – Heil Schicki!« Loos hob den rechten Arm.
»Wie bitte?«
»So sagen die Herren von unserer Mission hier. Der Kerl soll doch mal Schicklgruber geheißen haben. Sind lauter prima Kameraden hier unten, wirklich. Sollten Sie näher kennenlernen.«
»Ach nein doch, danke.«
»Überhaupt keine Nazis!«
»Natürlich nicht«, sagte Thomas Lieven. »Gute Reise, Herr Lehmann. Und grüßen Sie unbekannterweise den Herrn Admiral von mir.«
4
Im Hinblick auf die besondere politische Lage Portugals zeigen wir keine Wochenschau
gab eine Tafel im Foyer des Lissaboner Filmtheaters »Odeon« bekannt.