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»Sehr, sehr viel!«

»Sie sollten nicht spielen, Madame. Noch ein paar Oliven? Eine Frau, die aussieht wie Sie, muß verlieren. Es ist nur gerecht.«

»Ach …« Der schöne Ausschnitt der Konsulin verriet ihre innere Unruhe. »Sie spielen gar nicht, Monsieur Leblanc?«

»Roulett nicht, nein.«

»Glücklicher!«

»Ich bin Bankier. Ein Spiel, dessen Verlauf ich nicht mit meiner Intelligenz beeinflussen kann, langweilt mich.«

Die schwarze Estrella sagte, plötzlich wieder erschreckend streng und wild: »Ich hasse das Roulett! Ich hasse es, und ich hasse mich, wenn ich spiele!«

Thomas Lieven begann sich aufzuregen. Diese Person, einmal sanft wie ein Lamm, dann übergangslos eine reißende Tigerin … Du lieber Gott, wird das ein Theater werden … Aber schööön!

»Ich hasse zweierlei auf dieser Welt, Monsieur!«

»Das wäre?«

»Das Roulett und die Deutschen«, zischte Estrella.

»Aha.«

»Sie sind Franzose, Monsieur. Ich weiß, daß Sie mich wenigstens in dem zweiten Punkt verstehen werden …«

»Durchaus, Madame, durchaus. Hm! Warum hassen Sie die Deutschen eigentlich?«

»Mein erster Mann war Deutscher.«

»Ich verstehe.«

Menu • 3. September 1940

Nach diesem Essen wurde die schöne Konsulin schwach.

Sardinentoast

Leber auf portugiesische Art

Melone in Champagner

Sardinentoast: Feinste große Ölsardinen ohne Haut und Gräten werden in dem Öl, in dem sie eingelegt waren, kurz auf beiden Seiten gebraten. Dann lege man sie auf frisch zubereiteten heißen Toast, umlege sie mit Zitronenscheiben und serviere. Am Tisch beträufle man sie mit Zitronensaft und bestreue sie außerdem mit etwas Pfeffer.

Bei dieser Speise als Vorgericht reiche man pro Person höchstens zwei belegte Toastscheiben, denn diese Sardinentoasts sollen den Appetit natürlich nur anregen, nicht jedoch erschlagen …

Leber auf portugiesische Art: Man wälze eine der Personenzahl entsprechende Anzahl Scheiben von Kalbs- oder Rindsleber in Mehl. Man beachte: Gesalzen wird Leber immer erst nach dem Braten. Man schneide zwei große Zwiebeln klein. Man befreie ein Pfund Paprikaschoten von Stiel, Kernen und dem weißen Pelz, schneide sie dann in schmale, kurze Streifchen.

Dann zerquetsche man ein Pfund enthäutete Tomaten und drücke den Saft heraus. Sodann dünste man die Zwiebeln in einer halben Tasse Öl hellgelb, gebe die Paprikastreifchen und danach die zerquetschten Tomaten hinzu.

Ist der Paprika weich, füge man den ausgepreßten Tomatensaft bei und lasse ihn noch fünf Minuten mitkochen. Danach streiche man die Masse durch ein Sieb, gieße etwas Sahne hinzu und erhitze das Ganze noch einmal. Mit Salz und scharfem Pfeffer würzen. Diese Sauce gieße man über die erst in letzter Minute gebratene Leber und garniere rundum mit dünnen Scheibchen von entkernten Oliven. Dazu reiche man trockenen Reis.

Melone in Champagner: Man köpfe eine schöne, reife Cantaloupmelone, benutze das geköpfte Stück als Deckel. Dann löse man das innere Fruchtfleisch heraus bis auf einen Rest von einem Zentimeter. Man entkerne dieses herausgelöste Fruchtfleisch, schneide es in mittelgroße Würfel und fülle es wieder in die Melone. Über diese Füllung gieße man einen herben Champagner – so viel, daß die Würfel gut bedeckt sind, aber nicht schwimmen.

Danach wird der »Deckel« aufgesetzt, die Melone kalt gestellt und eiskalt serviert. Man kann diesen Nachtisch auf viele Arten variieren, etwa, indem man likörgetränkte Kirschen oder andere Früchte hinzufügt. Der Feinschmecker bevorzugt die oben beschriebene Art, weil dabei das natürliche Aroma der Melone am besten zur Geltung kommt.

»Und Spielbankdirektor! Ich brauche nicht weiterzusprechen!«

Dieses Gespräch irrt ab, dachte Thomas Lieven und sagte darum: »Gewiß nicht. Etwas allerdings würde mir großen Spaß machen …«

»Nämlich?«

»Ihr Spiel einen Abend lang zu finanzieren.«

»Mein Herr!«

»Wenn Sie gewinnen, teilen wir.«

»Das geht nicht – das ist ausgeschlossen – ich kenne Sie doch überhaupt nicht …«, begann die Konsulin.

Kleiner Zeitsprung. Zehn Minuten später: »Also meinetwegen – aber nur unter der Bedingung, daß wir wirklich teilen, wenn ich gewinne!«

»Selbstverständlich.«

Estrellas Augen begannen zu leuchten, unruhig ging ihr Atem, die Wangen röteten sich: »Wo bleibt denn der Nachtisch, ach, ich bin so aufgeregt, ich fühle ganz deutlich: Jetzt werde ich gewinnen – was ich will, gewinnen …«

Eine Stunde später hatte die temperamentvolle Dame, welche die Deutschen und das Roulett haßte, zwanzigtausend Escudo verloren, also fast dreitausend Mark. Einer Maria Magdalena ähnlich kam sie erschüttert zu Thomas, der an der Bar saß: »O Gott, ich schäme mich so.«

»Aber warum denn bloß?«

»Wie soll ich Ihnen das Geld zurückgeben? Ich – ich bin im Moment ganz knapp …«

»Betrachten Sie es als Geschenk.«

»Unmöglich!« Jetzt sah sie wieder aus wie ein Engel der Rache, wie aus Marmor gemeißelt. »Wofür halten Sie mich! Es scheint, Sie haben sich in mir gründlich geirrt, mein Herr!«

6

Das Boudoir lag im Halbdunkel. Kleine Lämpchen mit roten Schirmen brannten. Auf einem Tischchen stand die Fotografie eines seriösen Herrn mit Zwicker und großer Nase. Der vor Jahresfrist verblichene Anwalt Pedro Rodrigues blickte, in Kleinformat und aus einem Silberrahmen, auf seine Witwe Estrella.

»Ach, Jean – Jean, ich bin so glücklich …«

»Und ich, Estrella, und ich. Zigarette?«

»Laß mich an deiner ziehen …«

Er ließ sie ziehen und sah gedankenvoll die schöne Frau an. Mitternacht war längst vorbei. In der großen Villa der Konsulin regte sich nichts mehr. Das Personal schlief.

Sie schmiegte sich an ihn und streichelte ihn.

»Estrella, Liebling …«

»Ja, mein Herz?«

»Hast du sehr viele Schulden?«

»Wahnsinnig viele … Auf dem Haus liegen Hypotheken …, ich habe schon Schmuck versetzt. Ich hoffe doch immer, daß ich noch alles zurückgewinnen kann …«

Thomas sah die Fotografie an: »Hat er dir viel hinterlassen?«

»Ein kleines Vermögen … Dieses elende, dieses teuflische Roulett, wie ich es hasse!«

»Und die Deutschen!«

»Und die Deutschen, ja!«

»Sag mal, chérie, von welchem Land bist du eigentlich Konsulin?«

»Von Costa Rica. Warum?«

»Hast du schon einmal einen costaricanischen Paß ausgestellt?«

»Nein, nie …«

»Aber doch sicherlich dein Mann?«

»Ja, der schon … Weißt du, seit Kriegsbeginn ist überhaupt niemand mehr hergekommen. Ich glaube, es gibt gar keine Costaricaner mehr in Portugal.«

»Liebling, hm, aber gewiß gibt es doch noch ein paar Paßformulare im Hause?«

»Ich weiß es nicht … Als Pedro starb, habe ich alle Formulare und Stempel in einen Koffer gepackt und auf den Boden getragen … Warum interessiert dich das?«

»Estrella, Schätzchen, weil ich gerne einen Paß ausstellen würde.«

»Einen Paß?«

Im Vertrauen auf ihre finanzielle Misere sagte er sanft: »Oder auch mehrere.«

»Jean!« Sie war entsetzt. »Soll das ein Scherz sein?«

»Mein Ernst.«

»Was bist du bloß für ein Mensch?«

»Der Kern ist gut.«

»Aber – was sollten wir denn mit den Pässen anfangen?«

»Wir könnten sie verkaufen, schönes Kind. Hier gäbe es viele Käufer. Und sie würden viel bezahlen. Und mit dem Geld könntest du … Ich brauche nicht weiterzusprechen …«

»Oh!« Estrella holte tief Atem. Sie sah hinreißend aus, wenn sie tief Atem holte. Estrella schwieg. Estrella dachte nach – lange nach. Dann sprang sie auf und lief ins Badezimmer. Als sie zurückkam, brachte sie einen Bademantel mit.