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»Klar!«

Lächelnd sah Thomas zu dem flimmernden Leuchtschriftband auf. Sanft murmelte er: »Hören Sie mal, Luis, was würde – unter Freunden – wohl eine kleine, spontane Volkserhebung kosten?«

»Woran denken Sie?«

Thomas Lieven sagte ihm, woran er dachte.

10

»Aaaaaahhhhh!!!«

Mit einem Schrei fuhr die schwarzhaarige, vollschlanke Konsulin Estrella Rodrigues aus dem Schlaf empor, als Thomas Lieven zu später Stunde ihr Zimmer betrat. Bebend entzündete sie die kleinen Lämpchen mit den roten Schirmen hinter dem Bett. Eine Hand preßte sie ans Herz.

»O Gott, Jean, hast du mich erschreckt!«

»Verzeih, Liebling, es wurde spät – ich habe noch den Mann mit dem Paß auf den Weg gebracht …« Er sank auf den Bettrand; sie warf sich in seine Arme. »Küß mich …« Sie preßte sich an ihn. »Daß du da bist! Daß du endlich da bist! Ich habe auf dich gewartet – stundenlang – ich habe gedacht, ich muß sterben – ich habe gedacht, ich muß vergehen …«

»Vor Sehnsucht nach mir?« fragte er geschmeichelt.

»Das auch.«

»Bitte?«

»Ich habe den ganzen Abend gehofft, du kommst und schenkst mir noch ein wenig Geld, damit ich nach Estoril fahren kann!«

»Hr-rm!«

»Ich habe draußen angerufen! An allen Tischen kamen die Elf und ihre Nachbarn! Kannst du dir das vorstellen? Das sind doch meine Zahlen! Ein Vermögen hätte ich heute gewonnen!«

»Estrella, ich werde dich morgen mit einem ganz ausgezeichneten Fälscher zusammenbringen. Ihm kannst du deine Pässe in Kommission geben. Er ist bereit, mit dir halbe-halbe zu machen.«

»O Jean, wie wundervoll.« Thomas ging ins Badezimmer. Sie rief ihm zärtlich nach: »Weißt du, was ich vorhin geträumt habe?«

Aus dem Badezimmer forschte er: »Was?«

»Ich habe geträumt, du wärst ein Deutscher – und mein Geliebter! Ein Deutscher! Wo ich doch die Deutschen so hasse! Ich habe gedacht, ich vergehe; ich habe gedacht, ich sterbe … Jean, kannst du mich verstehen?«

»Jedes Wort.«

»Warum sagst du dann nichts?«

Sie hörte ihn husten. »Ich habe vor Schreck ein halbes Glas Mundwasser geschluckt!«

Das amüsierte sie: »Ach, bist du goldig! Komm! Komm schnell zu deiner zärtlichen Estrella …«

Später erwachte die hinreißend gebaute Deutschenhasserin davon, daß Thomas Lieven im Schlaf schallend lachte. Sie schüttelte ihn nervös wach.

»Jean, Jean, was ist los?«

»Wie? Oh, ich hatte so einen komischen Traum.«

»Wovon?«

»Von einer kleinen, spontanen Volkserhebung«, sagte er. Und lachte noch einmal.

11

Madrid, 5. September 1940.

Vertraulicher Bericht des Kommissars Filippo Aliados von der Geheimen Staatspolizei an seinen Vorgesetzten:

ÄUSSERST DRINGEND!

Heute um 14 Uhr 03 erhielt ich einen Anruf vom Diensthabenden des 14. Polizeirayons. Es wurde mir mitgeteilt, daß sich vor dem Gebäude der britischen Botschaft in der Calle Fernando el Santo 16 etwa fünfzig Personen versammelt hätten, die gegen England demonstrierten.

Ich begab mich mit fünf Mann sofort zur Botschaft und stellte fest, daß es sich bei den Demonstranten um Angehörige der ärmeren Bevölkerungsschichten handelte. In Chören stießen diese Personen Schmährufe gegen England aus. Es wurden 4 (vier) Fensterscheiben eingeworfen und 3 (drei) Blumenkästen zur ebenen Erde abgerissen. Im Auftrage Seiner Exzellenz des Herrn Britischen Botschafters war der Herr Handelsattaché auf die Straße geeilt, um die Demonstranten zur Rede zu stellen.

Bei meinem Eintreffen teilte mir der Herr Britische Handelsattaché außerordentlich erregt mit: »Die Männer geben zu, daß sie von deutschen Agenten für diesen Aufruhr bezahlt wurden.«

Während der größte Teil der Demonstranten vor einer blitzschnell eingreifenden Abteilung der Polizei die Flucht ergriff, gelang es uns, drei Personen festzunehmen mit Namen: Luis Tamiro, Juan Mereira und Manuel Passos.

Die Festgenommenen wiederholten vor mir die Behauptung, sie wären von deutschen Agenten bezahlt worden. Sie nannten die Namen dieser Agenten: 1. Helmut Löffler 2. Thomas Weise 3. Jakob Hart. Alle drei wohnhaft im ›Palace-Hotel‹.

Der Herr Britische Handelsattaché bestand auf einer sofortigen Untersuchung und kündigte einen diplomatischen Protest seiner Regierung an.

Von meiner Dienststelle immer wieder angewiesen, auf strikteste Neutralität unseres Landes zu achten, begab ich mich darum sofort ins ›Palace-Hotel‹ und nahm die oben genannten drei deutschen Touristen fest, die bei der Festnahme Widerstand leisteten und zuletzt gefesselt abgeführt werden mußten.

Die drei Deutschen bestritten beim Verhör empört, die Demonstranten finanziert zu haben. Eine Gegenüberstellung mit den drei Demonstranten verlief ergebnislos, woraufhin ich die Demonstranten entließ. Eine Anzeige wegen öffentlicher Ruhestörung läuft.

Unser Geheimdienst kennt die drei Deutschen. Es handelt sich bei ihnen tatsächlich um Agenten der Deutschen Abwehr, und ihnen ist eine Aktion wie die behauptete natürlich zuzutrauen.

Die drei Deutschen werden noch bei mir festgehalten. Ich bitte um schnellste Entscheidung darüber, was mit ihnen geschehen soll, denn der Herr Britische Handelsattaché erkundigt sich stündlich telefonisch nach meinen Maßnahmen.

gez.: Filippo Aliados, Kommissar

12

Eine deutsche Faust schlug krachend auf einen deutschen Eichenholzschreibtisch. Der Schreibtisch stand im Zimmer eines Hauses am Tirpitzufer in Berlin. Die Faust gehörte dem Admiral Canaris. Er stand hinter dem Schreibtisch. Vor dem Schreibtisch stand der gallenleidende Major Fritz Loos aus Köln.

Das Gesicht des Majors war sehr bleich. Das Gesicht des Admirals war sehr rot. Der Major war sehr still. Der Admiral war sehr laut:

»Jetzt reicht es mir aber, Herr Major! Drei unserer Leute aus Spanien ausgewiesen! Protest der britischen Regierung! Die Feindpresse hat ihr Fressen. Und Ihr feiner Herr Lieven lacht sich in Lissabon einen Ast!«

»Herr Admiral, ich verstehe wirklich nicht, was dieser Kerl schon wieder damit zu tun hat!«

Canaris sagte bitter: »Während unsere Leute in Madrid stundenlang festgehalten wurden, verließ Major Débras das Land. Ohne Zweifel mit einem falschen Paß. Wohlbehalten traf er in Lissabon ein. Und wissen Sie, wen er im Speisesaal von Estoril öffentlich umarmte und auf die Wange küßte? Ihren Freund Lieven! Und wissen Sie, mit wem er danach ein gewaltiges Dinner verzehrte? Mit Ihrem Freund Lieven!«

»Nein … O Gott, nein … Das kann nicht sein!«

»Es ist so. Unsere Leute haben die rührende Wiedersehensszene beobachtet. Was konnten sie tun? Nichts!«

Major Loos verspürte ein furchtbares Ziehen und Brennen im Leib. Natürlich meine Galle, dachte er verzweifelt. Dieser Hund, dieser elende Hund von einem Thomas Lieven! Warum habe ich ihn damals in Köln bloß aus dem Gestapo-Gefängnis geholt?

»Herr Major, wissen Sie, wie man Sie bereits nennt? Den ›Pannen-Loos‹!«

»Herr Admiral, pardon, das finde ich sehr ungerecht.«

»Ungerecht? Wenn Sie dem Kerl 10 000 Dollar für Listen mit den Namen der wichtigsten französischen Geheimagenten bezahlen – und wir feststellen dürfen, daß es sich um lauter Tote handelt? Sie hatten den Auftrag, den Mann mitzubringen!«

»Portugal ist ein neutrales Land, Herr Admiral …«

»Das ist egal! Mir reicht es jetzt! Ich will diesen Herrn Lieven hier sehen! In diesem Zimmer! Und lebendig! Verstanden?«

»Jawohl, Herr Admiral.«

13

6. September 1940, 18 Uhr 47.

Die Funküberwachung des »Secret Service« meldet an ihren Chef M 15 London:

Seit 15 Uhr 15 äußerst lebhafter Funkverkehr zwischen Abwehr Berlin und deutscher Gesandtschaft Lissabon. Verkehr wird nicht chiffriert, sondern offensichtlich in irreführendem Klartext geführt. Berliner Funksprüche sind gerichtet an deutschen Handelsattaché Lissabon, der aufgefordert wird, dafür zu sorgen, daß »Kaufmann Jonas« schnellstens heimkehrt. Ohne Zweifel großes Entführungsmanöver in Vorbereitung. »Kaufmann Jonas« muß eine Persönlichkeit sein, die für Abwehr Berlin von allergrößter Wichtigkeit ist …