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Nach einer Zigarettenpause nahm sich Pereira den Paß wieder vor. Mit einer Pinzette faßte er eine Ecke von Herrn Puntareras’ Konterfei, über der sich kein Stempel befand, und hob sie äußerst vorsichtig einen Millimeter hoch. Danach befeuchtete er einen feinen Pinsel mit dem stark riechenden Inhalt eines Fläschchens.

Der Meister sprach: »Als Pinsel verwende man nur feinste Dachs- oder Rotmarderhaarfabrikate, Größe Null.«

Er tupfte die Flüssigkeit zwischen Foto und Paßseite, das Bild dabei mit der Pinzette abspreizend. Das Klebemittel wurde gelöst. Nach fünf Minuten hob der Meister das Foto ab und trug es zu einem weit entfernten Bücherbord. »Damit ich es nicht versehentlich beschädige.«

Er kam zum Tisch zurück, schloß die Augen, lockerte die Finger, sammelte sich offensichtlich.

Der Meister sprach: »Um ein erstes Verhältnis zu meinem Paß zu bekommen, beginne ich mit einer ganz leichten Veränderung: Ich entferne einen Punkt.«

Er legte das Dokument unter eine große, feststehende Lupe. Einen neuen feinen Pinsel befeuchtete er mit einer wasserhellen Flüssigkeit.

Im gleichen Moment, in dem er einen Tintenpunkt im Schriftbild der Personenbeschreibung benetzte, drückte er auf den Startknopf einer Stoppuhr.

Er wartete, bis der Tintenpunkt beinahe ganz verblaßt war, dann saugte er die restliche Flüssigkeit blitzschnell mit der scharfgeschnittenen Kante eines Löschpapiers auf.

»Drei Sekunden. Nun haben wir einen Anhaltswert. Mit der Vergleichszeit für einen Punkt können wir uns an einen Haarstrich wagen.«

Er entfernte alle Haarstriche auf der einen Seite, indem er sie wie viele Punkte abtupfte. Dann machte er sich an die dickeren Grundstriche, die er entfernte, indem er sie von beiden Seiten zur Mitte hin mit der geheimnisvollen Flüssigkeit bestrich. »In der Branche nennen wir das: zum Kern hin arbeiten.«

Nachdem er zwei Stunden lang »zum Kern hin« und nach der Punktmethode gebleicht hatte, waren alle unbrauchbaren Angaben verschwunden, auch die zu früh liegenden Daten in den Visen und Grenzpolizeistempeln und die Daten der Ausstellung und des Ablauftages.

Nun entspannte der Meister eine halbe Stunde lang. Er tanzte ein bißchen, um wieder locker zu werden.

Thomas kochte Kaffee. Bevor Pereira ihn trank, zerschlug er ein Ei und goß das Eiweiß auf einen flachen Teller: »Damit die Luft eine große Angriffsfläche hat. Wir sagen: Es muß gestanden haben!«

Nach zehn Minuten füllte er sodann die Rillen und Täler, welche die Bleichmittel trotz aller Vorsicht in das Papier gefressen hatten, sorgfältig mit dem zähflüssigen, schnell trocknenden Eiweiß aus, damit wieder vollkommen ebene Flächen entstanden. Über diese stäubte er glanzloses Malerfixativ.

Nun holte er das herausgelöste Foto des Kaufmanns Puntareras wieder herbei, schlug es in hauchdünnes Seidenpapier ein und verklebte dieses auf der Fotorückseite, damit es nicht verrutschen konnte. Mit einem Achatstift zog er auf dem Seidenpapier die Konturen des Stempelteiles nach, der sich auf dem Foto befand.

Danach beschnitt er eines der vier Fotos des Majors Débras so, daß es um eine Winzigkeit größer war als das Bild Puntareras’, und legte ein Stückchen Kohlepapier darüber, dessen Farbe genau der Stempelfarbe entsprach. Von dem alten Foto löste er das Seidenpapier ab, legte dieses über das Kohlepapier auf Débras’ Foto und verklebte es wieder. Noch einmal zog er die gewonnenen Konturen mit dem Achatstift nach.

Vorsichtig löste er danach die Hüllen. Débras’ Bild trug nun den Stempel.

Schnell fixierte der Meister sein verwischbares Werk.

Mit einer scharfen Zange lochte er nun Débras’ Foto an vorher genau festgelegten Stellen und befestigte es mit Gummiarabikum und zwei Schuhösen im Paß. Mit einer anderen Zange bördelte er die Ösen zu.

Danach beschriftete er mit Tusche alle Stellen neu, die er gelöscht hatte. Der Meister sprach: »Man verändert, wo es geht, die alten Zahlen natürlich in neue, ähnliche, also eine 3 in eine 8, eine 1 in eine 4 …«

Nach sechseinhalb Stunden angestrengter Arbeit stempelte Pereira ein portugiesisches Durchreisevisum und ein Einreisevisum für Dakar in den Paß und füllte sie aus.

»Fertig!«

Thomas applaudierte begeistert. Der Meister verneigte sich mit Würde: »Stets gerne zu ähnlichen Diensten bereit.«

Thomas schüttelte ihm die Hand. »Ich werde nicht hiersein, um von Ihrer einmaligen Begabung weiterhin zu profitieren. Doch seien Sie guten Mutes, Reynaldo, ich schicke Ihnen eine hübsche Kundin. Ich bin sicher, Sie werden sich wundervoll miteinander verstehen …«

9

Unter dem Dach des großen Zeitungsgebäudes auf dem Praça Dom Pedro IV. liefen die letzten Nachrichten über ein Leuchtschriftband. Blicke aus tausend Augenpaaren waren voll Spannung, voller Angst auf die flimmernden Buchstaben gerichtet. Portugiesen und Emigranten drängten sich auf dem schönen Platz mit seinem schwarz-weißen Mosaikpflaster, saßen in den Straßengärten der Cafés, die den Platz säumten, starrten zu dem Leuchtschriftband empor, lasen …

(United Press): Madrid – Gerüchte über deutsch-spanische Geheimverhandlungen behaupten sich hartnäckig – Deutsche Wehrmacht fordert angeblich freien Durchmarsch, um Gibraltar angreifen und Mittelmeer schließen zu können – Franco entschlossen, neutral zu bleiben – Britischer Botschafter warnt Spanien mit aller Entschiedenheit – Antibritische Demonstration in Barcelona und Sevilla …

Zwei Männer saßen an einem Kaffeehaustisch am Straßenrand, Gläser mit Pernod vor sich. Der kleine, dicke Luis Tamiro blätterte in dem an diesem Nachmittag gefälschten Paß. Er brummte bewundernd: »Prima Arbeit, also wirklich!«

»Wann fliegt Ihre Maschine?«

»In zwei Stunden.«

»Grüßen Sie Débras von mir. Er soll machen, daß er herkommt. In fünf Tagen läuft mein Schiff aus.«

»Hoffentlich schafft er es bis dahin!«

»Was heißt das?« fragte Thomas Lieven.

Luis Tamiro zog sorgenvoll an seiner kleinen Brasilzigarre: »Die Spanier sind nach außen hin neutral. Aber sie lassen deutsche Agenten ganz hübsch arbeiten. Drei deutsche ›Touristen‹ bewachen den Major in Madrid auf Schritt und Tritt, Tag und Nacht. Jeder immer acht Stunden lang. Er weiß es. Die Kerle sind nicht abzuschütteln. Löffler, Weise und Hart heißen sie. Wohnen im ›Palace-Hotel‹ wie er.«

»Was ist der Witz der Sache?«

»Seit man dem Major seinen Paß weggenommen hat, darf er Madrid nicht verlassen. Die drei Deutschen wissen, wer er ist, sie können es nur noch nicht beweisen. Sie wollen rauskriegen, was er in Madrid macht. Außerdem: Sobald er die Stadt verläßt, ist das ein Grund für die spanische Polizei, ihn sofort einzusperren. Wenn er einmal in einem Gefängnis landet, kann man ihn ohne großes Aufsehen nach Deutschland entführen.«

»Er muß die drei also abschütteln?«

»Ja, aber wie? Die warten doch nur wie die Schießhunde auf den Moment, in dem er zu flüchten versucht, um ihn hochgehen zu lassen!«

Thomas Lieven betrachtete den Kleinen neugierig: »Sagen Sie mal, Tamiro, was haben Sie eigentlich für einen Beruf?«

Der kleine Dicke seufzte, dann verzog er den Mund. »Mädchen für alles, was verboten ist. Menschenschmuggel. Waffenschmuggel. Schleichhandel. Alles für Geld. Ich war mal Juwelier in Madrid.«

»Na und?«

»Der Bürgerkrieg hat mich erledigt. Geschäft zerbombt. Ware geklaut. Dann habe ich auch noch politischen Ärger bekommen. Nein, nein, ich habe übergenug. Bei mir hat jetzt alles seinen festen Preis! Mir soll man den Buckel runterrutschen mit Idealismus.«

Leise fragte Thomas Lieven: »Kennen Sie in Madrid wohl noch ein paar Herren, die so denken wie Sie?«

»Einen ganzen Haufen!«

»Und Sie sagen, es hat alles seinen festen Preis?«