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»Keine Aufregung, Reynaldo, es ist noch nicht das Delirium tremens – ich bin aus Fleisch und Blut. Jean Leblanc mein Name. Hier, trinken Sie ein Schlückchen, tun Sie was für Ihren armen Blutspiegel. Und dann wollen wir ordentlich essen.«

Der Maler trank, wischte sich die Lippen und ächzte: »Was machen Sie in meiner Küche?«

»Zwiebelsuppe überbacken, Kalbsmedaillons in Madeirasauce …«

»Sind Sie wahnsinnig geworden?«

»… und zum Nachtisch habe ich an Eierkuchen gedacht. Ich weiß doch, daß Sie Hunger haben. Und Sie brauchen eine ruhige Hand.«

»Wozu?«

»Um nach dem Essen einen Paß für mich zu fälschen«, sagte Thomas mild.

Reynaldo erhob sich und griff nach einer schweren Bratpfanne.

»Raus, Spitzel, oder ich schlage dir den Schädel ein!«

»Nicht doch, nicht doch, hier ist ein Brief für Sie.« Thomas wischte die Hände an der Schürze ab, griff in die Brusttasche seiner Jacke und holte ein Kuvert heraus, das er Reynaldo reichte. Der riß es auf, zog einen Bogen hervor und starrte ihn an. Nach einer Weile sah er auf. »Woher kennen Sie Luis Tamiro?«

»Unsere Lebenswege haben sich gestern abend im Spielsaal von Estoril gekreuzt. Der kleine, dicke Luis brachte mir die Nachricht, daß ein alter Freund von mir in Madrid in Bedrängnis geraten sei. Man hat ihm seinen Paß weggenommen. Darum braucht er einen neuen. Und zwar schnell. Luis Tamiro meint, Sie wären der richtige Mann. Ein wirklicher Künstler. Erste Klasse. Jahrelange Erfahrung.«

Reynaldo schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, kommt nicht mehr in Frage. Das habe ich auch Juanita gesagt. Juanita ist meine Frau, wissen Sie …«

»… und hat Sie verlassen, weil es Ihnen dreckig geht. Luis hat mir alles erzählt. Weinen Sie ihr nicht nach. Eine Frau, die einen Mann im Stich läßt, wenn es ihm dreckig geht, ist nichts wert. Passen Sie auf, wie die zurückkommt, wenn Sie wieder Geld haben.«

»Geld, von wem?«

»Unter anderem von mir.«

Reynaldo strich seinen Bart und schüttelte den Kopf. Er sprach wie ein Lehrer zu einem idiotischen Kind. »Hören Sie zu: Wir haben Krieg. Einen Paß nachmachen können Sie nur, wenn Sie das Wasserzeichenpapier dazu haben. Das müssen Sie aber jeweils in dem Land klauen, für das der Paß bestimmt ist …«

»Das weiß ich alles selber.«

»Dann werden Sie auch wissen, daß im Krieg so ein Papier nicht mehr reinkommt. Also kann man Pässe nicht mehr nachmachen. Also kann man sie nur noch fälschen. Und wie geschieht das?«

Die Madeirasauce kostend, antwortete Thomas: »Meist doch wohl so, daß man Menschen betrunken macht oder niederschlägt und ihnen dann ihren Paß fortnimmt, um ihn zu verändern.«

»Sehr richtig! Und sehen Sie, das mache ich nicht. Das ist bei mir nicht drin. Wenn ich nicht mehr ehrlich fälschen kann, dann überhaupt nicht. Ich bin Pazifist!«

»Genau wie ich. Sehen Sie mal zum Fensterbrett, da liegt ein Präsent für Sie.«

Reynaldo erhob sich und schwankte schwerfällig zum Fenster.

»Was ist das?«

»Das sind vier abgelaufene, vollgestempelte Pässe von Costa Rica. Drei gehören Ihnen, wenn Sie den vierten für mich verändern.«

Der Fälscher nahm einen der Pässe zur Hand, holte tief Atem und sah Thomas mit scheuer Bewunderung an. »Wo haben Sie diese Pässe her?«

»Gefunden. Heute nacht.«

»Sie haben heute nacht vier costaricanische Pässe gefunden?«

»Nein.«

»Aha.«

»Ich habe heute nacht nicht vier costaricanische Pässe gefunden, sondern siebenundvierzig«, sagte Thomas Lieven und holte dabei die überbackene Zwiebelsuppe aus dem Herd. »Das Essen ist fertig, Reynaldo.«

Und er dachte: Was für ein Glück, daß meine hübsche junge Konsulin so viele hübsche alte Pässe aufbewahrt hat!

Und er dachte: Jetzt bin ich also bei Herrn Pereira in der Rua do Poco des Negros gelandet. Jetzt werde ich also lernen, wie man fachgerecht Pässe fälscht. Ich – kürzlich noch der jüngste Privatbankier Londons. Ach du liebe Zeit, und ich kann und kann und kann das alles nicht im Club erzählen!

8

Aufgeschlagen lagen die vier Pässe auf dem großen Arbeitstisch beim Fenster. Sie zeigten Fotos von vier unterschiedlichen costaricanischen Staatsbürgern: einem dicken Alten, einem jüngeren Schlanken, einem mit Brille, einem mit Schnurrbart.

Neben den vier Pässen lagen die vier Fotos des Majors Débras vom französischen Geheimdienst, der in Madrid ungeduldig auf Hilfe wartete. Der kleine Luis Tamiro hatte die Fotos Thomas Lieven im Spielsaal von Estoril übergeben.

Das Mittagessen war vorüber. In seinem weißen Arbeitsmantel wirkte Reynaldo Pereira nun wie ein berühmter Chirurg, ein Sauerbruch der Paßfälschung, der sich konzentriert und nüchtern auf einen schwerwiegenden Eingriff vorbereitete.

Er sprach leise: »Sie kennen den Mann in Madrid persönlich. Sie wissen, wie er aussieht. Betrachten Sie die Fotos in den vier Pässen. Lesen Sie die Personenbeschreibung. Sagen Sie mir, welche am ehesten auf Ihren Freund paßt. Denn ich will natürlich den Paß nehmen, in dem ich am wenigsten verändern muß.«

»Das wäre dann wohl dieser hier.« Thomas wies auf den zweiten von links. Der zweite Paß von links lautete auf den Namen Rafaelo Puntareras.

Der Paß war am 8. Februar 1934 ausgestellt worden und hatte am 7. Februar 1939 seine Gültigkeit verloren. Er enthielt viele Visen und Grenzpolizeistempel; nur wenige Seiten waren noch frei. Darum hatte Kaufmann Puntareras den abgelaufenen Paß wohl auch nicht mehr verlängert, sondern sich bei dem inzwischen verschiedenen Konsul Pedro Rodrigues gleich einen neuen ausstellen lassen.

Thomas sagte: »Die Personenbeschreibung paßt auf meinen Freund, nur hat er braune Haare und blaue Augen.«

»Dann müssen wir die Haarfarbe und die Augenfarbe ändern, die Fotos austauschen, auf dem Foto Ihres Freundes den Stempel ergänzen, den Ablauftag und den Ausstellungstag des Passes korrigieren und in den Stempeln und Visa alle Daten richtigstellen, die dann zu früh liegen.«

»Der Name Puntareras?«

»Will sich Ihr Freund längere Zeit in Lissabon aufhalten?«

»Nein, er fliegt sofort weiter nach Dakar.«

»Dann kann der Name bleiben.«

»Aber er braucht doch ein Durchreisevisum für Lissabon und ein Einreisevisum für Dakar.«

»Na und? Ich habe einen ganzen Schrank voll Stempel. Größte Sammlung Europas wahrscheinlich. Nein, nein, das ist ein kleiner Fisch!«

»Was wäre denn ein großer gewesen?«

»Ein Paß, in dem man alles ändern muß und das Foto auch noch einen Prägestempel trägt. Also, dazu hätte ich glatt zwei Tage benötigt.«

»Und für Herrn Puntareras?«

»Sie müssen meine schlechte Verfassung berücksichtigen, meine Unausgeglichenheit, mein Unglück in der Ehe – verdammt noch mal, aber in höchstens sieben Stunden kriege ich das Ding trotzdem hin!«

Entspannt und leise summend begann Reynaldo Pereira das Werk. Er nahm einen konischen Metalldorn, der in einem Holzgriff steckte, eine Art Schusterahle, und führte ihn von der Fotoseite her durch die erste Öse des Paßbildes so weit ein, daß er festsaß. Dann begann er vorsichtig, die Rückseite der Öse mit einem feinen Federmesser aufzubördeln.

Der Meister sprach: »Immer zuerst das Foto entfernen, damit nicht durch eine Ungeschicklichkeit beim Arbeiten der Gummistempel beschädigt wird.« Er erleichterte sich durch zartes Aufstoßen. »Wirklich phantastisch, Ihre Zwiebelsuppe!«

Thomas saß reglos beim Fenster. Er gab keine Antwort, um den Meister nicht seiner Konzentration zu berauben.

Zwei Ösen hielten Rafaelo Puntareras’ Foto fest. Nach einer dreiviertel Stunde hatte der Meister sie beide aufgebördelt. Vorsichtig drehte er die Metallröhren mit der Ahle heraus.

Jetzt steckte er eine elektrische Heizplatte an, legte einen alten Buchdeckel darauf und den Paß auf diesen.

Der Meister sprach: »Zehn Minuten durchwärmen. Wir nennen das: den Paß zum Leben erwecken. Das Papier wird weicher, elastischer, ist aufnahmefähiger für Flüssigkeiten, läßt sich in jeder Beziehung leichter bearbeiten.«